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Praxis

Pflegekind und Partnerschaft
Wenn die Beziehung auf dem Prüfstand steht

Ein Pflegekind aufzunehmen ist eine der tiefgreifendsten Entscheidungen, die ein Paar gemeinsam treffen kann. Was viele unterschätzen: Der Pflegealltag legt Bruchlinien in der Partnerschaft frei, die vorher unsichtbar waren. Dieser Ratgeber hilft euch, diese Herausforderungen zu verstehen — und eurer Beziehung dabei zu wachsen statt zu zerbrechen.

11 Min. LesezeitAktualisiert: Februar 2026

Warum Pflegeelternschaft ein echter Beziehungstest ist

Viele Paare kommen gut vorbereitet in die Pflegeelternschaft. Sie haben Seminare besucht, Bücher gelesen und lange miteinander gesprochen. Und trotzdem erwischt sie der Pflegealltag an Stellen, an die sie nicht gedacht haben — meist tief in der Struktur ihrer Beziehung.

Das liegt daran, dass Pflegeelternschaft nicht einfach ein zusätzliches Projekt ist, das man nebenher managt. Sie verändert den gesamten Lebensrhythmus, die Prioritäten, die verfügbare Energie und die Art, wie zwei Menschen miteinander sprechen, Entscheidungen treffen und sich gegenseitig unterstützen. Konflikte, die vorher latent vorhanden waren, treten jetzt offen zutage. Unterschiede in Erziehungsvorstellungen, Belastbarkeit und Bindungsfähigkeit werden sichtbar.

Womit Pflegeelternpaare besonders kämpfen

Ungleiche Last

Häufig übernimmt ein Partner deutlich mehr der emotionalen und praktischen Arbeit mit dem Pflegekind. Die Ungleichheit führt zu Erschöpfung auf einer Seite und Schuldgefühlen auf der anderen — besonders wenn keiner darüber spricht.

Unterschiedliche Erziehungsvorstellungen

Bei einem Pflegekind mit traumatischen Vorerfahrungen prallen Erziehungsphilosophien hart aufeinander: Der eine möchte klare Konsequenzen setzen, der andere plädiert für Verständnis und Nachsicht. Beide haben gute Argumente — und fühlen sich vom anderen sabotiert.

Weniger Zeit als Paar

Das spontane Abendessen, der Kurzurlaub, die ruhige Stunde am Abend — all das gibt es mit einem Pflegekind im Haus deutlich seltener. Was bleibt, ist oft nur noch Koordination und Müdigkeit.

Emotional unterschiedlich involviert

Einer der Partner entwickelt eine tiefe Bindung zum Kind, der andere tut sich schwer damit. Das erzeugt Missverständnisse: Wer sich sehr gebunden fühlt, versteht die Distanz des anderen nicht. Wer sich weniger gebunden fühlt, schämt sich dafür.

Gut zu wissen

Studien aus dem Pflegekinderwesen zeigen, dass Paarkonflikte zu den häufigsten Gründen für den Abbruch von Pflegeverhältnissen zählen. Das bedeutet: Wenn ihr eure Beziehung schützt, schützt ihr gleichzeitig das Kind. Paarpflege ist Kinderschutz.

Die gute Nachricht ist, dass Paare, die die Pflegeelternschaft gemeinsam bewusst durcharbeiten, oft berichten, dass ihre Beziehung danach tiefer und belastbarer geworden ist. Der Prüfstein kann auch ein Wachstumsmoment sein — wenn man ihn als solchen annimmt.

Unterschiedliche Bindung ans Pflegekind — und was das bedeutet

Es ist eine der am häufigsten erlebten, aber am seltensten ausgesprochenen Realitäten in der Pflegeelternschaft: Die beiden Partner entwickeln nicht gleichzeitig und nicht gleichstark eine Bindung an das Pflegekind. Das ist weder ungewöhnlich noch ein Zeichen mangelnder Eignung.

Bindung entsteht durch Zeit, gemeinsame Erfahrungen und emotionale Resonanz. Wenn ein Partner mehr Alltagszeit mit dem Kind verbringt, entwickelt sich die Bindung bei ihm schneller. Wenn ein Kind das Temperament, das Kommunikationsmuster oder die emotionale Sprache eines Partners besser spiegelt, entsteht Nähe leichter. Das ist keine bewusste Entscheidung — es ist Psychologie.

Wenn Bindungsdifferenzen zum Problem werden

Warnsignale für problematische Bindungsdynamiken

Schuld und Vorwürfe

Der Partner mit stärkerer Bindung wirft dem anderen vor, “das Kind nicht wirklich zu mögen” oder sich nicht genug zu engagieren. Der weniger gebundene Partner fühlt sich unter Druck gesetzt und zieht sich weiter zurück — ein Teufelskreis.

Das Kind als Verbündeter

In manchen Konstellationen entwickelt sich unbewusst eine Koalition: Ein Pflegeelternteil und das Kind gegen den anderen. Das Kind spürt dies und nutzt es oft aus — nicht aus Bosheit, sondern weil es gelernt hat, Erwachsene gegeneinander auszuspielen, um sich Sicherheit zu verschaffen.

Eifersucht auf das Kind

Wenn ein Partner das Gefühl hat, dass das Pflegekind mehr Aufmerksamkeit, Zuneigung und Energie bekommt als die Partnerschaft selbst, kann Eifersucht entstehen. Diese wird selten offen ausgesprochen, weil sie beschämend wirkt — aber sie vergiftet die Atmosphäre im Haus.

Gleichgültigkeit als Schutz

Manche Partner entwickeln keine tiefe Bindung, weil sie sich emotional schützen — aus Angst vor Verlust, wenn das Kind zurückgeführt wird, oder weil das Kind sie an eigene schwierige Erfahrungen erinnert. Diese emotionale Distanz ist ein Signal für ungelöste Themen, keine Kälte.

Was helfen kann

Bindungsdifferenz offen ansprechen — ohne Wertung

Sprecht darüber, wie ihr euch jeweils zum Kind fühlt. Nicht als Anklage, sondern als Bestandsaufnahme. Wer mehr Abstand spürt, soll sagen dürfen, warum — ohne sofort verteidigen zu müssen.

Mehr gemeinsame Zeit mit dem Kind gestalten

Wenn der weniger gebundene Partner gezielt mehr Alleinzeit mit dem Kind verbringt — Spielen, Vorlesen, Ausflüge — entwickelt sich Bindung oft von selbst. Bindung braucht nicht Gefühl als Voraussetzung; sie entsteht durch gemeinsame Erfahrungen.

Eigene Trigger erforschen

Wenn die Distanz zum Kind mehr mit der eigenen Biografie zusammenhängt als mit dem Kind selbst, hilft Supervision oder Einzel-Beratung, diese Muster zu verstehen.

Bindungsdruck wegnehmen

Niemand kann Liebe oder tiefe Bindung auf Befehl erzeugen. Wenn der Partner mit schwächerer Bindung trotzdem verlässlich, freundlich und engagiert ist, ist das für das Kind ausreichend — besonders in der Anfangszeit.

Tipp

Traumatisierte Pflegekinder testen Bindungen aktiv — manchmal sehr intensiv. Sie provozieren, um zu sehen, ob ihr auch dann noch bleibt. Das trifft beide Partner unterschiedlich. Wer das Verhalten des Kindes als persönlichen Angriff erlebt, braucht Unterstützung durch Supervision oder Beratung.

Ausführlicher Ratgeber

Bindungsstörung beim Pflegekind

Was eine Bindungsstörung ist, wie sie sich zeigt und wie ihr sicher Bindung aufbaut.

Kommunikationsstrategien für Pflegeelternpaare

Kommunikation ist das wichtigste Schutzinstrument, das ihr als Paar habt. Nicht spektakuläre Gespräche, sondern regelmäßige, ehrliche und strukturierte Kommunikation über das, was euch beschäftigt. Die meisten Paarkonflikte im Pflegealltag entstehen nicht durch unüberwindbare Differenzen, sondern weil zu lange geschwiegen wurde.

Das wöchentliche Paargespräch etablieren

Viele Pflegeelternpaare profitieren von einem festen, wöchentlichen Gesprächsformat — 30 bis 45 Minuten, ohne Kind im Raum, ohne Ablenkung. Keine Alltagskoordination, keine To-do-Listen, sondern ein echtes Gespräch. Das mag zu strukturiert klingen — aber im Pflegealltag passiert tiefe Kommunikation nicht von selbst. Sie braucht Raum und einen festen Termin.

Themen für das wöchentliche Paargespräch

  • Wie geht es mir gerade?

    Jeder berichtet, wie er sich persönlich fühlt — nicht als Bericht über das Kind, sondern als ehrlicher Blick auf den eigenen Zustand. Erschöpft? Frustriert? Erleichtert? Besorgt?

  • Was lief gut in dieser Woche?

    Bewusst positive Momente benennen — mit dem Kind, mit dem Partner, mit sich selbst. Das verhindert, dass Gespräche sich nur noch um Probleme drehen.

  • Was hat mich belastet?

    Raum für Beschwerden und Belastungen — ohne sofort in Lösungsmodus zu gehen. Oft reicht es, etwas aussprechen zu können, ohne dass der andere es direkt lösen muss.

  • Was brauche ich von dir?

    Konkrete Bitten formulieren. Nicht “Du hilfst mir nie”, sondern “Ich brauche diese Woche einen Abend für mich — könntest du das Kind übernehmen?”

  • Wie geht es unserer Beziehung?

    Explizit die Frage stellen, wie es euch als Paar geht — nicht nur als Pflegeeltern. Das signalisiert, dass die Beziehung selbst Priorität hat.

Konkrete Kommunikationsregeln im Alltag

1

Kein Erziehungskonflikt vor dem Kind austragen

Wenn ihr in einer konkreten Situation unterschiedlicher Meinung seid, signalisiert dem anderen nonverbal, dass ihr darüber reden möchtet — aber erst später, wenn das Kind nicht dabei ist. Vor dem Kind einen einheitlichen, ruhigen Kurs halten, auch wenn ihr innerlich anderer Meinung seid.

2

Ich-Botschaften statt Vorwürfe

„Ich fühle mich allein gelassen, wenn du nach der Arbeit sofort dein Handy holst“ ist konstruktiver als „Du interessierst dich nicht für das Kind“. Ich-Botschaften öffnen Gespräche, Vorwürfe schließen sie.

3

Entscheidungen vertagen statt in Erschöpfung treffen

Wichtige Entscheidungen — etwa eine neue Therapie, eine Änderung des Umgangskontaktes oder ein Konflikt mit dem Jugendamt — sollten nicht nach einem langen, anstrengenden Tag spontan entschieden werden. Setzt bewusst einen Termin dafür.

4

Lob und Anerkennung aussprechen

Es klingt klein, aber es ist enorm wirksam: Sagt explizit, wenn ihr seht, dass der andere etwas gut gemacht hat. „Ich habe gesehen, wie du heute Abend Geduld mit ihm hattest — das war toll“. Im Dauerstress des Pflegealltags versiegt Anerkennung als erstes.

5

Gemeinsame Grenzen gegenüber dem System definieren

Das Jugendamt, der Pflegekinderdienst, die Herkunftsfamilie — all diese Akteure können die Partnerschaft belasten. Als Paar gemeinsam entscheiden, wie ihr mit Anfragen, Terminen und Konflikten umgeht, stärkt das Wir-Gefühl.

Gut zu wissen

Kommunikation in Erschöpfung ist kaum möglich. Wenn beide Partner am Anschlag sind, ist das Gespräch zum Scheitern verurteilt. Sorgt zuerst für Entlastung — dann für Kommunikation. Ein Gespräch nach einem erholten Wochenende ist zehnmal produktiver als ein Gespräch in der Pflegekrisen-Nacht.

Ausführlicher Ratgeber

Selbstfürsorge für Pflegeeltern

Burnout erkennen, Supervision nutzen und sich als Pflegeelternteil wirksam schützen.

Wenn ein Partner aufhören möchte

Es ist einer der erschütterndsten Momente in der Pflegeelternschaft: Ein Partner sagt, er oder sie macht nicht mehr mit. Oder er sagt es nicht — aber macht es durch Rückzug, Gleichgültigkeit oder eskalierenden Konflikt deutlich. Diese Situation trifft den anderen Partner mit voller Wucht, denn sie verbindet zwei Krisen gleichzeitig: die Frage um das Kind und die Frage um die Partnerschaft.

Wichtig ist zunächst zu verstehen, dass hinter dem Wunsch aufzuhören fast nie ein spontaner Entschluss steckt. Er ist das Ergebnis einer langen, oft stillen Überforderung, die nicht ausgesprochen wurde — weil jemand Angst hatte, schwach zu wirken, den Partner zu verletzen oder das Kind im Stich zu lassen.

Häufige Gründe hinter dem Wunsch aufzuhören

Chronische Erschöpfung

Wer seit Monaten oder Jahren über seine Kapazitätsgrenzen hinaus arbeitet, ohne ausreichend Erholung und Unterstützung, kommt irgendwann an einen Punkt, an dem Weitermachen nicht mehr möglich ist.

Unerfüllte Erwartungen

Manche Partner hatten die Vorstellung, dass sich Bindung schnell einstellt, das Kind sich gut entwickelt und das Familienleben bereichernder ist. Wenn die Realität des Pflegealltags deutlich anders aussieht, kann Desillusionierung zur Ablehnung werden.

Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse

Wer das Gefühl hat, dass seine Bedürfnisse in der Partnerschaft und im Familienleben dauerhaft zurückgestellt werden — zugunsten des Pflegekindes, zugunsten des anderen Partners — zieht sich irgendwann zurück oder eskaliert.

Ungelöste Paar- oder Familienkonflikte

Manchmal ist das Pflegekind nicht das eigentliche Problem, sondern der Verstärker bestehender Konflikte in der Partnerschaft. Der Stress macht sichtbar, was schon vorher schwelend war.

Wie ihr konstruktiv damit umgeht

Zuhören ohne sofort zu verteidigen oder zu überreden

Wenn ein Partner sagt, er möchte aufhören, ist der erste Impuls des anderen oft Panik oder Wut. Versucht stattdessen, wirklich zu verstehen, was dahintersteckt. Was genau ist zu viel? Seit wann? Was hat sich verändert?

Sofortige Entlastung organisieren

Oft ist der Wunsch aufzuhören ein Notsignal, kein endgültiger Entschluss. Fragt das Jugendamt oder den Pflegekinderdienst umgehend nach Entlastungsangeboten: Verhinderungspflege, mehr Beratung, Krisenunterstützung. Manchmal ist eine echte Auszeit von zwei Wochen genug, um die Perspektive zu verändern.

Paarberatung oder Supervision als Paar beginnen

Dieser Moment ist ein klares Signal, dass ihr als Paar professionelle Unterstützung braucht. Nicht als letzter Ausweg, sondern als aktive Entscheidung für die Partnerschaft und das Kind.

Jugendamt frühzeitig informieren

Wenn sich abzeichnet, dass das Pflegeverhältnis möglicherweise nicht weitergeführt werden kann, sollte das Jugendamt frühzeitig einbezogen werden. Das gibt Zeit, eine Lösung zu planen, die das Kind nicht traumatisch aus der Familie reißt.

Wichtig

Der Wunsch aufzuhören darf ausgesprochen werden — ohne dass der andere Partner ihn sofort als Verrat wertet. Wer diesen Wunsch nicht aussprechen kann, trägt ihn still weiter, bis er explodiert. Redet miteinander, bevor die Situation eskaliert.

Trennung während eines aktiven Pflegeverhältnisses

Wenn Pflegeeltern sich trennen, während ein Pflegekind bei ihnen lebt, ist das eine Situation, die gleichzeitig persönlich, familienrechtlich und jugendhilferechtlich komplex ist. Das Kind steht im Mittelpunkt, auch wenn beide Partner mit ihrem eigenen Schmerz kämpfen.

Was rechtlich passiert

Eine Trennung der Pflegeeltern verändert die rechtliche Grundlage des Pflegeverhältnisses. Das Jugendamt wird automatisch tätig, um die weitere Situation des Kindes zu klären. Folgende Szenarien sind möglich:

  • Ein Pflegeelternteil führt die Pflegestelle allein weiter

    Das ist der häufigste und für das Kind schonendste Weg. Das Jugendamt prüft, ob der verbleibende Elternteil allein geeignet ist und die Pflegestelle aufrechterhalten kann. Die bestehende Pflegeerlaubnis wird angepasst.

  • Beide sind weiterhin in das Leben des Kindes eingebunden

    In manchen Fällen, insbesondere wenn das Kind eine starke Bindung zu beiden Pflegeelternteilen aufgebaut hat, wird versucht, Regelungen zu finden, die beide einbeziehen — ähnlich wie bei der Trennung biologischer Eltern.

  • Das Kind wird in eine neue Pflegefamilie vermittelt

    Wenn weder ein Elternteil die Pflege allein übernehmen kann, noch eine andere stabile Lösung gefunden wird, wird das Kind in eine neue Familie vermittelt. Dieser Weg ist für das Kind oft traumatisch und sollte wenn möglich vermieden werden.

Das Kind durch eine Trennung begleiten

Pflegekinder haben in ihrer Biografie oft bereits mehrfach Verlust, Trennungen und den Zerfall von Familien erlebt. Eine Trennung der Pflegeeltern trifft sie deshalb besonders tief — sie reaktiviert alte Wunden, auch wenn die Pflegeeltern gemeinsam signalisieren, dass sie beide weiterhin für das Kind da sind.

Das Kind ehrlich und altersgerecht informieren

Kinder spüren Veränderungen in der Familienatmosphäre sofort — und füllen Informationslücken mit eigenen Fantasien, die oft schlimmer sind als die Wahrheit. Erklärt dem Kind, was passiert, ohne Details, die es überfordern.

Kontinuität in Alltagsstrukturen betonen

Schule, Therapie, Routinen, Bezugspersonen — alles, was konstant bleiben kann, sollte konstant bleiben. Das gibt dem Kind Sicherheit inmitten von Veränderung.

Therapeutische Begleitung für das Kind organisieren

Wenn das Kind in Therapie ist, sollte die Therapeutin frühzeitig informiert werden. Wenn nicht, ist jetzt ein guter Zeitpunkt, eine Unterstützung zu organisieren.

Keinen Elternteil vor dem Kind schlechtmachen

Auch wenn die Trennung schmerzhaft ist und Konflikte offen sind: Das Kind darf nicht zur Verbündeten gemacht werden und darf keine Loyalitätskonflikte zwischen beiden Pflegeelternteilen erleben.

Wichtig

Wenn ihr euch trennt, ist das Jugendamt zu informieren — nicht, weil ihr dann Konsequenzen fürchten müsst, sondern weil das Jugendamt gemeinsam mit euch planen muss, was das Beste für das Kind ist. Eine frühzeitige, offene Kommunikation schützt das Kind besser als eine späte Notfallreaktion.

Ausführlicher Ratgeber

Wenn das Pflegeverhältnis scheitert

Abbrüche, Rückführungen, Krisenlagen — was passiert, wenn es nicht mehr geht.

Ausführlicher Ratgeber

Alleinerziehend als Pflegeelternteil

Besondere Herausforderungen, Unterstützung und Ressourcen für Alleinerziehende.

Patchwork-Konstellationen in der Pflegefamilie

Immer mehr Pflegefamilien sind Patchwork-Familien: ein Partner bringt eigene Kinder mit, der andere nicht, oder beide haben Kinder aus früheren Beziehungen, dazu kommen Pflegekinder, und der Haushalt ist nur zu bestimmten Wochentagen vollständig besetzt. Diese Konstellationen sind grundsätzlich geeignet für die Aufnahme eines Pflegekindes — aber sie bringen eigene Herausforderungen mit.

Besondere Dynamiken in Patchwork-Pflegefamilien

Wer hat welche Elternrolle?

In einem Patchwork-Haushalt ist die Frage, wer gegenüber dem Pflegekind welche Elternrolle übernimmt, besonders relevant. Übernimmt der biologische Elternteil die Hauptverantwortung? Wie viel Autorität hat der Stiefelternteil? Was erwartet das Pflegekind von wem? Diese Rollen müssen explizit besprochen werden — sonst entstehen Missverständnisse und Konflikte.

Eifersucht zwischen leiblichen Kindern und dem Pflegekind

Stief- und Halbgeschwister bringen bereits ihre eigene Dynamik mit — und ein neues Pflegekind, das Aufmerksamkeit, Zuwendung und Ressourcen bindet, kann diese Dynamik verstärken. Besonders wenn das Pflegekind auffälliges Verhalten zeigt, das mehr Zeit und Energie der Pflegeeltern beansprucht.

Ex-Partner im Hintergrund

Wenn ein Partner eigene Kinder hat, die regelmäßig zwischen zwei Haushalten wechseln, gibt es einen Ex-Partner im Bild. Dieser Ex-Partner ist möglicherweise nicht einverstanden mit dem Pflegekind im Haushalt — oder hat Bedenken bezüglich Sicherheit oder Einfluss. Diese Dynamik muss früh kommuniziert und respektiert werden.

Unterschiedliche Haushaltsregeln

Wenn Kinder in zwei Haushalten zwischen zwei Regelwerken wechseln, erleben sie bereits Inkonsistenz. Ein Pflegekind, das seinerseits auf klare, konstante Strukturen angewiesen ist, reagiert auf diese Inkonsistenz besonders empfindlich.

Loyalitätskonflikte

Leibliche Kinder in einer Patchwork-Familie können Loyalitätskonflikte erleben: Darf ich das Pflegekind mögen? Verrate ich damit Mama oder Papa? Solche inneren Konflikte sind normal — sie brauchen Raum und offene Gespräche.

Empfehlungen für Patchwork-Pflegefamilien

Rollen und Verantwortlichkeiten vor der Aufnahme klären

Klärt explizit, wer gegenüber dem Pflegekind welche Rolle übernimmt, bevor das Kind einzieht. Diese Klarheit hilft allen Beteiligten — auch dem Pflegekind.

Alle Kinder im Haushalt in die Vorbereitung einbeziehen

Leibliche und Stiefkinder brauchen altersgerechte Informationen darüber, was ein Pflegekind ist und warum es ins Haus kommt. Ihre Bedenken und Fragen ernst nehmen.

Haushaltsübergreifende Absprachen mit Ex-Partnern

Wenn gemeinsame Kinder beide Haushalte bevölkern, ist ein kurzes, sachliches Gespräch mit dem Ex-Partner sinnvoll — nicht um Zustimmung zu bitten, sondern um Verständnis zu ermöglichen und mögliche Konflikte vorwegzunehmen.

Regelmäßige Familienkonferenzen einrichten

In Patchwork-Familien ist die Komplexität der Familiendynamik höher. Kurze, regelmäßige Familienkonferenzen — bei denen alle Kinder zu Wort kommen — helfen, Konflikte früh aufzufangen.

Gut zu wissen

Das Jugendamt und der Pflegekinderdienst berücksichtigen Patchwork-Konstellationen bei der Beurteilung der Eignung. Sie prüfen, ob die Konstellation stabil und für das Pflegekind geeignet ist. Eine offene, transparente Kommunikation über die Familienstruktur von Anfang an ist der beste Weg.

Ausführlicher Ratgeber

Pflegekind und eigene Kinder

Geschwisterdynamiken verstehen, Eifersucht begegnen, Integration fördern.

Die Partnerschaft aktiv stärken — konkrete Strategien

Eine starke Partnerschaft entsteht im Pflegealltag nicht von selbst. Sie braucht bewusste Pflege — genau wie die Bindung zum Kind. Die gute Nachricht: Es muss nicht aufwendig sein. Kleine, konsequente Investitionen in die Beziehung haben eine große Wirkung.

Feste Paar-Zeit einplanen

Mindestens einmal pro Woche Zeit zu zweit — ohne Kind, ohne Telefon, ohne Pflegethemen. Das muss kein großes Ereignis sein: ein Abendessen, ein Spaziergang, ein Film. Das Wichtige ist, dass es regelmäßig und bewusst geschieht.

Gegenseitige Wertschätzung aussprechen

Im Dauerstress gehen Lob und Dankbarkeit als erstes verloren. Sagt explizit, was ihr aneinander schätzt — und zwar regelmäßig. Nicht nur in großen Momenten, sondern im Alltag: „Ich bin froh, dass ich das mit dir mache“.

Gemeinsame Entscheidungen treffen

Große Entscheidungen rund um das Pflegekind — Therapiewechsel, Schulwechsel, Umgangskontakte, Anfragen des Jugendamtes — sollten immer gemeinsam getroffen werden. Das stärkt das Wir-Gefühl und verhindert, dass einer sich übergangen fühlt.

Humor pflegen

Gemeinsames Lachen ist ein unterschätzter Bindungskleber. Paare, die trotz allem noch lachen können — über das Kind, über das Jugendamt, über sich selbst — haben eine stärkere Resilienz gegenüber Belastungen.

Gemeinsame Auszeiten organisieren

Ein Wochenende ohne Pflegekind, zumindest ein- bis zweimal im Jahr, ist keine Vernachlässigung — es ist ein Investition in die Partnerschaft und damit in das Fundament, auf dem das Kind lebt.

Gemeinsame Vision pflegen

Erinnert euch regelmäßig daran, warum ihr das macht. Was ist eure gemeinsame Überzeugung? Was habt ihr dem Kind gegeben? Was habt ihr als Paar gelernt? Die gemeinsame Sinngebung ist der tiefste Kitt in schwierigen Phasen.

Tipp

Paare, die regelmäßig Zeit füreinander einplanen, berichten deutlich weniger Paarkonflikte und mehr Zufriedenheit im Pflegealltag. Manchmal ist die wirksamste Intervention für das Kind nicht eine neue Therapie, sondern ein stabileres Fundament im Paar.

Wann Paarberatung sinnvoll ist — und wie ihr sie findet

Paarberatung oder Paartherapie ist kein Zeichen, dass die Beziehung am Ende ist. Sie ist ein Zeichen, dass ihr eure Beziehung ernst nehmt und bereit seid, aktiv in sie zu investieren. Im Kontext der Pflegeelternschaft ist Paarberatung ein professionelles Werkzeug — ähnlich wie Supervision.

Wann professionelle Unterstützung sinnvoll wird

Wenn dieselben Konflikte immer wiederkehren

Wenn ihr euch regelmäßig über dieselben Themen streitet — Erziehungsstil, Arbeitsteilung, Bindung zum Kind, Umgang mit dem Jugendamt — ohne dass sich etwas ändert, drehen sich diese Konflikte im Kreis. Ein neutraler Dritter kann helfen, den Kreis zu unterbrechen.

Wenn die Kommunikation zusammenbricht

Wenn echte Gespräche nicht mehr möglich sind — weil sie sofort eskalieren, weil ein Partner verstummt oder weil ihr euch emotional voneinander entfernt habt — ist Paarberatung wichtig.

Wenn ein Partner aufhören möchte

Wenn einer von euch den Wunsch äußert, das Pflegeverhältnis zu beenden oder sogar die Beziehung, ist das ein klares Signal für professionelle Unterstützung.

Wenn die Partnerschaft zugunsten des Pflegekindes dauerhaft vernachlässigt wird

Wenn die Pflegeelternschaft alles dominiert und die Partnerschaft zur reinen Zweckgemeinschaft wird, verliert sie das, was sie stark macht. Das schadet langfristig auch dem Kind.

Wo ihr Paarberatung findet

Beim Pflegekinderdienst anfragen

Viele Jugendämter und freie Träger bieten spezifische Beratungsangebote für Pflegeelternpaare an oder können qualifizierte externe Berater vermitteln. Die Kosten werden oft übernommen.

Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen (EFL)

EFL-Beratungsstellen bieten günstige oder kostenlose Paarberatung an — unabhängig von Konfession oder Weltanschauung. Zu finden über die jeweiligen Diözesen (Caritas, Diakonie) oder kommunale Stellen.

Niedergelassene Paartherapeuten

Systemische Paartherapie oder Verhaltenstherapie für Paare sind wirksame Ansätze. Achtet auf Therapeuten mit Erfahrung in Kinder- und Jugendhilfe oder Pflegefamilien. Die Kosten werden von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht direkt übernommen, können aber beim Jugendamt beantragt werden.

Paarseminare und Wochenenden

Manche Pflegeelternverbände und Träger bieten spezifische Paarseminare für Pflegeeltern an — ein Wochenende gemeinsam mit anderen Paaren, die ähnliche Erfahrungen machen. Diese Seminare verbinden Paarpflege mit fachlicher Unterstützung.

Euer rechtlicher Anspruch

Nach § 37a SGB VIII haben Pflegeeltern Anspruch auf Beratung und Unterstützung bei der Ausübung der Pflege. Dieser Anspruch umfasst ausdrücklich auch Unterstützung bei Beziehungskonflikten, die das Pflegeverhältnis beeinflussen. Sprecht aktiv beim Pflegekinderdienst an, dass ihr Paarberatung benötigt — unter Verweis auf § 37a SGB VIII.

Gut zu wissen

Paarberatung ist keine Niederlage und kein Zeichen, dass ihr schlechte Pflegeeltern seid. Es ist ein Zeichen dafür, dass ihr eurer Partnerschaft — und damit dem Kind — genug Wert beimesst, um aktiv für sie einzutreten.

Ausführlicher Ratgeber

Zusammenarbeit mit dem Jugendamt

Wie die Kooperation gelingt, wenn es Konflikte gibt — Kommunikation, Rechte und Strategien.

Häufige Fragen zu Pflegekind und Partnerschaft

Was passiert mit dem Pflegekind, wenn sich Pflegeeltern trennen?

Eine Trennung der Pflegeeltern löst automatisch eine Überprüfung durch das Jugendamt aus. Grundsätzlich darf das Pflegekind bei dem Elternteil verbleiben, das die Pflegestelle weiterführt — vorausgesetzt, dieser Elternteil ist weiterhin geeignet und das Gericht oder das Jugendamt stimmt zu. Das Kindeswohl steht an erster Stelle: Wenn das Kind eine starke Bindung zu beiden Pflegeelternteilen aufgebaut hat, wird versucht, diese Bindungen zu erhalten. In manchen Fällen wird das Kind jedoch in eine neue Pflegefamilie vermittelt, wenn weder ein Elternteil die Pflege allein übernehmen kann noch die Situation stabil ist.

Mein Partner möchte das Pflegekind nicht mehr — was soll ich tun?

Das ist eine der häufigsten und schwersten Krisen im Pflegealltag. Zunächst sollte ein offenes, ruhiges Gespräch geführt werden, um die Gründe zu verstehen. Manchmal steckt dahinter eine Erschöpfung, die sich mit gezielter Unterstützung lösen lässt — mehr Entlastung, Supervision, Paarberatung. Wenn der Widerstand grundsätzlicher Natur ist, muss früh das Jugendamt einbezogen werden, damit es Zeit hat, eine Lösung zu planen, die das Kind nicht abrupt aus der Pflegefamilie reißt. Eine Entscheidung sollte niemals impulsiv getroffen werden — das Kind braucht einen begleiteten Übergang.

Ist es normal, dass ich und mein Partner das Pflegekind unterschiedlich stark mögen?

Ja, das ist nicht nur normal, sondern fast unvermeidlich. Bindung entsteht individuell und braucht Zeit. Manche Pflegeelternteile entwickeln schnell eine enge Bindung, andere tun sich schwerer — aus verschiedenen Gründen: unterschiedliche Temperamente, unterschiedliche Vorerfahrungen, unterschiedliche Exposition. Wichtig ist, dass beide Partner respektieren, dass Bindung nicht erzwungen werden kann. Schwieriger wird es, wenn die Bindungsdifferenz zur Quelle von Schuldgefühlen, Vorwürfen oder Gleichgültigkeit wird. In diesem Fall hilft Paarberatung oder Supervision.

Haben wir als Pflegeelternpaar Anspruch auf Paarberatung oder Supervision?

Nach § 37a SGB VIII sind Jugendämter und Träger verpflichtet, Pflegeeltern bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben zu beraten und zu unterstützen. Dazu gehört ausdrücklich auch die Beratung bei Konflikten innerhalb der Pflegefamilie. Ihr habt also einen Anspruch auf Unterstützung — auch als Paar. Viele Pflegekinderdienste bieten Paarberatung an oder können qualifizierte externe Fachkräfte vermitteln. Sprecht aktiv beim Pflegekinderdienst an, dass ihr Unterstützung braucht.

Wir sind ein Patchwork-Haushalt. Welche besonderen Herausforderungen gibt es bei der Aufnahme eines Pflegekindes?

Patchwork-Konstellationen bringen besondere Dynamiken mit: Das Pflegekind trifft auf leibliche Kinder, Stiefkinder, wechselnde Haushaltskonstellationen und möglicherweise Ex-Partner im Hintergrund. Besonders herausfordernd sind unterschiedliche Loyalitäten, die Frage, wer welche Elternrolle übernimmt, und wie Regeln und Konsequenzen haushaltsübergreifend konsistent bleiben. Wichtig ist eine klare Kommunikation über Rollen vor der Aufnahme, eine einheitliche Haltung gegenüber dem Kind und die Einbeziehung aller Kinder im Haushalt in die Vorbereitung.

Ihr seid nicht allein — als Paar und als Pflegeeltern

Pflegeeltern.Space unterstützt euch mit einem KI-Assistenten für schwierige Fragen, einer Community aus Gleichgesinnten und Werkzeugen, die euch Alltagsarbeit abnehmen — damit mehr Energie für euch als Paar bleibt.

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