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Praxis

Wenn das Pflegeverhältnis scheitert
Abbruch verhindern & verantwortungsvoll begleiten

Manche Pflegeverhältnisse enden — trotz aller Liebe, trotz allem Einsatz. Das ist kein Versagen und kein Einzelfall: Studien zeigen, dass zwischen 30 und 50 Prozent aller Pflegeverhältnisse ungeplant beendet werden. Dieser Ratgeber begleitet dich durch eine der schwersten Situationen im Pflegealltag — ehrlich, empathisch und ohne Schuldzuweisung.

10 Min. LesezeitAktualisiert: Februar 2026

Warum Pflegeverhältnisse scheitern

Wer ein Pflegekind aufnimmt, tut das aus echtem Engagement — mit dem Wunsch, einem Kind ein stabiles Zuhause zu geben. Und dennoch: Manchmal klappt es nicht. Das ist keine moralische Aussage über dich als Mensch. Es ist eine statistische Realität, die die Komplexität des Pflegewesens widerspiegelt.

Laut Daten von PFAD e.V. und Studien des Deutschen Jugendinstituts (DJI) enden zwischen 30 und 50 Prozent aller Pflegeverhältnisse ungeplant. Häufig nicht wegen des Kindes allein, sondern weil das Zusammenspiel von Kind, Familie und Unterstützungssystem nicht trägt. Das ist kein individuelles Versagen.

Häufige Ursachen für das Scheitern

Die Gründe für das Ende eines Pflegeverhältnisses sind vielfältig. Selten gibt es nur einen einzigen Auslöser — meist ist es ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren, das über Monate langsam eskaliert.

Überforderung und Erschöpfung

Traumatisierte Kinder mit massiven Verhaltensauffälligkeiten, Bindungsstörungen, Schlafproblemen oder psychischen Diagnosen fordern Pflegeeltern enorm. Wenn Entlastung fehlt und die Erschöpfung chronisch wird, kann auch ein stabiles Elternteil an seine Grenzen stoßen.

Unrealistische Erwartungen

Viele Pflegeeltern unterschätzen, was ein Pflegekind mitbringt. Die Vorstellung, dass Liebe und Stabilität alle Wunden heilen, ist menschlich — aber sie kann in die Überforderung führen, wenn die Realität des Traumaerbes des Kindes sichtbar wird.

Belastung der eigenen Kinder

Wenn leibliche oder andere Pflegekinder im Haushalt unter der Situation leiden — durch Aggressionen, Unruhe, fehlende Aufmerksamkeit —, sind Pflegeeltern in einem Loyalitätskonflikt, der kaum auszuhalten ist.

Fehlende Unterstützung

Wenn das Jugendamt langsam reagiert, Supervisionsangebote fehlen, Therapeutenplätze nicht zu finden sind oder das Umfeld die Situation nicht versteht, sind Pflegeeltern oft schutzlos mit enormen Herausforderungen allein.

Konflikte mit der Herkunftsfamilie

Spannungen rund um Umgangskontakte, Loyalitätskonflikte des Kindes und schwierige Begegnungen mit den Eltern können das Pflegeverhältnis über Monate hinweg zermürben — besonders wenn das Jugendamt wenig regulierend eingreift.

Partnerschaftsprobleme und Burnout

Der Pflegealltag belastet Beziehungen stark. Wenn Paare unterschiedliche Belastungsgrenzen haben oder sich in der Bewertung der Situation nicht einig sind, kann das Pflegeverhältnis die Partnerschaft zu zerreißen drohen.

Gut zu wissen

Laut Studien des Deutschen Jugendinstituts ist fehlende oder unzureichende Unterstützung durch den Pflegekinderdienst einer der häufigsten Faktoren bei ungeplanten Beendigungen. Ein Pflegeverhältnis endet selten, weil die Pflegeeltern versagt haben — sondern oft, weil das System sie nicht ausreichend getragen hat.

Warnsignale rechtzeitig erkennen

Ein abrupter Abbruch tut allen Beteiligten weh — am meisten dem Kind. Deshalb ist es so wichtig, die Warnsignale früh zu erkennen und zu handeln, bevor die Krise eskaliert. Je früher Hilfe gesucht wird, desto mehr Optionen stehen noch offen.

Die folgenden Zeichen können darauf hinweisen, dass das Pflegeverhältnis in eine ernsthafte Krise geraten ist. Sie sind keine Aufforderung zur Selbstkritik — sie sind ein Aufruf zum Handeln.

Warnsignale — wann Handeln dringend ist

Chronische Erschöpfung ohne Erholung

Du schläfst, aber du erholst dich nicht. Jeder Tag beginnt bereits mit dem Gefühl, leer zu sein. Energie kommt nicht mehr zurück, egal wie viel Schlaf du bekommst.

Wut und Frustration gegenüber dem Kind

Du ertappst dich bei Gedanken oder Gefühlen gegenüber dem Pflegekind, die dir Angst machen. Starke Wut, Ablehnung oder der Wunsch, das Kind möge einfach nicht mehr da sein — das sind keine bösen Gedanken, sondern Zeichen extremer Überlastung.

Eigene Kinder zeigen Belastungssymptome

Wenn deine leiblichen oder anderen Pflegekinder beginnen, unter der Situation zu leiden — Rückzug, Schlafprobleme, Schulprobleme, Angst, Aggressionen — ist das ein ernstes Signal, dass das Familiensystem an seine Grenzen stößt.

Rückzug und soziale Isolation

Du vermeidest Freunde, sagst Verabredungen ab, trittst aus Gruppen aus. Die Energie für soziale Kontakte ist weg — oder du schämst dich für das, was du durchmachst.

Partnerschaftliche Spannungen

Du und dein Partner sind dauerhaft uneins — über das Kind, über den Umgang, über eure Grenzen. Die Partnerschaft leidet so stark, dass sie zur eigenen Krise wird.

Schlafstörungen und körperliche Beschwerden

Chronische Schlafprobleme, Kopfschmerzen, Magenprobleme, häufige Infekte — der Körper zeigt, was die Psyche nicht mehr aushält. Wenn körperliche Symptome anhalten, ist das ein ernstes Warnsignal.

Gedanken wie “Ich kann nicht mehr”

Wenn solche Gedanken häufig auftauchen und du sie nicht mehr wegschieben kannst, ist es Zeit, sie ernst zu nehmen — und mit Fachleuten zu sprechen, bevor eine akute Krise entsteht.

Vermeidung der Beziehung zum Pflegekind

Du gehst dem Kind aus dem Weg. Du freust dich, wenn es in der Schule ist. Du sprichst weniger mit ihm, hältst weniger Blickkontakt. Dieser emotionale Rückzug ist oft ein unbewusster Schutzmechanismus — aber er schadet dem Kind und dir.

Wichtig

Wenn du mehrere dieser Zeichen bei dir erkennst und sie über Wochen anhalten: Warte nicht. Suche jetzt das Gespräch mit dem Pflegekinderdienst, einer Beratungsstelle oder einem Supervisor. Je früher Hilfe kommt, desto mehr Optionen bleiben offen — für dich und für das Kind.

Ausführlicher Ratgeber

Selbstfürsorge für Pflegeeltern

Burnout erkennen, Supervision nutzen und dich wirksam selbst schützen.

Was tun, wenn es nicht mehr geht?

Wenn du merkst, dass das Pflegeverhältnis in eine ernsthafte Krise geraten ist, gibt es einen klaren Weg — nicht einfach, aber gangbar. Die wichtigste Botschaft vorab: Du musst das nicht allein tragen und du musst nicht alleine entscheiden.

1

Ehrliches Gespräch in der Familie führen

Bevor du nach außen gehst, besprich die Situation offen mit deinem Partner oder deiner Partnerin — und wenn alte genug, auch mit deinen leiblichen Kindern. Wie geht es wirklich jedem? Was ist die ehrliche Bestandsaufnahme? Schuldgefühle und falsche Rücksicht auf den anderen helfen hier nicht. Nur Ehrlichkeit schafft die Grundlage für eine gute Entscheidung.

2

Pflegekinderdienst kontaktieren — ohne Angst vor Verurteilung

Viele Pflegeeltern scheuen diesen Schritt, weil sie befürchten, verurteilt oder für ungeeignet erklärt zu werden. Ein guter Pflegekinderdienst reagiert jedoch nicht mit Schuldzuweisungen, sondern mit Unterstützung. Sagt klar, wie es euch geht. Ihr habt das Recht, gehört zu werden. Nach § 37a SGB VIII ist das Jugendamt verpflichtet, euch zu beraten und zu unterstützen.

3

Supervision und Krisenberatung in Anspruch nehmen

Bevor eine Entscheidung über das Pflegeverhältnis fällt, sollte eine qualifizierte Krisenberatung oder Supervision stattgefunden haben. Manchmal genügt die professionelle Begleitung, um Wege zu finden, die vorher nicht sichtbar waren — andere Formen der Entlastung, eine andere Perspektive auf das Verhalten des Kindes, eine kurzfristige Auszeit durch Verhinderungspflege.

4

Hilfeplan anpassen — § 36 SGB VIII nutzen

Wenn der bestehende Hilfeplan nicht mehr zur Situation passt, habt ihr das Recht, eine Anpassung zu fordern. Das Hilfeplanverfahren nach § 36 SGB VIII kann genutzt werden, um mehr Unterstützung, eine andere Form der Begleitung oder veränderte Rahmenbedingungen zu vereinbaren. Besteht auf einem Hilfeplangespräch, wenn ihr das Gefühl habt, dass die bisherigen Maßnahmen nicht reichen.

5

Wenn alle Hilfen ausgeschöpft sind: Geplanter Wechsel

Wenn alle Unterstützungsangebote genutzt wurden und die Situation trotzdem nicht tragbar ist, ist ein geplanter Wechsel des Kindes in eine andere Betreuungsform die verantwortungsvolleRe Option im Vergleich zu einer eskalierenden Krise. Das bedeutet: Frühzeitig signalisieren, ausreichend Zeit für die Suche nach einem neuen Platz geben und den Übergang für das Kind so sicher wie möglich gestalten.

Tipp

Ihr müsst das Pflegeverhältnis nicht von heute auf morgen beenden. Ein geplanter Wechsel kann Wochen oder Monate dauern. Diese Zeit ist wichtig — für das Kind, für euch und für das System, das einen geeigneten neuen Platz finden muss. Je früher ihr signalisiert, dass ihr an eure Grenzen gestoßen seid, desto mehr Zeit bleibt für einen guten Übergang.

Ausführlicher Ratgeber

Zusammenarbeit mit dem Jugendamt

Kommunikation, Konflikte und eure Rechte im Überblick — damit ihr in der Krise nicht allein seid.

Geplanter Wechsel vs. abrupter Abbruch

Nicht jedes Ende eines Pflegeverhältnisses ist gleich. Der Unterschied zwischen einem geplanten Wechsel und einem abrupten Abbruch kann für das Kind entscheidend sein — und auch für euch.

Geplanter Wechsel

Ihr signalisiert frühzeitig, dass das Pflegeverhältnis nicht mehr tragbar ist. Das Jugendamt hat Zeit, eine geeignete neue Betreuungsform zu finden. Der Übergang wird gemeinsam gestaltet.

  • Übergangsphase von Wochen bis Monaten
  • Kind wird behutsam vorbereitet
  • Abschiedsrituale sind möglich
  • Kontinuität in Therapie und Schule sicherstellen
  • Kontakt nach Übergang möglich, wenn sinnvoll
  • Kind erfährt: Es gibt Menschen, die ehrlich mit ihm umgehen

Abrupter Abbruch

Die Situation eskaliert, eine Krise tritt ein und das Kind muss kurzfristig in Bereitschaftspflege oder eine Einrichtung. Es gibt kaum Vorbereitung und kaum Zeit für Abschiede.

  • Hohe Traumatisierung für das Kind
  • Bestätigung des Musters: Vertrauen führt zu Verlust
  • Keine Zeit für Abschiedsrituale
  • Therapeutische Kontinuität bricht ab
  • Hohe emotionale Belastung für alle Beteiligten
  • Schuldgefühle sind intensiver und schwerer zu verarbeiten

Wichtig

Der Mut, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen, ist eine der wichtigsten Entscheidungen, die ihr für das Kind treffen könnt. Ein geplanter Wechsel ist kein Scheitern — er ist ein Akt der Fürsorge. Wartet nicht, bis ihr oder das Kind zusammenbricht.

Was ein geplanter Wechsel konkret bedeutet

Frühzeitig mit dem Pflegekinderdienst sprechen

Sobald ihr merkt, dass das Pflegeverhältnis ernsthaft in Frage steht, informiert den Pflegekinderdienst. Ihr müsst noch keine fertige Entscheidung haben — aber das Signal gibt dem System Zeit, sich vorzubereiten.

Hilfeplan neu gestalten

Im Rahmen des Hilfeplans nach § 36 SGB VIII wird gemeinsam mit dem Jugendamt und allen Beteiligten besprochen, welche neue Betreuungsform für das Kind geeignet ist — eine andere Pflegefamilie, eine Wohngruppe oder eine andere Hilfeform.

Übergangsphase aktiv mitgestalten

Wenn eine neue Familie oder Einrichtung gefunden wird, kann es Kennenlernbesuche, eine gestaffelte Eingewöhnung und einen begleiteten Übergang geben. Ihr könnt dazu beitragen, indem ihr dem Kind erklärt, was passiert, und indem ihr Informationen über das Kind weitergib.

Abschiedsritual gestalten

Ein Abschied braucht ein Ritual. Das kann ein besonderer Ausflug sein, ein gemeinsames Fotoalbum, ein Brief oder ein Geschenk mit persönlicher Bedeutung. Rituale helfen dem Kind — und euch — den Abschluss zu fassen.

Auswirkungen auf das Kind minimieren

Das Ende eines Pflegeverhältnisses ist für das Kind eine Erfahrung, die an frühere Verluste anknüpft. Kinder in der Pflege haben häufig bereits Trennungen, Vernachlässigung oder andere Traumata erlebt. Ein weiterer Wechsel reaktiviert diese Erfahrungen — aber ihr könnt aktiv dazu beitragen, dass er so wenig schädlich wie möglich ist.

Die eine Botschaft, die das Kind braucht

“Du bist nicht schuld. Es liegt nicht an dir.”

Das ist die wichtigste Botschaft, die ein Kind in dieser Situation hören muss — und sie muss explizit gesagt werden, nicht nur implizit gemeint. Kinder füllen Erklärungslücken automatisch mit Selbstvorwürfen. Lasst keinen Raum dafür.

Altersgerechte, ehrliche Erklärung

Erklärt dem Kind, was passiert — in einer Sprache, die es versteht. Für kleine Kinder: “Wir können dir nicht mehr so helfen, wie du es brauchst. Aber wir sorgen dafür, dass du zu Menschen kommst, die das können.” Für ältere Kinder darf mehr Ehrlichkeit zugemutet werden, ohne Details, die ihr schadet.

Professionelle Begleitung einbeziehen

Eine Fachkraft — aus dem Pflegekinderdienst, dem Therapeutenteam oder einer Beratungsstelle — sollte das Kind durch den Übergangsprozess begleiten. Ihr müsst das Kind nicht allein durch diesen Schritt führen.

Übergangsobjekte mitgeben

Das Kuscheltier, das Fotoalbum mit gemeinsamen Erinnerungen, ein Brief von euch — solche Objekte helfen dem Kind, die Beziehung zu euch innerlich zu behalten, auch wenn die äußere Situation sich verändert. Sie signalisieren: “Wir haben dich gern gehabt.”

Brief an das Kind schreiben

Ein Brief, den das Kind später lesen kann — wenn es größer ist —, kann unschätzbar wertvoll sein. Schreibt, wie ihr das Kind in Erinnerung behaltet, was euch an ihm bewundert, und dass ihr es nicht wegen ihm verlassen habt.

Kontakt nach dem Wechsel ermöglichen (wenn sinnvoll)

Nicht in allen Fällen ist Kontakt nach dem Wechsel möglich oder sinnvoll. Wenn er dem Kind jedoch gut tut und beide Seiten zustimmen, kann gelegentlicher Kontakt helfen, die Beziehung nicht als vollständigen Verlust zu erleben. Das entscheidet das Jugendamt gemeinsam mit den Beteiligten.

Therapeutische Kontinuität sichern

Wenn das Kind in Therapie ist, sollte die Therapeutin oder der Therapeut informiert und in den Übergangsprozess einbezogen werden. Eine laufende Therapie sollte nach Möglichkeit nicht unterbrochen werden — das ist ein wichtiger Stabilitätsanker für das Kind.

Gut zu wissen

Kinder in der Pflege haben oft die Erfahrung gemacht, dass Erwachsene verschwinden — ohne Erklärung, ohne Abschied. Ein geplanter Wechsel mit ehrlicher Begleitung ist das Gegenteil davon: Er zeigt dem Kind, dass Erwachsene trotz schwieriger Wahrheiten verlässlich und fürsorglich sein können.

Ausführlicher Ratgeber

Traumatisierte Pflegekinder verstehen

Was Trauma bedeutet, wie es sich zeigt und wie ihr traumasensibel reagiert.

Schuldgefühle verarbeiten

Fast alle Pflegeeltern, die ein Pflegeverhältnis beenden, kämpfen mit Schuldgefühlen — manchmal noch Jahre danach. Das ist menschlich. Aber Schuldgefühle sind keine Beweise für tatsächliche Schuld. Und sie lassen sich verarbeiten.

Was Schuldgefühle bedeuten — und was nicht

Schuldgefühle zeigen, dass ihr euch gekümmert habt. Dass euch das Kind etwas bedeutet hat. Dass ihr euch verantwortlich fühlt. Das sind keine negativen Eigenschaften — das sind die Eigenschaften, die euch zu Pflegeeltern gemacht haben.

Schuldgefühle sagen jedoch nichts darüber aus, ob ihr tatsächlich versagt habt. Sie entstehen automatisch, wenn wir in einer Situation, in der wir Verantwortung tragen, nicht das Ergebnis erreichen, das wir uns erhofft hatten. Das ist kein Beweis für Schuld. Es ist ein Zeichen von Empathie.

Gedanken, die helfen können

  • Ein Pflegeverhältnis zu beenden ist kein Versagen — es ist manchmal die verantwortungsvollste Entscheidung, die ihr treffen könnt.
  • Das Kind braucht eine Familie, die für es da sein KANN — nicht eine, die unter dem Versuch zusammenbricht, es zu halten.
  • Zwischen 30 und 50 Prozent aller Pflegeverhältnisse enden ungeplant. Ihr seid nicht allein, und ihr seid keine Ausnahme.
  • Ihr habt dem Kind etwas gegeben, was es vorher vielleicht nicht hatte: die Erfahrung, in einer Familie zu leben und geliebt zu werden.
  • Die Liebe, die ihr für das Kind empfunden habt, verschwindet nicht mit dem Ende des Pflegeverhältnisses.
  • Auch nach dem Ende könnt ihr für das Kind da gewesen sein — und das zählt.

Wege zur Verarbeitung

Professionelle Nachbearbeitung in Supervision oder Beratung

Das Ende eines Pflegeverhältnisses ist auch für euch ein Verlust. Dieser Verlust verdient professionelle Begleitung. Fragt beim Pflegekinderdienst aktiv nach Supervision oder Beratung — auch nach Beendigung des Pflegeverhältnisses.

Austausch mit anderen Pflegeeltern

Andere Pflegeeltern, die ähnliches erlebt haben, verstehen das, was ihr durchmacht — ohne Urteile, ohne falsche Tröstungen. PFAD e.V. und lokale Pflegeelterngruppen bieten diesen Raum.

Psychotherapie als Option

Wenn die Belastung sehr groß ist oder Symptome wie anhaltende Schlaflosigkeit, Trauer, Hoffnungslosigkeit oder Antriebslosigkeit auftreten, ist Psychotherapie sinnvoll. Krankenkassen übernehmen die Kosten, wenn eine entsprechende Diagnose gestellt wird.

Pause nehmen — und wieder offen sein

Manche Pflegeeltern nehmen nach einer Zeit der Verarbeitung wieder ein Kind auf — mit mehr Erfahrung, mehr Realismus und einer besseren Einschätzung der eigenen Grenzen. Dieser Schritt ist möglich und wird von Jugendämtern nicht grundsätzlich ausgeschlossen.

Wichtig

Ihr verdient nach dem Ende eines Pflegeverhältnisses Unterstützung — nicht nur das Kind. Scheut euch nicht, aktiv danach zu fragen. Die Telefonseelsorge (0800 111 0 111, kostenlos, 24/7) ist jederzeit erreichbar, wenn ihr in einer akuten Krise seid.

Prävention: Was hilft, damit es nicht so weit kommt

Das beste Mittel gegen das Scheitern eines Pflegeverhältnisses ist Vorsorge — nicht im Sinne von Kontrollstreben, sondern im Sinne von stabilen Strukturen, die auch in schwierigen Phasen tragen. Viele Abbrüche wären verhindert worden, wenn früher Hilfe geholt worden wäre.

Realistische Vorbereitung

Eine gute Vorbereitung durch Schulungen, Gespräche mit erfahrenen Pflegeeltern und ehrliche Selbstreflexion über eigene Grenzen schützt vor naiven Erwartungen. Was kann dieses Kind mitbringen? Was könne ich leisten? Was nicht?

Regelmäßige Supervision von Anfang an

Supervision ist kein Krisenmanagement — sie ist präventiv. Wer von Anfang an regelmäßig reflektiert, was im Pflegealltag passiert, baut eine Praxis auf, die auch in schwierigen Phasen trägt.

Entlastungsangebote aktiv nutzen

Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege, Entlastungsangebote für Pflegeeltern — diese Angebote existieren. Nutzt sie, bevor ihr an eure Grenzen gestoßen seid, nicht erst danach.

Stabiles soziales Netzwerk

Wer sozial vernetzt ist — mit anderen Pflegeeltern, mit Familie, mit Freunden —, hat Puffer für schwierige Phasen. Isolation ist ein Risikofaktor. Vernetzung schützt.

Offene Kommunikation mit dem Jugendamt

Wer frühzeitig und offen mit dem Pflegekinderdienst kommuniziert — über Erfolge und Schwierigkeiten —, baut eine Vertrauensbeziehung auf, die in der Krise trägt. Verschweigen von Problemen schützt nicht, es isoliert.

Eigene Grenzen kennen und respektieren

Die ehrliche Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen ist keine Schwäche. Es ist eine der wichtigsten Kompetenzen von Pflegeeltern: zu wissen, was man leisten kann — und was nicht.

Tipp

Fortbildungen für Pflegeeltern, die vom Jugendamt oder Träger angeboten werden, sind eine unterschätzte Ressource. Sie bieten nicht nur Wissen, sondern auch den Austausch mit anderen Pflegeeltern — und die Erkenntnis, dass Schwierigkeiten normal sind und keine persönliche Niederlage bedeuten.

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Verhaltensauffälligkeiten bei Pflegekindern

Ursachen verstehen, deeskalieren und professionelle Hilfe finden.

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Rückführung des Pflegekindes

Was zu beachten ist, wenn ein Pflegekind in seine Herkunftsfamilie zurückkehrt.

Häufige Fragen zum Scheitern von Pflegeverhältnissen

Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich mein Pflegekind abgebe?

Nein. Ein Pflegeverhältnis zu beenden ist eine verantwortungsvolle Entscheidung, wenn die Alternative ist, dass Kind und Familie dauerhaft leiden. Es erfordert Mut und Ehrlichkeit, sich einzugestehen, dass man nicht mehr die richtige Familie für dieses Kind ist. Das bedeutet nicht, dass man das Kind nicht liebt oder dass man versagt hat — es bedeutet, dass man das Wohl des Kindes höher stellt als das eigene Bild von sich als Pflegeelternteil. Studien zeigen, dass ca. 30–50 % aller Pflegeverhältnisse ungeplant enden. Du bist nicht allein, und du bist kein schlechter Mensch.

Wie sage ich meinem Pflegekind, dass es gehen muss?

Altersgerecht und ehrlich — mit professioneller Begleitung. Die wichtigsten Kernbotschaften sind: 'Du bist nicht schuld', 'Wir haben dich gern, aber wir können dir nicht mehr so helfen, wie du es brauchst' und 'Es gibt Menschen, die besser für dich sorgen können als wir gerade.' Vermeide vage Erklärungen oder das Schweigen über den Grund. Kinder füllen Informationslücken mit Selbstvorwürfen. Beziehe eine Fachkraft (z. B. aus dem Pflegekinderdienst oder eine Therapeutin) in das Gespräch ein. Plane ein Abschiedsritual und ermögliche dem Kind, Erinnerungsgegenstände mitzunehmen.

Muss ich dem Jugendamt zustimmen, wenn es das Kind wegnehmen will?

Pflegeeltern haben kein eigenständiges Sorgerecht. Das Jugendamt kann im Rahmen des Hilfeplans nach § 36 SGB VIII entscheiden, das Kind in eine andere Betreuungsform zu überführen. Wenn ihr als Pflegeeltern damit nicht einverstanden seid, habt ihr jedoch Möglichkeiten: Bei einem Pflegekind, das seit längerer Zeit bei euch lebt (mindestens 1 Jahr), kann nach § 1632 Abs. 4 BGB eine sogenannte Verbleibensanordnung beim Familiengericht beantragt werden. Diese verhindert vorübergehend den Wechsel, bis das Gericht entschieden hat. In jedem Fall solltet ihr bei rechtlichen Unklarheiten umgehend einen auf Familienrecht spezialisierten Anwalt konsultieren.

Kann ich nach einem gescheiterten Pflegeverhältnis erneut ein Kind aufnehmen?

Ja, das ist grundsätzlich möglich. Viele erfahrene Pflegeeltern haben ein oder mehrere gescheiterte Pflegeverhältnisse hinter sich und nehmen danach wieder Kinder auf — oft mit mehr Realismus und einer besseren Einschätzung ihrer eigenen Grenzen. Das Jugendamt wird die Umstände des Scheiterns reflektieren und prüfen, ob eine erneute Vermittlung sinnvoll ist. Voraussetzung ist eine ehrliche Aufarbeitung des Erlebten — idealerweise in Supervision oder Beratung. Eine Pause von mindestens einigen Monaten, in der man sich erholt und reflektiert, ist in der Regel sinnvoll.

Wer unterstützt mich nach dem Ende des Pflegeverhältnisses?

Verschiedene Anlaufstellen können nach dem Ende eines Pflegeverhältnisses helfen: Supervision und Beratung über den Pflegekinderdienst oder Träger (steht euch auch nach der Pflegezeit noch zu), Selbsthilfegruppen und Pflegeelternverbände wie PFAD e.V. oder lokale Pflegeelterngruppen, Erziehungsberatungsstellen (kostenlos, keine Überweisung nötig), sowie bei starker psychischer Belastung eine niedergelassene Psychotherapie (als Kassenleistung). Das Ende eines Pflegeverhältnisses ist auch für euch ein Verlust — scheut euch nicht, Hilfe anzunehmen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • 30–50 % aller Pflegeverhältnisse enden ungeplant — du bist nicht allein und du hast nicht versagt.
  • Warnsignale früh erkennen und handeln, BEVOR es zum Abbruch kommt — je früher, desto mehr Optionen.
  • Ein geplanter Wechsel ist immer besser als ein abrupter Abbruch — für das Kind und für dich.
  • Die wichtigste Botschaft an das Kind: 'Du bist nicht schuld. Es liegt nicht an dir.'
  • Schuldgefühle sind normal — sie sind kein Beweis für tatsächliche Schuld.
  • Nach dem Ende: Professionelle Unterstützung für dich in Anspruch nehmen — du verdienst sie.
  • Prävention schützt: Supervision von Anfang an, Entlastungsangebote nutzen, offen kommunizieren.

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