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Praxis

Pflegekind unter 3 Jahren
Bindung, Frühförderung und was du wissen musst

Ein Pflegebaby oder Kleinkind unter drei Jahren aufzunehmen ist eine der intensivsten Erfahrungen in der Pflegeelternschaft. Die ersten Lebensjahre sind die kritischste Entwicklungsphase — zugleich bieten sie die größten Chancen für Heilung und Bindungsaufbau. Dieser Ratgeber erklärt, was du über Bindung, Regulationsstörungen, Frühförderung, Elternzeit und Gesundheitsvorsorge wissen musst.

12 Min. LesezeitAktualisiert: Februar 2026Medizinisch geprüft

Besondere Bedürfnisse von Säuglingen und Kleinkindern in Pflege

Säuglinge und Kleinkinder unter drei Jahren sind in Deutschland die am häufigsten inobhutgenommene Altersgruppe. Kinder unter drei Jahren gehören — gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil — zu den am häufigsten von Inobhutnahme betroffenen Altersgruppen. Das ist kein Zufall: Gerade in den ersten Lebensjahren sind Kinder vollständig auf verlässliche Fürsorge angewiesen — und leiden am stärksten, wenn diese fehlt.

Gleichzeitig bietet dieses Alter die größten neurobiologischen Chancen für Heilung. Das Gehirn eines Säuglings ist hochplastisch: Neue, positive Erfahrungen hinterlassen buchstäblich neue neuronale Verbindungen und können frühere Belastungen zumindest teilweise kompensieren. Jede feinfühlige Reaktion, die du gibst, ist eine Investition in die Entwicklung dieses Kindes.

Die kritische Bindungsphase nach Bowlby

John Bowlby beschrieb die ersten drei Lebensjahre als die sensibelste Phase für den Bindungsaufbau. In dieser Zeit entwickelt jedes Kind sein sogenanntes inneres Arbeitsmodell von Beziehungen: Sind Bezugspersonen verlässlich? Darf ich Bedürfnisse zeigen? Bin ich es wert, versorgt zu werden? Kinder, die in dieser Phase Vernachlässigung, Misshandlung oder häufige Bezugspersonenwechsel erlebt haben, entwickeln entsprechend unsichere oder desorganisierte Bindungsmuster.

Das ist keine endgültige Festlegung — aber es bedeutet, dass die Arbeit mit einem Pflegebaby oder Kleinkind besonders viel Feinfühligkeit, Geduld und fachliches Wissen erfordert.

Pränatal belastete Kinder

Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft Alkohol (FASD), Drogen oder extremem Stress ausgesetzt waren, bringen oft bereits bei Geburt neurobiologische Belastungen mit. Das äußert sich in Regulationsproblemen, erhöhter Reizbarkeit oder Trinkschwäche.

Vernachlässigte Säuglinge

Kinder, die in den ersten Monaten nicht prompt auf ihre Signale reagiert bekommen haben, lernen: Weinen bringt nichts. Sie werden still, zeigen wenig Emotionen und suchen keinen Augenkontakt. Das wirkt fälschlicherweise oft wie Zufriedenheit.

Frühgeborene in Pflege

Frühgeborene haben oft einen längeren Krankenhausaufenthalt hinter sich und benötigen besondere Nachsorge. Programme wie der Bunte Kreis bieten spezialisierte Nachsorge für Frühgeborene und deren Familien.

Entwicklungsverzögerungen

Vernachlässigung in den ersten Lebensjahren hinterlässt Spuren: Sprachentwicklung, Motorik, kognitive Fähigkeiten — alle Bereiche können betroffen sein. Frühzeitige Förderung kann Rückstände erheblich aufholen.

Gut zu wissen

Gut zu wissen: Pflegekinder unter drei Jahren haben nach § 46 SGB IX ab Geburt Anspruch auf interdisziplinäre Frühförderung, wenn ein Entwicklungsrisiko besteht. Du musst nicht warten, bis sich eine Verzögerung manifestiert — ein Risiko genügt für den Anspruch.

Ausführlicher Ratgeber

Bindungsstörung bei Pflegekindern: Anzeichen erkennen & Bindung fördern

Was ist eine Bindungsstörung? Bowlby-Theorie, ICD-10 F94, Bindungsmuster und wie du Bindung aktiv fördern kannst.

Bindungsaufbau im Babyalter — so gelingt es

Bindung entsteht nicht durch einen einzelnen Moment — sie wächst durch tausende kleiner Interaktionen, Tag für Tag. Das Konzept der Feinfühligkeit nach Mary Ainsworth beschreibt genau das: Signale des Kindes wahrnehmen, richtig interpretieren und prompt, angemessen darauf reagieren. Für Pflegebabys ist das besonders wichtig, weil sie möglicherweise noch nie die Erfahrung gemacht haben, dass jemand auf ihre Signale reagiert.

Das eingefrorene Bindungsverhalten erkennen

Eines der verwirrendsten Phänomene bei vernachlässigten Säuglingen ist das sogenannte eingefrorene Bindungsverhalten. Das Baby weint kaum, lässt sich ohne Widerstand umhertragen, schaut selten in Gesichter und zeigt wenig Emotionen. Das wirkt wie Ausgeglichenheit — ist aber das Gegenteil.

Das Kind hat gelernt: Schreien oder Nähe suchen bringt nichts — also höre ich damit auf. Dieser Rückzug ist ein Überlebensmechanismus, kein Zeichen von Zufriedenheit. Bitte interpretiere Stille nicht als Wohlbefinden, sondern als Signal, dass das Kind intensive, geduldige Zuwendung braucht.

Wichtig

Ein ruhiges Pflegebaby ist nicht notwendigerweise ein zufriedenes Pflegebaby. Wenn ein Säugling unter drei Monaten sehr selten weint, kaum Augenkontakt sucht und sich nicht beruhigen lässt, wenn Nähe angeboten wird, sprich unbedingt mit dem Kinderarzt oder einer bindungsorientierten Fachkraft.

Praktische Bindungsstrategien für Pflegebabys

Körperkontakt und Tragen

Körperkontakt ist die älteste Form der Bindungskommunikation. Trage dein Pflegebaby so oft wie möglich — im Tragetuch, auf dem Arm, bei Haut-zu-Haut-Kontakt. Körperwärme reguliert das Nervensystem und signalisiert: Hier bin ich sicher. Tragen ist keine Verwöhnung, sondern neurobiologische Notwendigkeit.

Blickkontakt und Sprache

Schaue dem Baby in die Augen bei jedem Wickeln, Füttern, Einschlafen. Benenne, was du tust: 'Jetzt mache ich dir eine frische Windel.' Diese sogenannte Baby-Talk-Kommunikation ist nicht albern — sie ist entwicklungspsychologisch notwendig und baut Sprache auf.

Promptes Reagieren auf Signale

Reagiere auf jedes Signal des Kindes — auch auf Quietschen, Gurgeln oder Unruhe, bevor es zum Schreien kommt. Diese Promptheit ist das Herzstück von Feinfühligkeit. Du kannst ein Baby nicht 'verwöhnen', indem du auf seine Bedürfnisse eingehst.

Rituale und Vorhersehbarkeit

Feste Rituale beim Einschlafen, beim Aufwachen, beim Füttern geben dem Baby Orientierung. Säuglinge haben noch kein Zeitgefühl — sie orientieren sich an wiederkehrenden Abfolgen. Ein stabiles Ritual senkt Cortisol (Stresshormon) und fördert Bindung.

Beruhigungsstrategien kennen

Verschiedene Babys beruhigen sich durch verschiedene Reize: Schaukeln, Summen, Saugen, Wärme, Druck auf den Bauch. Probiere systematisch aus, was für dein Pflegebaby funktioniert — und halte daran fest. Vorhersehbare Beruhigung ist Bindung.

Eigene Reguliertheit als Grundlage

Du kannst nur dann feinfühlig auf ein Kind eingehen, wenn du selbst ausreichend reguliert bist. Ein schreienes Baby über Stunden auszuhalten erfordert eigene Stresstoleranz. Hol dir Entlastung, bevor du an deine Grenzen kommst.

0–3

Jahre: kritische Bindungsphase nach Bowlby

1.000

Tage: Grundlage der Gehirnentwicklung

90 %

der Gehirnentwicklung vor dem 5. Geburtstag

Tipp

Wenn du ein Pflegebaby aufnimmst, das aus einer Vernachlässigungssituation kommt, kann es mehrere Wochen dauern, bis du erste Zeichen von Bindung siehst: ein Lächeln, ein Strecken der Arme, Blickkontakt. Lass dich davon nicht entmutigen. Jede Interaktion zählt — auch wenn du noch keine Rückmeldung bekommst.

Regulationsstörungen bei Pflegebabys

Regulationsstörungen gehören zu den häufigsten Herausforderungen bei Pflegebabys und Kleinkindern unter drei Jahren. Der Begriff beschreibt Schwierigkeiten des Kindes, eigene physiologische und emotionale Zustände zu regulieren — also zu schlafen, sich zu beruhigen, zu trinken, Reize zu verarbeiten.

Diese Störungen entstehen häufig durch pränatale Belastungen (Drogenexposition, Alkohol, mütterlicher Stress), durch fehlende Co-Regulation nach der Geburt (niemand hat dem Kind geholfen, sich zu beruhigen) oder durch eine Kombination beider Faktoren. Regulationsstörungen sind keine Erziehungsprobleme — sie sind neurobiologisch bedingt und brauchen professionelle Unterstützung.

Die drei häufigsten Formen

Exzessives Schreien (Drei-Stunden-Regel)

Von exzessivem Schreien spricht man, wenn ein Säugling mehr als drei Stunden täglich, an mehr als drei Tagen pro Woche und über mehr als drei Wochen anhaltend schreit — ohne erkennbare körperliche Ursache. Bei Pflegebabys ist diese Grenze oft überschritten, weil das Nervensystem durch pränatale Belastungen bereits überreguliert ist.

NIEMALS SCHÜTTELN — auch nicht aus Verzweiflung!

Schütteltrauma kann zu schweren Hirnschäden, Blindheit oder Tod führen. Wenn du an deine Grenzen kommst: Baby sicher ablegen, kurz Abstand nehmen, Hilfe holen.

Schlafstörungen

Viele Pflegebabys haben keinen stabilen Schlaf-Wach-Rhythmus erlernt, weil Schlafzeiten in der Herkunftsfamilie unregelmäßig oder chaotisch waren. Häufiges nächtliches Aufwachen, Schwierigkeiten beim Einschlafen ohne Körperkontakt und kurze Schlafphasen sind typisch. Hilfreiche Strategien: feste Schlafrituale aufbauen, auf Signale achten bevor das Kind übermüdet ist, Co-Sleeping nach sicheren Leitlinien erwägen (nie auf dem Sofa, nie bei Alkohol/Medikamenteneinfluss).

Fütterstörungen und Trinkschwäche

Trinkschwäche bei Neugeborenen kann durch Drogenexposition, Frühgeburtlichkeit oder neurologische Besonderheiten bedingt sein. Ältere Kleinkinder können durch Vernachlässigung ein gestörtes Essverhalten entwickeln: Horten, Schlingen, Verweigern oder exzessives Essen. Lass körperliche Ursachen immer ausschließen und ziehe eine spezialisierte Fachkraft hinzu (Logopädie, Ernährungsberatung für Säuglinge, Ergotherapie).

Hilfe bei Regulationsstörungen: Anlaufstellen

Schreiambulanz / SKFW-Ambulanz

Spezialisierte Beratungsstellen für Schrei-, Schlaf- und Fütterprobleme in den ersten Lebensjahren. Oft an Kinderkliniken oder Sozialpädiatrischen Zentren angegliedert. Wartezeiten können mehrere Wochen betragen — also so früh wie möglich anmelden.

Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ)

Für komplexe Fälle, in denen Regulationsstörungen mit Entwicklungsverzögerungen oder neurologischen Besonderheiten kombiniert auftreten. Das SPZ führt eine umfassende diagnostische Abklärung durch und koordiniert interdisziplinäre Förderpläne. Überweisung durch den Kinderarzt erforderlich.

Interdisziplinäre Frühförderstelle (IDFF)

Frühförderstellen bieten Einzel- und Gruppenförderung für Kinder ab Geburt bis zum Schuleintritt. Heilpädagogik, Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie unter einem Dach. Kosten trägt je nach Diagnose das Jugendamt, Sozialamt oder die Eingliederungshilfe nach § 46 SGB IX.

Kinderarzt als erste Anlaufstelle

Dein Kinderarzt kann körperliche Ursachen ausschließen, Überweisungen ausstellen und an Spezialisten weiterverweisen. Informiere ihn über die Vorgeschichte des Kindes, soweit dir bekannt — auch pränatale Belastungen sind für die Diagnostik relevant.

Wichtig

Neonatales Abstinenzsyndrom (NAS): Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft Opioide, Benzodiazepine oder andere Substanzen konsumiert haben, können nach der Geburt Entzugssymptome zeigen: Zittern, Schreien, schlechtes Trinken, Schlafstörungen, erhöhter Muskeltonus. NAS wird in der Regel stationär behandelt, aber die Nachsorge liegt dann bei den Pflegeeltern. Lass dich vom Neonatologen oder SPZ umfassend beraten und schul dir in den spezifischen Bedürfnissen.

Ausführlicher Ratgeber

FASD bei Pflegekindern: Fötales Alkoholsyndrom erkennen & begleiten

Was FASD bedeutet, wie es sich äußert und wie du als Pflegeelternteil das Kind gezielt unterstützen kannst.

Elternzeit und finanzielle Aspekte für Pflegeeltern

Eine der häufigsten Fragen von Pflegeeltern, die ein Baby oder Kleinkind aufnehmen, betrifft die Elternzeit. Können Pflegeeltern Elternzeit nehmen? Und was ist mit dem Elterngeld?

Elternzeit: Ja!

Nach § 15 Abs. 1 BEEG haben Pflegeeltern Anspruch auf Elternzeit, wenn sie ein Pflegekind in Vollzeitpflege aufgenommen haben. Die Elternzeit muss beim Arbeitgeber mindestens sieben Wochen vor dem gewünschten Beginn schriftlich angemeldet werden. Der Zeitpunkt beginnt mit dem Tag der Aufnahme des Kindes in den Haushalt.

Elterngeld: Nein!

Pflegeeltern haben keinen Anspruch auf Elterngeld. § 1 BEEG beschränkt den Anspruch auf leibliche Eltern und Adoptiveltern. Das Pflegegeld nach § 39 SGB VIII läuft während der Elternzeit weiter — ersetzt das Elterngeld aber nicht in gleicher Höhe.

Finanzielle Unterstützung für Pflegeeltern von Kleinstkindern

Pflegegeld nach § 39 SGB VIII

Das reguläre Pflegegeld deckt die Kosten des Lebensunterhalts, Erziehung und Betreuung ab. Es setzt sich aus einem Sachkostenanteil und einem Erziehungsbeitrag zusammen und variiert je nach Bundesland, Kommune und Alter des Kindes. Für Babys und Kleinkinder liegt es in den meisten Bundesländern bei etwa 830 bis 1.000 Euro monatlich.

Erstausstattungspauschale

Bei Aufnahme eines Pflegebabys kann eine Erstausstattungspauschale nach § 39 SGB VIII beim Jugendamt beantragt werden. Sie deckt notwendige Anschaffungen ab: Kinderwagen, Autositz, Kinderbett, Kleidung, Wickelausstattung. Die Höhe ist nicht bundesweit einheitlich — frag beim Pflegekinderdienst nach den aktuellen Sätzen in deiner Region.

Krankenkasse: Familienversicherung prüfen

Pflegekinder können in der Regel in der Familienversicherung der Pflegeeltern mitversichert werden — auch ohne Adoption. Kläre dies unmittelbar nach der Aufnahme mit deiner Krankenkasse. Wenn das Kind noch keine Krankenversicherung hat, ist das Jugendamt zuständig für die Absicherung.

Rentenversicherungsbeiträge durch das Jugendamt

Wenn eine Pflegeperson wegen der Betreuung des Kindes ihre Erwerbstätigkeit aufgibt oder reduziert, kann das Jugendamt nach § 39 Abs. 4 SGB VIII Beiträge zur Rentenversicherung übernehmen. Sprich deinen Pflegekinderdienst darauf an.

Gut zu wissen

Kindergeld: Pflegeeltern haben Anspruch auf Kindergeld, wenn das Pflegekind in ihren Haushalt aufgenommen wurde und sie es auf eigene Kosten unterhalten (§ 32 Abs. 1 Nr. 2 EStG). In der Praxis wird es oft mit dem Pflegegeld verrechnet — kläre das konkret mit deinem Jugendamt und der Familienkasse.

Frühförderung — je früher, desto besser

Das Gehirn eines Kleinkindes ist in den ersten drei Lebensjahren so formbar wie zu keinem anderen Zeitpunkt. Frühzeitige Förderung kann Entwicklungsverzögerungen, die durch Vernachlässigung oder pränatale Belastungen entstanden sind, erheblich aufholen — manchmal vollständig, oft zumindest deutlich reduzieren.

Der gesetzliche Anspruch auf interdisziplinäre Frühförderung nach § 46 SGB IX besteht ab Geburt und gilt bis zum Schuleintritt. Du brauchst keine manifeste Entwicklungsstörung — ein Risiko für eine drohende Behinderung oder Entwicklungsverzögerung genügt für den Anspruch.

Welche Förderangebote gibt es?

Heilpädagogische Frühförderung

Ganzheitliche Förderung der kognitiven, sozialen und emotionalen Entwicklung. Fördert Spielverhalten, soziale Kompetenzen und kognitive Grundfertigkeiten.

Physiotherapie

Bei motorischen Entwicklungsverzögerungen, Muskelschwäche, Koordinationsproblemen oder auffälligem Gangbild. Besonders relevant bei Frühgeborenen.

Ergotherapie

Fördert Feinmotorik, Wahrnehmung, Handlungsplanung und Alltagskompetenzen. Auch bei sensorischer Verarbeitungsstörung hilfreich.

Logopädie

Bei Sprachentwicklungsverzögerungen, Schluckstörungen (besonders bei Säuglingen) und kommunikativen Auffälligkeiten. Kann schon im ersten Lebensjahr beginnen.

Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ)

Für komplexe Fälle mit mehreren Förderbereichen. Das SPZ erstellt umfassende Diagnostik und koordiniert alle Fördermaßnahmen unter einem Dach.

Bunter Kreis (Frühgeborene)

Der Bunte Kreis e.V. bietet spezialisierte Nachsorge und Förderung für Frühgeborene nach dem Krankenhausaufenthalt — häufig relevant bei Pflegebabys.

So beantragst du Frühförderung

1

Kinderarzt einbeziehen

Sprich bei der nächsten U-Untersuchung oder einem gesonderten Termin mit dem Kinderarzt über deine Beobachtungen und Sorgen. Beschreibe konkrete Verhaltensweisen und benenne die Vorgeschichte des Kindes. Der Arzt kann eine Überweisung zu einer Frühförderstelle oder einem SPZ ausstellen.

2

Frühförderstelle kontaktieren

Recherchiere die interdisziplinären Frühförderstellen in deiner Region (oft über den VkJ, die DGSF oder das örtliche Jugendamt zu finden). Melde dich direkt an — viele Frühförderstellen nehmen auch Direktanmeldungen ohne Überweisung entgegen.

3

Antrag beim Kostenträger stellen

Je nach Art der Beeinträchtigung ist das Jugendamt (Hilfe zur Erziehung), das Sozialamt (Eingliederungshilfe nach SGB IX) oder die Krankenkasse (medizinische Leistungen) zuständig. Die Frühförderstelle unterstützt in der Regel bei diesem Schritt.

4

Wartezeiten einplanen

Wartezeiten von drei bis sechs Monaten sind leider keine Seltenheit. Melde das Kind daher so früh wie möglich an — auch wenn noch keine abschließende Diagnose vorliegt. Überbrückend kann der Kinderarzt Einzeltherapien verordnen.

Tipp

Halte deine Beobachtungen des Kindes schriftlich fest — idealerweise mit Datum und konkreten Beispielen. Ein Entwicklungstagebuch oder die Dokumentationsfunktion in Pflegeeltern.Space hilft dir, beim Arzt und bei Behörden präzise Auskunft zu geben und unnötige Wartezeiten durch klare Informationen zu verkürzen.

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Pflegekind mit Behinderung: Unterstützung, Recht und Alltag

Eingliederungshilfe, erhöhter Pflegesatz und wie du ein Kind mit Behinderung optimal begleiten kannst.

Gesundheitsvorsorge und U-Untersuchungen

Die regelmäßigen Kindervorsorgeuntersuchungen — kurz U-Untersuchungen — gehören zu deinen wichtigsten Aufgaben als Pflegeelternteil. Sie ermöglichen es, Entwicklungsverzögerungen, Erkrankungen und Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern.

Übersicht der U-Untersuchungen bis zum 3. Lebensjahr

UntersuchungZeitpunktSchwerpunkte
U1Direkt nach GeburtApgar-Score, Vitalzeichen, Fehlbildungen, Reflexe
U23.–10. LebenstagGesamtzustand, Ernährung, Gelbsucht, Hüfte, Augen
U34.–5. LebenswocheMotorik, Sozialverhalten, Hören, Trinken, Hüfte
U43.–4. LebensmonatKopfheben, Fixieren, soziales Lächeln, Schreien
U56.–7. LebensmonatGreifen, Umdrehen, Sprachentwicklung, Fremdelreaktion
U610.–12. LebensmonatKrabbeln, Stehen, Pinzettengriff, erste Wörter
U721.–24. LebensmonatLaufen, Sprechen, Spielverhalten, Sozialverhalten
U7a34.–36. LebensmonatSprache, Motorik, Kita-Fähigkeit, Sozialverhalten

Besonderheiten bei Pflegekindern

Das gelbe Heft fehlt oft

Pflegekinder kommen häufig ohne Kinderuntersuchungsheft (das sogenannte gelbe Heft) — manchmal lagen die Vorsorgen auch nicht vollständig vor. Lass beim Kinderarzt so bald wie möglich ein neues Heft anlegen und alle bisher bekannten Informationen dokumentieren. Beim Jugendamt können medizinische Unterlagen der Herkunftsfamilie angefragt werden.

Impfungen nachholen

Viele Pflegekinder sind nicht oder unvollständig geimpft. Lass den Impfstatus unmittelbar nach der Aufnahme beim Kinderarzt klären. Die STIKO-Empfehlungen gelten auch für Pflegekinder. Für Impfungen benötigst du die Zustimmung des Sorgerechtsberechtigten — klär dies über das Jugendamt.

Sorgerechtliche Fragen klären

Als Pflegeeltern habt ihr in der Regel keine elterliche Sorge — diese verbleibt bei den leiblichen Eltern oder wird durch das Familiengericht auf das Jugendamt übertragen. Für medizinische Entscheidungen (Operationen, Impfungen, Therapien) braucht ihr die Zustimmung des Sorgerechtsinhabers. Kläre dies rechtzeitig, damit es in Notfallsituationen keine Verzögerungen gibt.

Neugeborenen-Screening (U2)

Das Neugeborenen-Screening auf Stoffwechselerkrankungen, Hormonstörungen und Herzfehler (Pulsoxymetrie) sollte idealerweise in den ersten zehn Lebenstagen stattgefunden haben. Wenn du ein sehr junges Pflegebaby aufnimmst und keinen Nachweis hast, kläre dies sofort mit dem Kinderarzt.

Wichtig

Beim ersten Kinderarzttermin nach der Aufnahme: Bring alle Unterlagen mit, die du über das Kind hast — auch wenn es wenige sind. Informiere den Arzt über bekannte Belastungen in der Schwangerschaft. Je vollständiger die Information, desto gezielter kann der Arzt Screenings und Überweisungen veranlassen. Verlass dich nicht darauf, dass das Jugendamt alle relevanten Informationen von sich aus weitergegeben hat.

Kita-Eingewöhnung für Pflegekinder — Besonderheiten beachten

Irgendwann stellt sich die Frage: Wann kommt das Pflegekind in die Kita? Das hängt nicht nur vom Alter ab, sondern vor allem von einem entscheidenden Faktor: Hat das Kind schon eine ausreichend stabile Bindung zur Pflegeperson aufgebaut?

Wichtig

Bindung zuerst — Kita danach. Pflegeeltern wird empfohlen, das Kind frühestens drei bis sechs Monate nach der Aufnahme in die Kita zu geben. Ein Kind, das noch keine sichere Bindung zur Pflegeperson hat, kann den Trennungsschmerz in der Kita nicht regulieren. Die Kita baut auf einer stabilen Primärbindung auf — sie ersetzt sie nicht.

Das Berliner Modell und seine Anpassung für Pflegekinder

Das Berliner Eingewöhnungsmodell empfiehlt für Kinder ab einem Jahr eine Eingewöhnungszeit von zwei bis vier Wochen. Für Pflegekinder, insbesondere solche mit Bindungserfahrungen aus der frühen Kindheit, sollte die Eingewöhnungszeit deutlich länger geplant werden — oft vier bis acht Wochen oder länger. Das Ziel ist, dass das Kind die Kita als sicheren Ort erlebt, ohne dass es das Gefühl bekommt, wieder verlassen zu werden.

So bereitest du Erzieher und Kita vor

Vorabgespräch mit der Kita-Leitung

Kläre bereits vor der Eingewöhnung in einem ausführlichen Gespräch, welche Besonderheiten dein Pflegekind mitbringt. Du musst keine Details zur Vorgeschichte nennen — aber du kannst erklären, dass das Kind Bindungserfahrungen mitbringt, die mehr Sensibilität erfordern. Frage, ob die Einrichtung Erfahrung mit Pflegekindern hat.

Datenschutz beachten

Die Vorgeschichte deines Pflegekindes ist vertraulich. Du darfst und solltest nur so viele Informationen weitergeben, wie für die Betreuung notwendig sind. Sprich mit dem Jugendamt ab, welche Informationen du mit der Kita teilen kannst.

Verlängerte Eingewöhnungszeit einfordern

Bestehe auf einer individuell angepassten Eingewöhnungszeit — auch wenn die Kita zunächst auf die Standard-Eingewöhnung drängt. Du kannst die Empfehlung zum verlängerten Eingewöhnungsmodell für Pflegekinder auf Fachpublikationen (z.B. Netzwerk Kinderbetreuung, DJI) stützen.

Trennungsreaktionen ernst nehmen

Kinder, die schon früh Trennungserlebnisse hatten, reagieren auf Kita-Trennungen manchmal intensiver — oder überhaupt nicht (eingefrorene Reaktion). Beides ist ernst zu nehmen. Bleibe in den ersten Wochen in Rufweite und hol das Kind frühzeitig ab, wenn Erziehende Signale der Überforderung bemerken.

Tipp

Ein Übergangsgegenstand — ein Kuscheltier, ein kleines Tuch aus dem Elternhaus, ein Foto — kann die Kita-Eingewöhnung für Pflegekinder erheblich erleichtern. Er überbrückt die Trennung und erinnert das Kind daran: Mama und Papa kommen wieder. Besprich das mit den Erziehenden, damit der Gegenstand während des Kita-Tages verfügbar bleibt.

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Eingewöhnung Pflegekind: Die ersten Wochen erfolgreich meistern

Von der Vorbereitung bis zur Bindung — ein umfassender Leitfaden für den Start mit deinem Pflegekind.

Häufige Fragen zu Pflegekindern unter 3 Jahren

Kann ich als Pflegeelternteil Elternzeit nehmen?

Ja, nach § 15 Abs. 1 BEEG haben Pflegeeltern Anspruch auf Elternzeit, wenn sie das Pflegekind in Vollzeitpflege aufgenommen haben. Allerdings besteht kein Anspruch auf Elterngeld (§ 1 BEEG gilt nur für leibliche und adoptierte Kinder). Das Pflegegeld wird während der Elternzeit weitergezahlt. Die Elternzeit muss beim Arbeitgeber mindestens sieben Wochen vor Beginn schriftlich angemeldet werden.

Mein Pflegebaby schreit ständig — ist das normal?

Exzessives Schreien (mehr als drei Stunden täglich, mehr als drei Tage pro Woche) ist bei Pflegebabys häufiger als bei anderen Kindern. Mögliche Ursachen sind pränatale Belastung, Regulationsstörung oder Bindungsunsicherheit. Wichtig: Eine Schreiambulanz aufsuchen, niemals schütteln (Schütteltrauma-Risiko), Entlastung durch das Jugendamt oder vertraute Personen organisieren und den Kinderarzt einbeziehen.

Wann sollte ich mit der Frühförderung beginnen?

So früh wie möglich. Ab Geburt haben Kinder mit Entwicklungsrisiko Anspruch auf interdisziplinäre Frühförderung nach § 46 SGB IX. Der Antrag kann beim Jugendamt, beim Sozialamt oder über den Kinderarzt an eine Frühförderstelle oder ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) gestellt werden. Wartezeiten von mehreren Monaten sind leider üblich — daher so früh wie möglich anfangen.

Mein Pflegebaby zeigt kein Bindungsverhalten — was ist los?

Bei Säuglingen, die Vernachlässigung erfahren haben, kann das Bindungsverhalten eingfroren sein. Das Kind hat gelernt, dass Weinen oder Nähesuchen nichts bewirkt. Es liegt also still, weint kaum und sucht keinen Blickkontakt — das ist kein Zeichen von Zufriedenheit, sondern ein Schutzmechanismus. Mit Geduld, konsequenter Feinfühligkeit und körperlicher Nähe baut sich Bindung auf — das kann Wochen bis Monate dauern. Therapeutische Begleitung durch eine bindungsorientierte Fachkraft kann sehr hilfreich sein.

Brauche ich eine besondere Ausstattung für ein Pflegebaby?

Die Grundausstattung entspricht der für jedes Baby: Kinderbett, Wickelkommode, Kinderwagen, altersgerechte Kleidung, Babynahrung und Hygieneartikel. Beim Jugendamt kann eine Erstausstattungspauschale nach § 39 SGB VIII beantragt werden — viele Jugendämter haben auch eine eigene Grundausstattung auf Lager. Second-Hand ist völlig in Ordnung und wird von Jugendämtern oft aktiv unterstützt.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Die ersten drei Lebensjahre sind die kritischste Bindungsphase — und zugleich die Zeit mit dem größten Heilungspotenzial.
  • Ein stilles, kaum schreiendes Pflegebaby ist nicht unbedingt zufrieden — eingefrorenes Bindungsverhalten ist ein Warnsignal, kein Zeichen von Gelassenheit.
  • Regulationsstörungen (Schreien, Schlaf, Fütterung) sind häufig bei Pflegebabys und haben neurobiologische Ursachen — niemals schütteln, immer professionelle Hilfe suchen.
  • Pflegeeltern haben Anspruch auf Elternzeit nach § 15 BEEG, aber keinen Anspruch auf Elterngeld. Das Pflegegeld läuft während der Elternzeit weiter.
  • Frühförderung nach § 46 SGB IX kann ab Geburt beantragt werden — so früh wie möglich beginnen, auch wenn noch keine Diagnose vorliegt.
  • Das gelbe Heft fehlt oft — beim ersten Kinderarzttermin sofort ein neues anlegen lassen und alle U-Untersuchungen und Impfungen nachholen.
  • Kita-Eingewöhnung frühestens drei bis sechs Monate nach der Aufnahme — Bindung zur Pflegeperson muss zuerst entstehen.
  • Erstausstattungspauschale nach § 39 SGB VIII beim Jugendamt beantragen — du musst nicht alles selbst finanzieren.

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