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Praxis

Pflegekind in der Pubertät
Identitätssuche & doppelte Loyalität

Die Pubertät stellt jede Familie auf die Probe — bei Pflegekindern kommt eine besondere Tiefe hinzu. Identitätsfragen, Herkunftssuche und Loyalitätskonflikte verstärken die ohnehin turbulente Zeit. Dieser Ratgeber erklärt, was hinter dem Verhalten steckt und wie Pflegeeltern die Beziehung auch in schwierigen Phasen halten können.

10 Min. LesezeitAktualisiert: Februar 2026

Pubertät als besondere Herausforderung im Pflegeverhältnis

Die Pubertät ist für jede Familie eine intensive Zeit. Hormonschwankungen, Ablösungsprozesse, Grenztesterei und der Wunsch nach Autonomie gehören zum normalen Entwicklungsprogramm jedes Jugendlichen. Bei Pflegekindern kommen jedoch besondere Themen hinzu, die die ohnehin turbulente Phase erheblich verstärken können.

Während gleichaltrige Jugendliche fragen: „Wer will ich werden?“, fragen viele Pflegekinder gleichzeitig: „Wer bin ich überhaupt?“, „Woher komme ich wirklich?“ und „Warum wurde ich weggegeben?“ Diese Fragen sind keine Zeichen von Undankbarkeit gegenüber der Pflegefamilie — sie sind entwicklungspsychologisch notwendig und tiefmenschlich verständlich.

Normale Pubertätsthemen

  • Ablösung von den Eltern
  • Peer-Group gewinnt an Bedeutung
  • Körperliche Veränderungen verarbeiten
  • Erste Beziehungen und Sexualität
  • Berufliche Orientierung
  • Eigene Werte entwickeln

Zusätzliche Pflegekind-Themen

  • Identitätsfrage: Wer bin ich?
  • Herkunftsfragen und Herkunftssuche
  • Loyalitätskonflikte zwischen zwei Familien
  • Unverarbeitete Traumata brechen auf
  • Nachholen versäumter Entwicklungsschritte
  • Angst vor Verlust und Ablehnung

Das Besondere an der Pubertät von Pflegekindern ist die Gleichzeitigkeit: Sie müssen nicht eine, sondern mehrere Entwicklungsaufgaben auf einmal bewältigen. Das erklärt, warum die Pubertät im Pflegeverhältnis oft länger dauert, intensiver ausfällt und mehr professionelle Begleitung erfordert als in leiblichen Familien.

Gut zu wissen

Studien zur Entwicklung von Pflegekindern zeigen, dass ein stabiles, verlässliches Pflegeverhältnis auch in der Pubertät der wichtigste Schutzfaktor ist — selbst dann, wenn die Beziehung zeitweise stark belastet erscheint. Die bloße Kontinuität der Pflegebeziehung hat einen messbaren positiven Effekt auf die langfristige Entwicklung.

Das Phänomen „doppelte Pubertät"

Viele erfahrene Pflegeeltern und Fachkräfte beschreiben ein Phänomen, das in der Fachwelt als „nachholende Entwicklung“ bekannt ist und im Pflegealltag oft als „doppelte Pubertät“ bezeichnet wird: Das emotionale Entwicklungsalter eines Pflegekindes liegt häufig deutlich unter dem biologischen Alter.

Ein 14-jähriges Pflegekind kann gleichzeitig typische Pubertätskonflikte austragen und dabei Verhaltensweisen zeigen, die man eher von einem 7- oder 8-jährigen Kind erwarten würde: Wutanfälle, Trotzreaktionen, das Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Regulation durch Erwachsene. Diese Gleichzeitigkeit ist für alle Beteiligten verwirrend und kräftezehrend.

Wie entsteht die doppelte Pubertät?

1

Frühe Bindungsstörungen

Wenn in den ersten Lebensjahren keine sichere Bindung entstehen konnte — weil Vernachlässigung, Gewalt oder häufige Bezugspersonenwechsel die Entwicklung unterbrochen haben — bleibt das Kind in bestimmten Bereichen emotional jünger.

2

Unterbrochene Entwicklungsschritte

Bestimmte Entwicklungsaufgaben, die normalerweise im Vorschulalter oder in der frühen Kindheit abgeschlossen werden (z.B. emotionale Regulation, Bindungssicherheit, Grundvertrauen), werden in der Pubertät nachgeholt — oft mit erheblichem Aufwand für alle Beteiligten.

3

Aktivierung durch Pubertätsstress

Die biologischen und sozialen Anforderungen der Pubertät aktivieren das Nervensystem auf eine Art, die frühe Traumata und unverarbeitete Verlusterfahrungen an die Oberfläche bringt. Was vorher stabil wirkte, kann plötzlich ins Wanken geraten.

4

Regression als Regulationsstrategie

Jugendliche Pflegekinder greifen in Überforderungssituationen auf frühere Verhaltensweisen zurück — sogenannte Regression. Das ist kein Rückschritt, sondern ein Versuch des Nervensystems, sich zu schützen und zu regulieren.

Wichtig

Die doppelte Pubertät bedeutet nicht, dass etwas „falsch gelaufen“ ist — weder mit dem Kind noch mit der Pflegefamilie. Sie ist eine direkte Folge früher Erfahrungen und zeigt, dass das Kind jetzt in einem sicheren Umfeld ist, in dem es das Versäumte nachholen kann. Das ist letztlich ein gutes Zeichen — auch wenn es sich im Alltag nicht so anfühlt.

Ausführlicher Ratgeber

Bindungsstörung beim Pflegekind

Ursachen, Anzeichen und was Pflegeeltern konkret tun können.

Identitätssuche und Herkunftsfragen

Die zentrale Entwicklungsaufgabe der Pubertät ist die Identitätsbildung — das Erarbeiten einer stabilen Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ Für Pflegekinder ist diese Frage komplexer als für leibliche Kinder, denn sie haben nicht eine, sondern mindestens zwei Familienwelten, aus denen sie sich zusammensetzen.

In der Pubertät drängen Herkunftsfragen oft mit einer neuen Intensität an die Oberfläche: „Wie sehen meine leiblichen Eltern aus?“ „Warum haben sie mich weggegeben?“ „Habe ich Geschwister?“ „Was ist von meiner Herkunftsfamilie in mir?“ Diese Fragen sind kein Angriff auf die Pflegefamilie — sondern ein natürlicher Teil der Biografie-Arbeit, die jeder Mensch in der Adoleszenz leistet.

Herkunftssuche ernst nehmen

Wenn ein Pflegekind beginnt, aktiv nach Informationen über seine Herkunftsfamilie zu suchen — im Internet, in Akten, über Verwandte — ist das ein normales und gesundes Verhalten. Pflegeeltern sollten diese Suche unterstützen, statt sie zu blockieren oder zu ignorieren.

Kontaktwünsche zur leiblichen Familie

Viele Pflegekinder wünschen sich in der Pubertät intensivere Kontakte zur Herkunftsfamilie oder einen ersten Kontakt zu bisher unbekannten Verwandten. Diese Wünsche sollten gemeinsam mit dem Jugendamt besprochen werden — ohne Panik, aber auch ohne voreilige Alleingänge.

Biografiearbeit aktiv begleiten

Ein Lebensbuch, gemeinsames Anschauen von Fotos oder altersgerechte Gespräche über die eigene Geschichte helfen dem Pflegekind, ein kohärentes Bild von sich selbst zu entwickeln. Professionelle Begleitung durch eine Fachkraft kann dabei wertvolle Unterstützung bieten.

Ambivalente Gefühle zulassen

Pflegekinder haben oft widersprüchliche Gefühle gegenüber ihrer Herkunftsfamilie: Sehnsucht und Wut, Liebe und Enttäuschung gleichzeitig. Pflegeeltern, die diese Ambivalenz aushalten und nicht auflösen wollen, geben dem Kind den Raum, den es braucht.

Was Pflegekinder in dieser Phase brauchen

Forschungen zur Identitätsentwicklung bei Pflegekindern zeigen, dass Jugendliche am besten durch die Pubertät kommen, wenn sie Zugang zu ihrer eigenen Geschichte haben und gleichzeitig das Gefühl haben, in der Pflegefamilie wirklich dazuzugehören.

Ehrliche, altersgerechte Informationen über die eigene Herkunft
Die Erlaubnis, die leibliche Familie zu lieben, ohne die Pflegefamilie zu verletzen
Kontinuität und Stabilität in der Pflegefamilie
Professionelle Biografiebegleitung wenn nötig
Respekt für beide Familienwelten ohne Loyalitätsdruck
Das Wissen: Ich bin mehr als meine Herkunft

Ausführlicher Ratgeber

Pflegekind und Herkunftsfamilie

Umgangskontakte gestalten, Loyalitätskonflikte verstehen, Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie.

Loyalitätskonflikte in der Pubertät

Loyalitätskonflikte kennen viele Pflegekinder aus ihrem gesamten Leben — aber in der Pubertät können sie eine neue Qualität bekommen. Der Ablösungsprozess, der Teil jeder gesunden Adoleszenz ist, verläuft bei Pflegekindern oft über die Herkunftsfamilie: Das Pflegekind idealisiert die leiblichen Eltern und wertet die Pflegefamilie ab, um sich abzulösen.

Sätze wie „Du bist nicht meine echte Mutter!“ oder „Mein richtiger Vater würde das nie verbieten!“ sind zwar schmerzhaft — aber sie erfüllen eine Funktion: Sie schaffen emotionale Distanz, die das Pflegekind gerade braucht. Das bedeutet nicht, dass das Kind die Pflegeeltern nicht liebt oder braucht.

Typische Loyalitätskonflikte in der Pubertät

Idealisierung der Herkunftsfamilie

Das Pflegekind malt sich aus, wie schön das Leben bei den leiblichen Eltern wäre — obwohl es dort vielleicht Vernachlässigung oder Schaden erlebt hat. Diese Idealisierung schützt das Innere: Es ist leichter, an ideale Eltern zu glauben, als mit dem Schmerz der Ablehnung umzugehen.

Abwertung der Pflegefamilie

Pflegeeltern werden als „nicht die echten Eltern“ bezeichnet, ihre Erziehung wird abgelehnt oder als Einmischung erlebt. Regeln werden grundsätzlich in Frage gestellt. Das tut weh — und es hat System: Das Pflegekind erprobt, ob die Beziehung auch unter Druck hält.

Vergleiche als Waffe

„Meine echte Mutter lässt mich bis Mitternacht rausgehen!“ oder „Ich rede nie wieder mit dir, du bist sowieso nur bezahlt!“ — solche Aussagen treffen tief. Sie sind oft Ausdruck von Überforderung und dem Wunsch, Kontrolle über eine als unkontrollierbar erlebte Situation zu gewinnen.

Verstärkte Konflikte nach Umgangskontakten

Nach Besuchen bei der Herkunftsfamilie verhalten sich viele Pflegekinder deutlich schwieriger. Das Pendeln zwischen zwei Welten aktiviert Loyalitätskonflikte und kostet enorme emotionale Energie — die sich dann zuhause entlädt.

Tipp

Wenn euer Pflegekind sagt „Du bist nicht meine echte Mutter“: Atmet tief durch, bevor ihr antwortet. Eine mögliche Antwort: „Du hast recht, ich habe dich nicht geboren. Aber ich bin für dich da — und das ändert sich nicht.“ Kurz, ruhig, klar. Der Satz muss keine große Diskussion auslösen.

Typische Verhaltensweisen — und was dahintersteckt

Pflegeeltern berichten häufig von Verhaltensweisen, die in der Pubertät auftreten oder sich verstärken. Das Verstehen der Funktion hinter dem Verhalten hilft, gelassener und konstruktiver zu reagieren — auch wenn es im Moment alles andere als einfach ist.

Provokation und Grenztesten

Was dahintersteckt: Das Pflegekind überprüft, ob die Beziehung belastbar ist. Werden die Pflegeeltern bleiben, auch wenn es schwierig wird? Provokation ist oft ein Bindungstest — wenn auch ein unangenehmer.

Schulverweigerung und Leistungsabfall

Was dahintersteckt: Innere Konflikte, unverarbeitete Traumata und emotionale Überforderung kosten Energie, die dann für die Schule fehlt. Schulverweigerung kann auch ein Hilferuf sein: Die Überforderung ist so groß, dass nichts mehr geht.

Risikoverhalten (Drogen, Alkohol, Sexualität)

Was dahintersteckt: Jugendliche mit Bindungsstörungen suchen häufiger intensive Erfahrungen zur Selbstregulation. Risikoverhalten kann Spannungsregulation bedeuten oder ein Versuch sein, Akzeptanz in der Peergroup zu finden.

Kontaktabbruch und emotionaler Rückzug

Was dahintersteckt: Manche Pflegekinder ziehen sich komplett zurück — sprechen kaum noch, verbringen die Zeit ausschließlich auf dem Zimmer. Dahinter steckt oft die Angst, in der Nähe verletzt zu werden. Distanz fühlt sich sicherer an.

Ausreißen und Weglaufen

Was dahintersteckt: Ausreißen ist fast immer ein Zeichen extremer innerer Not. Es ist kein Angriff auf die Pflegeeltern, sondern ein Versuch, einer unerträglich gewordenen Situation zu entkommen. Sofortige professionelle Unterstützung ist wichtig.

Wichtig

Bei ernsthaftem Risikoverhalten, Ausreißen oder Anzeichen von Selbstverletzung solltet ihr nicht zögern, professionelle Hilfe zu holen — beim Jugendamt, bei einer Erziehungsberatung, einem Kinder- und Jugendpsychiater oder einer Krisenhotline. Das ist kein Versagen, sondern verantwortliches Handeln.

Ausführlicher Ratgeber

Verhaltensauffälligkeiten beim Pflegekind

Ursachen verstehen, deeskalieren, professionelle Hilfe holen — ein praxisnaher Ratgeber.

Was Pflegeeltern konkret tun können

Es gibt kein Patentrezept für die Pubertät im Pflegeverhältnis. Aber es gibt Haltungen und Handlungen, die nachweislich helfen — nicht indem sie die Schwierigkeiten verschwinden lassen, sondern indem sie die Beziehung stabil halten, die das Kind so dringend braucht.

Die Beziehung halten

Auch wenn das Pflegekind ablehnt, provoziert oder schweigt: Bleibt präsent. Ein kurzes „Ich bin für dich da“ ohne Gegenleistung zu erwarten, ist oft mächtiger als lange Gespräche. Beziehung zeigt sich im Kleinen.

Grenzen mit Liebe setzen

Konsequente, vorhersehbare Grenzen geben Sicherheit — auch wenn das Pflegekind dagegen ankämpft. Es geht nicht darum, recht zu behalten, sondern ein verlässliches Gegenüber zu sein. Regeln ohne Beziehung wirken nicht.

Gelassenheit üben

Das fällt schwer — aber je ruhiger Pflegeeltern auf Eskalationen reagieren, desto weniger Eskalation gibt es. Nicht jede Provokation braucht eine sofortige Reaktion. Manchmal ist Schweigen oder „Darüber reden wir später“ die beste Antwort.

Gesprächsbereitschaft signalisieren

Nicht alle Gespräche müssen tiefgründig sein. Ein gemeinsames Abendessen, eine kurze Autofahrt, ein Film zusammen — Beiläufigkeit schafft oft mehr Nähe als geplante Gespräche. Macht das Angebot, ohne es zu erzwingen.

Professionelle Begleitung holen

Supervision für Pflegeeltern, Familientherapie, Erziehungsberatung oder eine Traumatherapie für das Kind — das sind keine Zeichen von Schwäche. Sie sind kluge Investitionen in die Stabilität des gesamten Pflegeverhältnisses.

Selbstfürsorge nicht vernachlässigen

Wer dauerhaft unter extremem Stress steht, ohne auf sich zu achten, wird langfristig nicht für das Kind da sein können. Pflegeeltern brauchen Erholung, Auszeiten und Unterstützung — das ist keine Schwäche, sondern Voraussetzung.

Was ihr vermeiden solltet

In Konkurrenz zur Herkunftsfamilie treten — das verliert ihr immer
Drohungen mit Rückgabe oder Beendigung des Pflegeverhältnisses
Schweigen der Pflegekinder als Gleichgültigkeit interpretieren
Jede Krise zu einer großen Auseinandersetzung aufbauschen
Hilfe aus Scham oder Stolz nicht holen
Eigene Erschöpfung ignorieren und „weiterfunktionieren“

Ausführlicher Ratgeber

Selbstfürsorge für Pflegeeltern

Wie ihr eure eigene Kraft erhaltet und Burnout vorbeugt — ohne euch schlecht dabei zu fühlen.

Übergang ins Erwachsenenleben vorbereiten

Während die Pubertät noch läuft, nähert sich für viele Pflegekinder auch der Übergang aus dem Pflegeverhältnis. Dieser Übergang — in der Fachsprache „Leaving Care“ genannt — ist für junge Menschen aus Pflegefamilien besonders herausfordernd, weil sie oft weniger auf selbstverständliche Unterstützungsnetze zurückgreifen können als leibliche Kinder.

Rechtliche Grundlagen: § 41 SGB VIII

Mit der Volljährigkeit endet die Pflegschaft nicht automatisch. Nach § 41 SGB VIII können junge Erwachsene auf eigenen Wunsch weiterhin Hilfe zur Erziehung (Jugendhilfe) erhalten — in der Regel bis zum 21. Geburtstag, in begründeten Ausnahmefällen bis zu 27 Jahren.

Voraussetzung: Der junge Mensch muss die Hilfe selbst beantragen. Mit Volljährigkeit entscheiden sie selbst — Pflegeeltern können nicht mehr für sie entscheiden.

Mögliche Formen: Verbleib in der Pflegefamilie, begleitetes Wohnen, Wohngruppe, ambulante Betreuung — je nach individuellem Bedarf und Wunsch des jungen Menschen.

Frühzeitig planen: Mit der Planung sollte idealerweise im Alter von 16 oder 17 Jahren begonnen werden — gemeinsam mit dem Jugendamt, dem Vormund und dem jungen Menschen selbst.

Was junge Menschen brauchen

  • Praktische Kompetenzen (Haushalt, Finanzen, Behörden)
  • Soziales Netz außerhalb der Pflegefamilie
  • Berufliche Orientierung und Ausbildungsbegleitung
  • Das Wissen, dass die Pflegeeltern erreichbar bleiben
  • Zugang zur eigenen Biografie und Akte

Die Rolle der Pflegeeltern

  • Verselbstständigung aktiv fördern und trainieren
  • Die Tür offen lassen — ohne Druck
  • Rückkehr nach Krisen ermöglichen ohne Bewertung
  • Als Anker im Hintergrund fungieren
  • Stolz auf Entwicklung zeigen, auch bei Rückschlägen

Tipp

Viele junge Menschen kehren nach dem Auszug aus der Pflegefamilie im Laufe ihrer Zwanziger mit mehr Verständnis und Dankbarkeit zurück — auch wenn die Pubertät extrem schwierig war. Die Investition in die Beziehung zahlt sich langfristig aus, auch wenn das im Sturm nicht sichtbar ist.

Ausführlicher Ratgeber

Pflegekind wird volljährig

Leaving Care, § 41 SGB VIII, Nachbetreuung — was Pflegeeltern wissen müssen.

Häufige Fragen zur Pubertät im Pflegeverhältnis

Ist die Pubertät bei Pflegekindern schwieriger als bei leiblichen Kindern?

Ja, in vielen Fällen ist die Pubertät bei Pflegekindern intensiver und komplexer. Zusätzlich zu den normalen Entwicklungsaufgaben müssen Pflegekinder in der Adoleszenz grundlegende Fragen klären: Wer bin ich? Woher komme ich? Warum wurde ich weggegeben? Diese Fragen können die ohnehin emotionale Pubertät erheblich verstärken. Hinzu kommen häufig unverarbeitete Traumata aus frühen Lebensjahren, die in der Pubertät aufbrechen. Das bedeutet nicht, dass es keine guten Phasen gibt — aber die emotionalen Hochs und Tiefs können ausgeprägter sein.

Mein Pflegekind will zu den leiblichen Eltern — was tun?

Der Wunsch, zur leiblichen Familie zurückzukehren, ist in der Pubertät häufig und normal. Pflegeeltern sollten diesen Wunsch ernst nehmen, ohne ihn zu dramatisieren. Wichtig ist: Nicht in Panik verfallen und nicht mit dem Kind in Konkurrenz zur Herkunftsfamilie treten. Stattdessen offen fragen, was das Kind sich wünscht, und das Gespräch suchen. Gleichzeitig sollte das Jugendamt informiert werden, damit alle Beteiligten gemeinsam abwägen können. In vielen Fällen normalisiert sich die Situation wieder, wenn das Pflegekind merkt, dass es seine Herkunft und seine Pflegefamilie nicht gegeneinander ausspielen muss.

Was ist "doppelte Pubertät"?

Als "doppelte Pubertät" bezeichnet man das Phänomen, dass Pflegekinder in der Adoleszenz häufig Entwicklungsschritte nachholen, die in der frühen Kindheit ausgeblieben sind. Das emotionale Entwicklungsalter liegt oft deutlich unter dem biologischen Alter. Ein 15-jähriges Pflegekind kann gleichzeitig typische Pubertätsthemen wie Ablösung und Identitätsfindung bewältigen und dabei Verhaltensweisen zeigen, die eher einem 8- oder 10-jährigen Kind entsprechen. Diese Gleichzeitigkeit ist für alle Beteiligten anstrengend und verwirrend — sie ist jedoch ein normaler, wenn auch herausfordernder Teil der Entwicklung.

Wie gehe ich damit um, wenn mein Pflegekind mich ablehnt?

Ablehnung, Abwertung und der Satz "Du bist nicht meine echte Mutter" gehören zu den schmerzhaftesten Erfahrungen im Pflegealltag. Wichtig ist: Das Kind meint es in diesem Moment so, wie es es sagt — aber es meint damit selten, dass es die Pflegeeltern wirklich nicht braucht. Es testet die Beziehung auf ihre Belastbarkeit. Die beste Reaktion ist, ruhig zu bleiben, die Aussage nicht zu persönlich zu nehmen und dennoch klar zu machen: "Ich bin für dich da, egal was du sagst." Professionelle Unterstützung durch Supervision oder Beratung ist in solchen Phasen besonders wichtig.

Ab wann kann ein Pflegekind selbst entscheiden, wo es leben will?

Eine feste Altersgrenze gibt es nicht. Das Familiengericht berücksichtigt den Willen des Kindes zunehmend ab etwa 12 Jahren, ab 14 Jahren hat der Wille des Kindes erhebliches Gewicht. Entscheidend ist jedoch immer das Kindeswohl — nicht nur der geäußerte Wunsch. Mit der Volljährigkeit (18 Jahre) entscheidet das junge Erwachsene rechtlich selbst. Nach § 41 SGB VIII kann Unterstützung auf Wunsch des jungen Menschen über die Volljährigkeit hinaus bis maximal 21 Jahre (in Ausnahmefällen 27 Jahre) gewährt werden.

Ihr seid nicht allein

Im Pflegeeltern.Space-Portal findet ihr eine Gemeinschaft erfahrener Pflegeeltern, die genau wissen, wovon ihr sprecht. Tauscht euch aus, holt euch Rat und findet Unterstützung — in der Pubertät und darüber hinaus.

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