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Fachthema

Traumatisierte Pflegekinder
Verstehen, Begleiten, Stärken

Die meisten Pflegekinder haben Traumatisches erlebt — Vernachlässigung, Misshandlung, frühe Trennung. Dieser Fachratgeber erklärt, wie Trauma entsteht, wie es sich im Alltag zeigt und was du als Pflegeelternteil konkret tun kannst — und was du unbedingt vermeiden solltest.

12 Min. LesezeitAktualisiert: Februar 2026Fachlich geprüft

Was ist ein Trauma?

Der Begriff Trauma stammt aus dem Griechischen und bedeutet Wunde. In der Psychologie bezeichnet er ein Erlebnis, das die psychischen Verarbeitungsmöglichkeiten eines Menschen übersteigt und tiefe Spuren im Nervensystem hinterlässt. Das Gehirn — besonders bei Kindern noch in der Entwicklung — kann das Geschehen nicht integrieren und speichert es fragmentiert, nicht als kohärente Erinnerung, sondern als Sinneseindrücke, Körpergefühle und Emotionen.

Entscheidend ist nicht das Ereignis selbst, sondern die subjektive Erfahrung des Kindes: Was für einen Erwachsenen handhabbar erscheint, kann für ein kleines Kind ohne Schutz und Unterstützung traumatisierend sein.

Arten von Trauma

Monotrauma

Ein einmaliges, abgrenzbares Ereignis — zum Beispiel ein Unfall, eine Operation oder ein einmaliger körperlicher Übergriff. Das Gehirn kann ein Monotrauma unter guten Bedingungen vergleichsweise gut verarbeiten.

Komplextrauma

Wiederholte, lang anhaltende Traumatisierungen — meist im Beziehungskontext. Vernachlässigung über Monate, chronische Misshandlung, häusliche Gewalt. Betrifft die meisten Pflegekinder.

Entwicklungstrauma

Traumatisierung in sensiblen Entwicklungsphasen, besonders in den ersten Lebensjahren. Beeinträchtigt das Bindungssystem, die Selbstregulation und die gesamte Persönlichkeitsentwicklung nachhaltig.

Häufige traumatische Erfahrungen bei Pflegekindern

Die meisten Kinder, die in eine Pflegefamilie kommen, haben nicht nur eine einzelne belastende Erfahrung gemacht — sie haben oft ein Bündel an Belastungen erlebt, häufig von Beginn des Lebens an:

  • Körperliche und emotionale Vernachlässigung: Grundbedürfnisse wie Nahrung, Wärme, Hygiene und emotionale Zuwendung wurden dauerhaft nicht erfüllt. Das Nervensystem lernt: Niemand ist verlässlich, Hilfe kommt nicht.

  • Körperliche Misshandlung: Körperliche Bestrafung, Schläge, Verletzungen — oft verbunden mit Unberechenbarkeit: Die Person, die schlägt, ist auch die Person, die gebraucht wird.

  • Emotionale Misshandlung: Abwertung, Demütigung, Bedrohung, Kälte. Hinterlässt tiefe Narben im Selbstbild des Kindes — oft unsichtbarer, aber nicht weniger prägend als körperliche Gewalt.

  • Sexuelle Gewalt: Eine der schwerwiegendsten Formen von Trauma, die das Körpergefühl, die Sexualentwicklung und das Vertrauen in Menschen nachhaltig beeinträchtigt.

  • Frühe Trennung und Beziehungsabbrüche: Die Trennung von der Herkunftsfamilie — auch wenn sie schützend war — ist für das Kind ein Verlust. Mehrfache Unterbringungswechsel verstärken das Erleben: 'Niemand bleibt.'

  • Häusliche Gewalt miterleben: Auch als Zeuge häuslicher Gewalt wird das Nervensystem dauerhaft aktiviert. Kinder entwickeln feine Antennen für Gefahrensignale — und reagieren auch im sicheren Umfeld entsprechend.

Gut zu wissen

Wichtige Perspektive: Traumatische Erfahrungen bedeuten nicht zwangsläufig ein „beschädigtes" Kind. Das Gehirn hat sich angepasst — oft auf sehr intelligente Weise. Was heute als Symptom erscheint, war einmal eine Überlebensstrategie. Diese Sichtweise verändert, wie wir mit Kindern umgehen.

Wie zeigt sich Trauma bei Kindern?

Traumasymptome sind vielgestaltig und können sich je nach Alter, Art und Dauer des Traumas sehr unterschiedlich äußern. Besonders verwirrend: Manche Kinder wirken nach außen hin unauffällig oder sogar besonders angepasst — und zeigen die eigentliche Belastung erst Monate nach dem Einzug, wenn sie sich sicherer fühlen.

Altersspezifische Symptome

Säuglinge und Kleinkinder (0–3 Jahre)

  • Exzessives Schreien, Tröstungsresistenz
  • Schlaf- und Esstörungen
  • Eingeschränkter Blickkontakt, soziales Rückzugsverhalten
  • Entwicklungsverzögerungen (Sprache, Motorik)
  • Körperliche Anspannung, Schreckhaftigkeit

Vorschulkinder (3–6 Jahre)

  • Regression: Einnässen, Daumenlutschen, Babysprache
  • Trennungsangst, Klammern
  • Nachspielen traumatischer Szenen im Spiel
  • Albträume, Einschlafprobleme
  • Starke Stimmungsschwankungen

Schulkinder (6–12 Jahre)

  • Konzentrationsprobleme, Schulversagen
  • Aggressivität oder starker Rückzug
  • Körperliche Beschwerden ohne organische Ursache (Bauch, Kopf)
  • Schuldgefühle, geringes Selbstwertgefühl
  • Schlafstörungen, Albträume

Jugendliche (12–18 Jahre)

  • Risikoverhalten: Drogen, Selbstverletzung, frühe Sexualität
  • Dissoziative Episoden (Wegtreten, Leere)
  • Depression, Angststörungen
  • Starke Impulsivität, Wutausbrüche
  • Misstrauen gegenüber Erwachsenen, Bindungsvermeidung

Zentrale Traumaphänomene im Überblick

Trigger

Reize, die unbewusst an das traumatische Erlebnis erinnern: ein Geruch, ein Tonfall, eine Geste, ein Datum. Das Kind reagiert auf den Trigger so, als wäre das Trauma gerade jetzt — nicht auf die aktuelle Situation.

Flashbacks

Intensive, unwillkürliche Wiederholung traumatischer Eindrücke — als Bild, Körpergefühl oder Emotion. Das Kind ist nicht mehr im Hier und Jetzt, sondern erlebt das Vergangene erneut.

Dissoziation

Das Bewusstsein trennt sich vom Körper oder der Umgebung, um unerträgliche Erfahrungen zu überleben. Betroffene Kinder wirken abwesend, reagieren kaum, erinnern sich hinterher nicht.

Hypervigilanz

Dauerhafter Alarmzustand des Nervensystems: Das Kind beobachtet ständig seine Umgebung auf Gefahren, schreckt leicht auf, kann sich nicht entspannen — auch wenn es objektiv sicher ist.

Regression

Rückfall in frühere Entwicklungsphasen — Einnässen, Babyrollen, Nägelkauen. Das Nervensystem sucht Sicherheit auf einem Entwicklungsniveau, auf dem es sich einmal sicher gefühlt hat.

Schlafstörungen

Einschlafprobleme, Albträume, nächtliches Aufschrecken, Bettnässen. Der Schlaf ist die Phase, in der das Gehirn versucht, Erlebnisse zu verarbeiten — bei Trauma gelingt das oft nur unzureichend.

Wichtig

Traumatisierte Kinder zeigen ihre Symptome oft nicht gleichmäßig. Häufig verschlimmern sich Verhaltensweisen, nachdem das Kind in die Pflegefamilie kommt — nicht weil die Pflegefamilie etwas falsch macht, sondern weil das Kind sich zum ersten Mal sicher genug fühlt, um die aufgestauten Gefühle zu zeigen.

Ausführlicher Ratgeber

Verhaltensauffälligkeiten beim Pflegekind

Ursachen, konkrete Reaktionsstrategien und wann professionelle Hilfe nötig ist.

Grundlagen der Traumapädagogik

Traumapädagogik ist ein pädagogisches Handlungskonzept, das von Menschen wie Wilma Weiß und Silke Birgitta Gahleitner maßgeblich entwickelt wurde. Es fragt nicht: „Warum macht das Kind das?" — sondern: „Was hat das Kind erlebt, das dieses Verhalten erklärt?" Der Perspektivwechsel ist fundamental.

Das Ziel der Traumapädagogik ist es, ein Umfeld zu schaffen, in dem traumatisierte Kinder sich sicher genug fühlen, um sich zu öffnen, zu wachsen und neue Erfahrungen zu machen. Das gelingt nicht durch Technik, sondern durch Haltung und Beziehung.

Tragende Prinzipien der Traumapädagogik

1

Der sichere Ort

Das Fundament aller traumapädagogischen Arbeit. Ein sicherer Ort ist nicht nur physisch — er meint eine innere Sicherheit, die entsteht, wenn das Kind erlebt: Hier passiert mir nichts. Hier bin ich willkommen. Hier gelten klare, verlässliche Regeln. Routinen, Vorhersehbarkeit und konsistentes Verhalten der Bezugspersonen schaffen diesen inneren sicheren Ort.

2

Transparenz

Traumatisierte Kinder haben oft in Umgebungen gelebt, die unberechenbar und intransparent waren. Transparenz bedeutet: Das Kind weiß, was als nächstes passiert. Übergänge werden angekündigt. Entscheidungen werden erklärt — auch wenn das Kind keine Wahl hat. Transparenz gibt dem Kind die Kontrolle zurück, die ihm genommen wurde.

3

Partizipation

Das Kind wird, soweit möglich, an Entscheidungen beteiligt, die es betreffen. Nicht als Gleichgestellter — aber mit echter Berücksichtigung seiner Meinung und Wünsche. Das stärkt die Selbstwirksamkeit und vermittelt: Ich bin jemand, dessen Stimme zählt.

4

Selbstwirksamkeit stärken

Traumatisierte Kinder haben oft das Erleben von Ohnmacht verinnerlicht — ich kann nichts verändern, nichts ausrichten. Erfahrungen, in denen das Kind erlebt, dass es durch sein Handeln etwas bewirkt (auch kleine Alltagssituationen), wirken dem entgegen und stärken das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit.

5

Beziehungsarbeit

Trauma entsteht häufig in Beziehungen — und heilt auch durch Beziehungen. Die Pflegefamilie ist kein therapeutisches Setting, aber die Bindungserfahrungen, die ein Kind dort macht, sind der stärkste Schutzfaktor, den es gibt. Eine stabile, feinfühlige Bezugsperson kann Jahrzehnte falscher Lernerfahrungen langsam überschreiben.

Tipp

Die Traumapädagogik erwartet keine perfekten Reaktionen von Pflegeeltern. Fehler passieren — und wie du mit Fehlern umgehst, ist selbst traumapädagogisch wirksam. Ein aufrichtiges „Das war falsch von mir, es tut mir leid" ist eine der heilsamsten Erfahrungen für ein Kind, das gelernt hat, dass Erwachsene Fehler niemals zugeben.

Ausführlicher Ratgeber

Bindungsstörung beim Pflegekind

Formen, Ursachen und wie sichere Bindung in der Pflegefamilie gelingen kann.

Praktische Tipps für den Alltag

Wissen über Trauma ist wichtig — aber der eigentliche Unterschied entsteht im Alltag, in hunderten kleiner Momente. Diese konkreten Ansätze können helfen:

1Routinen schaffen — Verlässlichkeit als Therapie

Feste Tagesstrukturen sind für traumatisierte Kinder keine Einschränkung — sie sind Sicherheit. Immer gleiche Abläufe beim Aufstehen, Essen und Zubettgehen signalisieren: Die Welt ist vorhersehbar. Mir wird nichts Unerwartetes passieren.

  • Tagesablauf visualisieren (Bildkarten für jüngere Kinder)
  • Vorhersehbare Übergänge: Zeitpuffer vor Terminen einplanen
  • Wochenübersichten sichtbar machen (Kalender am Kühlschrank)
  • Rituale etablieren — Gutenacht-Ritual, Begrüßungsritual

2Trigger erkennen und entschärfen

Führe innerlich (oder schriftlich) Buch über Situationen, in denen das Kind stark reagiert. Oft lässt sich ein Muster erkennen: bestimmte Gerüche, Geräusche, Tageszeiten, Situationen. Wenn du den Trigger kennst, kannst du ihn manchmal entschärfen — oder das Kind darauf vorbereiten.

  • Beobachten: Was ging der Reaktion voraus?
  • Dokumentieren: Muster im Verhalten festhalten
  • Ansagen: 'Gleich wird es etwas lauter — das ist nur der Fernseher'
  • Nicht 'warum tust du das?', sondern 'was brauchst du gerade?'

3Co-Regulation: Ruhe ausstrahlen, wenn das Kind nicht kann

Kleine Kinder regulieren ihre Gefühle über ihre Bezugspersonen. Das gilt auch für traumatisierte Kinder, die oft emotional jünger sind, als ihr Alter vermuten lässt. Wenn du ruhig bleibst, einen tiefen Atem nimmst und deine Stimme senkst, sendest du deinem Nervensystem — und dem des Kindes — ein Signal: Es ist sicher.

  • Stimme bewusst senken und verlangsamen
  • Körperliche Nähe anbieten — aber nie erzwingen
  • 'Ich bin hier. Du bist sicher. Ich bleibe.'
  • Eigene Aktivierung (Stress) regulieren, bevor du reagierst

4Beruhigungsstrategien und Körperarbeit

Trauma ist im Körper gespeichert — deshalb helfen körperorientierte Techniken oft mehr als Gespräche. Diese Strategien lassen sich einfach in den Alltag integrieren und helfen dem Nervensystem, aus dem Alarmzustand herauszufinden:

  • Langsames Ausatmen (Bauchatmung): beruhigt das Nervensystem direkt
  • Igel-Ball, Knautschball oder schwere Decken: sensorische Regulation
  • Gemeinsames Schaukeln, Wippen: rhythmische Bewegung wirkt regulierend
  • Kaltes Wasser auf Handgelenke oder Gesicht: Stresskurve senken
  • Bewegungsangebote: Toben, Trampolin, Sport als Ventil

5Gute Gründe für Verhalten suchen

Jedes Verhalten hat einen Grund — auch wenn er auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. Die Haltung, hinter herausforderndem Verhalten eine nachvollziehbare Geschichte zu vermuten, verändert die eigene Reaktion fundamental. Statt „Das Kind will mich provozieren" — „Was hat das Kind erlebt, das dieses Verhalten erklärbar macht?" Das ist kein Freischein für alles, aber es öffnet einen anderen Zugang.

Tipp

Die Plattform Pflegeeltern.Space bietet einen KI-Assistenten, der rund um die Uhr Fragen zu Traumapädagogik, Bindung und konkreten Alltagssituationen beantwortet — fundiert und speziell auf den deutschen Pflegealltag ausgerichtet.

Was hilft — was schadet

Im Umgang mit traumatisierten Pflegekindern gibt es Verhaltensweisen, die stabilisierend wirken — und andere, die die Traumatisierung unbewusst verstärken können. Diese Übersicht hilft bei der täglichen Orientierung:

Das hilft

Das schadet

Verlässliche Routinen und Vorhersehbarkeit

Spontane Änderungen ohne Ankündigung

Ruhige, niedrige Stimme bei Eskalation

Schreien, laute Konfrontation, Machtproben

Verhalten benennen, ohne das Kind zu beschämen

Beschämung, Bloßstellen, öffentliche Kritik

Co-Regulation: selbst erst beruhigen, dann reagieren

In der eigenen Aktivierung reagieren

Körperliche Nähe anbieten (wenn erwünscht)

Körperliche Nähe erzwingen oder verweigern

Hinter dem Verhalten einen guten Grund suchen

Böse Absicht unterstellen ('Das macht es extra')

Transparenz: erklären, was als nächstes passiert

Überraschungen ohne Vorbereitung

Fehler eingestehen und Entschuldigungen aussprechen

Fehler leugnen oder Bagatellisieren ('Stell dich nicht an')

Knappe, klare Sprache bei Stress

Lange Erklärungen und Diskussionen in der Krise

Therapieangebote aktiv unterstützen und begleiten

Therapie als Strafe oder als 'du bist kaputt' kommunizieren

Wichtig

Diese Übersicht ist eine Orientierungshilfe, kein Perfektionsmaßstab. Kein Mensch verhält sich immer so, wie es ideal wäre — und das ist auch nicht nötig. Wichtig ist die Grundrichtung: Mehr Verlässlichkeit, weniger Beschämung, mehr Transparenz, weniger Machtproben.

Professionelle Hilfe: Traumatherapie für Pflegekinder

Traumapädagogik im Familienalltag ist wichtig und heilsam — ersetzt aber in manchen Fällen keine klinische Traumatherapie. Wann ist professionelle Hilfe angezeigt, was gibt es, und wie findet man einen Platz?

Wann ist Traumatherapie nötig?

Eine Traumatherapie ist dann sinnvoll, wenn das Kind ausgeprägte Symptome zeigt, die seinen Alltag, seine Entwicklung und seine sozialen Beziehungen erheblich beeinträchtigen — und die sich trotz stabilem Pflegealltag nicht bessern. Dazu gehören insbesondere:

  • Wiederkehrende Flashbacks oder dissoziative Episoden
  • Anhaltende Schlafstörungen oder Albträume über Wochen
  • Ausgeprägte Vermeidung bestimmter Orte, Personen oder Situationen
  • Starke emotionale Taubheit oder vollständiger Rückzug
  • Selbstverletzendes Verhalten oder Suizidgedanken (sofortige Hilfe)
  • Keine Stabilisierung trotz sicherem Pflegeumfeld nach 6–12 Monaten

Therapeutische Ansätze in der Traumaarbeit mit Kindern

EMDR

Eye Movement Desensitization and Reprocessing

Gut belegte Methode zur Verarbeitung traumatischer Erinnerungen durch gesteuerte bilaterale Stimulation. Auch für Kinder geeignet, je nach Alter in spielerisch angepasster Form.

Traumafokussierte KVT

Kognitive Verhaltenstherapie

Strukturierte Methode, die Traumaerinnerungen behutsam bearbeitet und dem Kind neue Denk- und Handlungsmuster ermöglicht. Häufig auch als TF-KVT oder Trauma-CBT bezeichnet.

Spieltherapeutische Ansätze

Besonders für jüngere Kinder

Kleinkinder können über Sprache allein nicht auf Trauma zugreifen — spieltherapeutische Methoden ermöglichen Verarbeitung über kreatives Spiel, Sandspiel, Malen und szenisches Spielen.

Körperorientierte Therapie

Somatic Experiencing u. a.

Da Trauma körperlich gespeichert ist, arbeiten körperorientierte Ansätze direkt mit Körperempfindungen und Bewegungsimpulsen, um das Nervensystem zu regulieren.

Therapieplatz finden — praktisch vorgehen

1

Kinderpsychiater oder Kinderpsychologe aufsuchen

Für eine Erstdiagnostik und einen Antrag auf Psychotherapie braucht es in der Regel eine kinder- und jugendpsychiatrische oder kinder- und jugendpsychologische Einschätzung. Diese erleichtert auch das Antragsverfahren bei der Krankenkasse.

2

Konsiliarbericht und Antrag bei der Krankenkasse

Ein niedergelassener Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut stellt einen Antrag auf Psychotherapie bei der gesetzlichen Krankenversicherung. Für diesen Antrag braucht er einen Konsiliarbericht (ärztliche Einschätzung).

3

Jugendamt einbeziehen — § 35a SGB VIII

Wenn keine Kassenkapazitäten verfügbar sind oder die Diagnose nicht exakt den Kassenkategorien entspricht, kann das Jugendamt Therapieleistungen im Rahmen der Eingliederungshilfe (§ 35a SGB VIII) finanzieren. Wende dich direkt an deinen Vormund oder Pflegekinderdienst.

4

Traumaambulanz und spezialisierte Einrichtungen

In vielen Städten gibt es Traumaambulanzen und auf Traumafolgestörungen spezialisierte Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen. Diese haben oft kürzere Wartezeiten als niedergelassene Therapeuten.

Gut zu wissen

Kosten: Die Kosten für Traumatherapie bei Pflegekindern werden in der Regel von der gesetzlichen Krankenversicherung oder dem Jugendamt übernommen. Als Pflegeelternteil entstehen euch dafür keine Kosten. Wenn euer Kind noch keine eigene Krankenversicherung hat, wendet euch sofort an das Jugendamt — das muss geregelt sein.

Sekundäre Traumatisierung — wenn Pflegeeltern mitbetroffen sind

Wer täglich mit einem traumatisierten Kind lebt, läuft selbst Gefahr, sich zu belasten — manchmal so stark, dass eigene traumaähnliche Symptome entstehen. Das nennt sich sekundäre Traumatisierung oder Mitgefühlserschöpfung (Compassion Fatigue).

Das ist keine Schwäche — es ist eine physiologische Reaktion eines einfühlsamen Menschen auf extreme Belastung. Wer es früh erkennt, kann rechtzeitig gegensteuern.

Warnsignale bei Pflegeeltern

Anhaltende Erschöpfung trotz ausreichend Schlaf

Emotionale Taubheit oder Reizbarkeit

Intrusionen: aufdringliche Bilder vom Leid des Kindes

Schlafstörungen, Albträume

Gefühl von Hilflosigkeit oder Sinnlosigkeit

Sozialer Rückzug, Isolation

Körperliche Beschwerden ohne Befund

Schwierigkeiten, abzuschalten

Übermäßiges Verantwortungsgefühl

Vermeidung von Gesprächen über das Pflegekind

Prävention und Selbstfürsorge

Selbstfürsorge ist keine Luxus — sie ist eine Voraussetzung dafür, dass du dem Kind langfristig eine verlässliche Bezugsperson sein kannst. Was wirklich hilft:

Supervision

Regelmäßige Supervision durch eine Fachperson ist das wirksamste Instrument gegen sekundäre Traumatisierung. Hier kannst du belastende Situationen verarbeiten, ohne dein privates Umfeld zu überlasten. Das Jugendamt ist verpflichtet, Supervision zu vermitteln.

Austausch mit anderen Pflegeeltern

Niemand versteht besser, was du erlebst, als jemand in derselben Situation. Pflegeelterngruppen — lokal oder online — bieten Entlastung, praktische Tipps und das Erleben: ich bin nicht allein damit.

Auszeiten bewusst gestalten

Regelmäßige Auszeiten ohne das Pflegekind sind kein Versagen — sie sind notwendig. Plant Kurzzeitpflege oder verlässliche Entlastungsangebote so ein, dass sie fester Bestandteil eures Alltags sind.

Eigene Psychotherapie

Wenn die Belastung zunimmt und eigene Ressourcen nachlassen, ist professionelle Unterstützung für euch als Pflegeeltern angezeigt. Das ist kein Zeichen von Schwäche — sondern Verantwortungsbewusstsein.

Wichtig

An das Jugendamt wenden: Supervision für Pflegeeltern ist im SGB VIII verankert. Das Jugendamt ist gesetzlich verpflichtet, euch zu beraten und zu unterstützen. Wenn ihr das Gefühl habt, allein gelassen zu werden, fordert Supervision aktiv ein — das ist euer Recht.

Ausführlicher Ratgeber

Selbstfürsorge für Pflegeeltern

Strategien gegen Erschöpfung, Supervision, Auszeiten und professionelle Unterstützung.

Häufige Fragen zu traumatisierten Pflegekindern

Woran erkenne ich, ob mein Pflegekind traumatisiert ist?

Es gibt kein einheitliches Bild. Manche Kinder zeigen offensichtliche Symptome wie Flashbacks, Albträume oder extreme Schreckreaktionen. Andere wirken nach außen hin unauffällig, ziehen sich aber innerlich zurück (Dissoziation) oder zeigen starke Verhaltensauffälligkeiten bei scheinbar harmlosen Auslösern (Trigger). Häufige Hinweise sind: starke emotionale Reaktionen, die im Verhältnis zur Situation stehen, Schlafstörungen, körperliche Beschwerden ohne medizinische Ursache, Regression (Rückfall in früheres Entwicklungsverhalten), Hypervigilanz (ständige Alarmbereitschaft) oder emotionale Taubheit. Eine gesicherte Diagnose stellt nur eine Fachperson (Kinderpsychologin, Kinderpsychiater) aus.

Soll ich das Kind auf seine traumatischen Erfahrungen ansprechen?

Als Pflegeelternteil solltest du grundsätzlich nicht aktiv versuchen, traumatische Inhalte zu explorieren oder das Kind dazu bringen, über das Erlebte zu sprechen. Das ist die Aufgabe einer ausgebildeten Traumatherapeutin. Wenn ein Kind von sich aus etwas erzählt, ist Zuhören und Bezeugen das Richtige: nicht korrigieren, nicht bagatellisieren, nicht überreagieren. Sätze wie 'Das klingt wirklich schwer — ich bin froh, dass du mir das sagst' helfen dem Kind, sich gesehen zu fühlen, ohne Druck zu erzeugen. Wichtig: Druck, das Erlebte zu 'verarbeiten', kann retraumatisierend wirken.

Braucht jedes Pflegekind eine Traumatherapie?

Nein. Nicht jedes Pflegekind, das schwierige Erfahrungen gemacht hat, benötigt zwingend eine Traumatherapie. Viele Kinder profitieren enorm von einer stabilen, feinfühligen Pflegefamilie, Routinen und einem sicheren Umfeld — ohne spezifische Traumatherapie. Eine Therapie ist dann sinnvoll, wenn das Kind deutliche Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder einer anderen Traumafolgestörung zeigt, die das tägliche Leben und die Entwicklung erheblich beeinträchtigen. Die Einschätzung sollte immer durch eine Fachperson erfolgen.

Was ist der Unterschied zwischen Traumatherapie und Traumapädagogik?

Traumapädagogik ist ein pädagogischer Ansatz, der im Alltag — also von Pflegeeltern, Erzieherinnen oder Lehrkräften — angewendet wird. Sie zielt darauf ab, ein stabilisierendes, sicheres Umfeld zu schaffen, das die Selbstregulation und das Vertrauen des Kindes fördert. Traumatherapie hingegen ist eine klinische Intervention, die von ausgebildeten Therapeutinnen und Therapeuten durchgeführt wird und auf die direkte Bearbeitung traumatischer Erinnerungen und Symptome abzielt — zum Beispiel mit EMDR, traumafokussierter KVT oder spieltherapeutischen Ansätzen. Beide Ansätze ergänzen sich: Die Pflegefamilie schafft die Basis (Sicherheit), die Therapie arbeitet auf der klinischen Ebene.

Kann ich als Pflegeelternteil selbst traumatisiert werden?

Ja — das wird als sekundäre Traumatisierung bezeichnet. Wenn du wiederholt Berichte über traumatische Erlebnisse anhörst, Zeugin oder Zeuge von Traumareaktionen eines Kindes wirst oder das Leid des Kindes intensiv mitträgst, können bei dir ähnliche Symptome wie beim Kind entstehen: Schlafstörungen, Erschöpfung, emotionale Taubheit, Reizbarkeit, Mitgefühlserschöpfung (Compassion Fatigue). Das ist kein Zeichen von Schwäche — es ist eine normale Reaktion auf außergewöhnliche Belastung. Prävention und frühzeitige Unterstützung durch Supervision und Selbstfürsorge sind entscheidend.

Wer bezahlt die Therapie für mein Pflegekind?

Bei gesetzlich krankenversicherten Pflegekindern übernimmt die Krankenkasse die Kosten für eine Psychotherapie — sofern eine entsprechende Diagnose vorliegt und eine zugelassene Therapeutin oder ein Therapeut gefunden wird. Zusätzlich kann das Jugendamt Therapieleistungen im Rahmen der Eingliederungshilfe (§ 35a SGB VIII) oder anderer Hilfen zur Erziehung finanzieren, besonders wenn keine Kassenkapazitäten verfügbar sind. Wende dich mit diesem Anliegen an deinen Vormund oder direkt ans Jugendamt. Die Kosten sollten für euch als Pflegeeltern in keinem Fall eine Hürde sein.

Nicht allein im Pflegealltag

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