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Fachthema

FASD bei Pflegekindern
Fetales Alkoholsyndrom erkennen & begleiten

Bis zu 70 % der Kinder mit FASD leben in Pflege- oder Adoptivfamilien. Dieser Ratgeber erklärt, was hinter der Fetalen Alkoholspektrumstörung steckt, wie ihr euer Pflegekind richtig einschätzt und mit welchen konkreten Strategien ihr den Alltag gemeinsam meistert.

12 Min. LesezeitAktualisiert: Februar 2026Basiert auf S3-Leitlinie FASD

Was ist FASD?

FASD steht für Fetal Alcohol Spectrum Disorders — auf Deutsch: Fetale Alkoholspektrumstörungen. Es handelt sich um einen Oberbegriff für alle körperlichen, geistigen und verhaltensbezogenen Schädigungen, die durch Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft entstehen. FASD ist in Deutschland die häufigste nicht-genetische Ursache geistiger Beeinträchtigung und gleichzeitig die am häufigsten übersehene.

Schätzungen zufolge kommen in Deutschland jährlich etwa 10.000 Kinder mit FASD zur Welt — das entspricht etwa 1,3 Geburten pro 100 Geburten. Da die Diagnose oft erst spät oder gar nicht gestellt wird, ist die Dunkelziffer erheblich höher. Für Pflegeeltern ist das Thema besonders relevant: Etwa 70 % aller Kinder mit FASD wachsen nicht bei ihren leiblichen Eltern auf, sondern in Pflege- oder Adoptivfamilien.

Das FASD-Spektrum: Vier Diagnosen, ein Ursache

FASD ist kein einzelnes Krankheitsbild, sondern ein Spektrum. Die Schwere der Beeinträchtigungen variiert stark — von leichten Lernproblemen bis zu schweren geistigen Behinderungen.

FASFetales Alkoholsyndrom

Die schwerste Ausprägung. Umfasst alle drei Merkmalsbereiche: faziale Merkmale, Wachstumsstörungen und ZNS-Schäden. Alkoholkonsum der Mutter ist nachweisbar oder wahrscheinlich.

  • Alle fazialen Merkmale sichtbar
  • Wachstumsretardierung
  • Nachgewiesene ZNS-Schäden
pFASPartielles FAS

Einige, aber nicht alle fazialen Merkmale sind vorhanden. ZNS-Schäden liegen vor. Der Alkoholkonsum der Mutter ist bestätigt oder sehr wahrscheinlich.

  • Teilweise faziale Merkmale
  • ZNS-Schäden dokumentiert
  • Alkohol-Exposition bestätigt
ARNDAlkoholbedingte neurolog. Entwicklungsstörung

Keine oder kaum faziale Merkmale, keine Wachstumsstörung, aber signifikante ZNS-Schäden. Sehr häufig — und daher oft nicht erkannt. Alkohol-Exposition ist bestätigt.

  • Kaum äußerliche Merkmale
  • Kognitive & Verhaltensauffälligkeiten
  • Häufig fehldiagnostiziert
ARBDAlkoholbedingte Geburtsdefekte

Strukturelle körperliche Defekte (Herz, Nieren, Knochen, Gehör) durch pränatalen Alkohol, bei bestätigter Alkohol-Exposition. Seltener als ARND.

  • Organbezogene Fehlbildungen
  • Hör- oder Herzfehler möglich
  • Gesonderte medizinische Begleitung

Gut zu wissen

Die S3-Leitlinie FASD (Stand 2016, aktualisiert 2021) empfiehlt, den Begriff “FASD” als übergeordnete Bezeichnung zu verwenden. Die Diagnose wird auf Basis des 4-Digit Diagnostic Code gestellt, der alle vier Merkmalsbereiche numerisch bewertet.

Wie entsteht FASD?

Alkohol ist ein Teratogen — eine Substanz, die die Entwicklung des Embryos und Fötus schädigt. Er passiert ungehindert die Plazentaschranke und gelangt direkt in den Blutkreislauf des ungeborenen Kindes. Da die fetale Leber noch nicht in der Lage ist, Alkohol effektiv abzubauen, verbleibt er im Körper des Kindes deutlich länger als im Körper der Mutter.

Es gibt keinen sicheren Grenzwert

Wissenschaftlich ist kein Schwellenwert bekannt, unterhalb dessen Alkohol in der Schwangerschaft als sicher gilt. Auch geringe Mengen können — abhängig vom Schwangerschaftszeitpunkt, genetischen Faktoren und dem Gesundheitszustand der Mutter — zu Schäden führen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und alle deutschen Fachgesellschaften empfehlen deshalb: kein Alkohol in der Schwangerschaft.

Besonders kritisch sind Phasen der intensiven Gehirnentwicklung. Das zentrale Nervensystem (ZNS) des Kindes entwickelt sich während der gesamten Schwangerschaft — von der Befruchtung bis zur Geburt. Selbst im ersten Trimenon, bevor viele Frauen von ihrer Schwangerschaft wissen, können irreversible Schäden entstehen.

1. Trimenon

Woche 1–12

Fehlbildungen der Organe, fazialer Strukturen, frühe ZNS-Schäden

2. Trimenon

Woche 13–26

Wachstumsretardierung, Fehlentwicklungen des Gehirns, Verhaltensauffälligkeiten

3. Trimenon

Woche 27–40

Schäden an Hirnverbindungen, Kleinhirn, Hippocampus — Gedächtnis und Lernen

Wichtig

Die Hirnschädigung durch FASD ist irreversibel — sie kann nicht rückgängig gemacht werden. Das ist eine wichtige Erkenntnis für Pflegeeltern: Bestimmte Verhaltensweisen und Schwierigkeiten des Kindes sind keine Erziehungsfrage, sondern die direkte Folge einer neurologischen Schädigung.

Symptome und Anzeichen bei Pflegekindern

FASD zeigt sich sehr unterschiedlich — nicht jedes Kind hat alle Merkmale. Pflegeeltern, die FASD bei ihrem Kind vermuten, sollten wissen: Äußerliche Merkmale fehlen bei vielen Betroffenen vollständig (insbesondere bei ARND). Die Diagnose darf nicht allein vom Aussehen des Kindes abhängig gemacht werden.

Faziale (Gesichts-) Merkmale

Nur bei FAS und pFAS vorhanden — bei ARND oft nicht erkennbar.

Schmales Lippenrot

Die Oberlippe ist sehr dünn — bei FAS klassischerweise kaum sichtbar (Rank 4–5 auf der Lippenskala).

Verstrichenes Philtrum

Die Rinne zwischen Nase und Oberlippe (Philtrum) ist flach oder nicht vorhanden statt deutlich eingetieft.

Kurze Lidspalten

Die Augenöffnungen sind im Verhältnis zur Gesichtsgröße kürzer als der Normbereich — messbar mit Palpebralspaltenlänge.

ZNS-Schäden: Das Kernproblem

Die Schäden am zentralen Nervensystem sind das, was den Alltag mit einem Kind mit FASD am stärksten prägt. Sie betreffen vor allem die Bereiche Impulskontrolle, Gedächtnis, Zeitwahrnehmung und abstraktes Denken.

Eingeschränkte Impulskontrolle: Das Kind handelt, bevor es denkt. Konsequenzen werden benannt, aber trotzdem nicht vorweggenommen. Das ist keine Sturheit — das Gehirn kann die Verbindung zwischen “Wenn ich das tue, passiert das” nicht zuverlässig herstellen.
Schlechtes Kurzzeitgedächtnis: Informationen werden zwar aufgenommen, aber nicht dauerhaft gespeichert. Das Kind “vergisst” Regeln nicht absichtlich — es hat sie buchstäblich nicht abrufbar. Wiederholung und visuelle Erinnerungen helfen.
Fehlendes Zeitgefühl: Morgen, nächste Woche, in einer Stunde — diese Konzepte sind für viele Kinder mit FASD schwer greifbar. Sie leben stark im Hier und Jetzt, was zu Schwierigkeiten bei Planung und Vorbereitung führt.
Kein Ursache-Wirkung-Denken: Das Kind versteht abstrakt, dass Handlungen Folgen haben — aber es kann diese Information nicht in konkretes Verhalten übersetzen. Deshalb helfen Strafe und Belohnung allein kaum.
Erhöhte Reizoffenheit: Kinder mit FASD sind oft reizüberempfindlich. Lärm, visuelle Unruhe, gleichzeitige Anforderungen überfordern das Gehirn schnell. Die Folge: Rückzug, Ausbrüche oder Erstarrung.
Kein Transfer von Gelerntem: Etwas in einer Situation gelernt zu haben bedeutet nicht, dass das Wissen in einer anderen Situation abrufbar ist. Regeln müssen in jedem neuen Kontext neu eingeübt werden.
Leichtgläubigkeit und soziale Naivität: Kinder und Jugendliche mit FASD sind oft gut zu manipulieren. Sie erkennen soziale Fallen nicht, sind gutgläubig und können von Gleichaltrigen leicht ausgenutzt werden. Das erhöht das Risiko für Straffälligkeit und Sucht im Erwachsenenalter erheblich.

Tipp

Ein häufiger Fehler: Weil das Kind in manchen Momenten altersgemäß wirkt, wird angenommen, es “könnte ja, wenn es nur wollte”. FASD-Symptome sind nicht konstant — das Kind kann in einer ruhigen, strukturierten Situation deutlich besser funktionieren als in einer chaotischen. Das Gehirn arbeitet ungleichmäßig, nicht unehrlich.

Ausführlicher Ratgeber

Verhaltensauffälligkeiten bei Pflegekindern

Wenn Pflegekinder auffällig werden: Ursachen, Einschätzung und konkrete Handlungsstrategien.

Diagnose: Wer stellt sie — und wie?

Eine FASD-Diagnose ist komplex. Sie erfordert ein multidisziplinäres Team aus Kinderärztinnen, Kinderneurologinnen, Psychologinnen und Logopädinnen. Eine Einzelperson — auch ein Kinderarzt — kann FASD in der Regel nicht allein diagnostizieren.

01

Überweisung beantragen

Der erste Schritt ist die Überweisung durch den Kinderarzt oder Kinderpsychiater. Ziel ist ein spezialisiertes FASD-Zentrum oder ein sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ). Wartezeiten von 6–18 Monaten sind in Deutschland üblich.

02

Anamnese & Alkohol-Exposition

Das Diagnoseteam versucht, Informationen über den Alkoholkonsum der leiblichen Mutter während der Schwangerschaft zu erhalten — über Jugendamtsakten, Gerichtsprotokolle oder Gespräche mit bekannten Bezugspersonen. Ist dies nicht möglich, kann eine FASD-Diagnose trotzdem gestellt werden.

03

Messung fazialer Merkmale

Speziell ausgebildete Fachkräfte messen Lidspaltenbreite, Philtrumlänge und Oberlippe nach standardisierten Skalen (Lippenskala nach Astley, Philtrumskala). Nur so ist eine valide Einstufung möglich.

04

Neuropsychologische Testung

Umfangreiche Tests zur Kognition, Sprache, Gedächtnis, Exekutivfunktionen, Aufmerksamkeit und Verhalten. Die Testbatterie dauert oft mehrere Stunden und wird häufig auf mehrere Termine aufgeteilt.

05

4-Digit Diagnostic Code

Das international anerkannte System bewertet vier Merkmale jeweils auf einer Skala von 1–4: (1) Alkohol-Exposition, (2) Wachstum, (3) Faziale Merkmale, (4) ZNS-Schäden. Die Kombination ergibt die Diagnose.

Häufige Fehldiagnosen

Weil FASD — insbesondere ARND — äußerlich nicht sichtbar ist und die Symptome anderen Störungen ähneln, erhalten viele Kinder jahrelang falsche oder unvollständige Diagnosen. Die häufigsten:

Fehldiagnose: ADHS

Impulsivität und Konzentrationsprobleme überschneiden sich stark. FASD und ADHS können aber gleichzeitig vorliegen — ADHS-Medikation wirkt bei FASD oft anders oder gar nicht.

Fehldiagnose: Bindungsstörung / RAD

Beziehungsprobleme und soziale Naivität bei FASD werden häufig als Bindungsstörung fehlgedeutet — obwohl die neurologische Ursache eine andere ist.

Fehldiagnose: Autismus-Spektrum-Störung

Soziale Naivität, Routinebedürfnis und Reizoffenheit ähneln autistischen Zügen. Beide Diagnosen können nebeneinander bestehen.

Fehldiagnose: Verhaltensstörung

Wiederholtes Regelbrechen trotz Konsequenzen wird als Trotz oder Willensstärke interpretiert — statt als neurologische Einschränkung.

Wichtig

Pflegeeltern haben das Recht und die Pflicht, auf eine korrekte Diagnose hinzuwirken. Jugendamtsakten können Hinweise auf Alkoholkonsum in der Schwangerschaft enthalten — fordert diese Informationen aktiv an. Eine späte Diagnose ist besser als keine.

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FASD im Alltag: Was wirklich hilft

Der entscheidende Paradigmenwechsel: Ein Kind mit FASD verhält sich nicht schlecht, weil es nicht will — sondern weil sein Gehirn es so steuert. Das verändert alles: die Art, wie ihr reagiert, wie ihr erklärt, wie ihr Regeln aufstellt und wie ihr Konflikte bewertet.

Das Konzept des “External Brain”

Kinder mit FASD brauchen ein äußeres Gehirn — eine Person oder ein System, das die Aufgaben übernimmt, die ihr eigenes Gehirn nicht verlässlich leisten kann: Erinnern, Planen, Strukturieren, Warnen. Pflegeeltern werden zu diesem äußeren Gehirn. Das ist kein Versagen des Kindes — es ist eine neurologische Notwendigkeit.

Struktur und Routine

  • Feste Tagesabläufe mit immer gleichem Zeitplan
  • Übergänge ankündigen: 'In 10 Minuten ist Mittagessen'
  • Veränderungen immer frühzeitig mitteilen
  • Wochenplan visuell an der Wand

Visuelle Hilfen

  • Bildkarten für Aufgabenreihenfolgen (Morgenroutine)
  • To-do-Listen mit Checkboxen statt verbaler Anweisungen
  • Ampelsystem für Stimmungen und Zustände
  • Fotos statt Text für jüngere Kinder

Kommunikation anpassen

  • Einfache, kurze Sätze — eine Anweisung auf einmal
  • Augenkontakt herstellen, bevor ihr sprecht
  • Kein Sarkasmus, keine Ironie — wörtlich nehmen
  • Nachfragen lassen: 'Was hast du verstanden?'

Reizreduktion

  • Ruhige, reizarme Umgebung zuhause schaffen
  • Vor wichtigen Aufgaben: Ruhe und Pausen einplanen
  • Bildschirmzeit bewusst regulieren
  • Laute, chaotische Situationen vorbereiten oder meiden

Konsequenzen und Erziehung bei FASD

Klassische Erziehungsmethoden — Belohnungssysteme, Konsequenzen, logisches Argumentieren — wirken bei Kindern mit FASD oft nicht so, wie erhofft. Das liegt nicht an fehlendem guten Willen des Kindes.

Reduzierte Erwartungen

Nicht: Was kann ein Kind in diesem Alter? Sondern: Was kann dieses Kind jetzt leisten? Die Entwicklung kann 3–5 Jahre hinter dem Alter liegen.

Sofortige Konsequenzen

Je länger der Abstand zwischen Verhalten und Reaktion, desto weniger wirksam. Unmittelbares Feedback ist wirksamer als spätere Gespräche.

Lob und Bestätigung

Positives Verhalten sofort und konkret benennen: 'Du hast gerade deinen Rucksack selbst eingepackt — super!' Nicht: 'Du warst heute toll.'

Grenzen wiederholt setzen

Regeln nicht einmal erklären und dann erwarten, dass sie sitzen. Bei FASD müssen Grenzen immer wieder und in jeder Situation neu eingeübt werden — ohne Frustration.

Tipp

Viele Pflegeeltern berichten, dass der Wechsel von “Warum tut das Kind das?” zu “Was braucht das Kind, um es besser zu können?” der entscheidende Moment war. FASD ist keine Erziehungsfrage — aber die richtige Begleitung macht einen riesigen Unterschied.

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Traumatisierte Pflegekinder begleiten

Trauma, Bindung und FASD gehen oft Hand in Hand. Was Pflegeeltern wissen müssen.

FASD in Schule und Ausbildung

Schule ist für viele Kinder mit FASD ein täglicher Kampf — nicht wegen mangelnder Intelligenz, sondern wegen der spezifischen Anforderungen: Stilles Sitzen, Konzentration über lange Zeiträume, abstrakte Aufgaben, soziale Komplexität und wechselnde Lehrpersonen überfordern ein Gehirn mit FASD schnell.

Nachteilsausgleich: Euer Recht

Kinder mit diagnostiziertem FASD haben je nach Bundesland Anspruch auf Nachteilsausgleiche in der Schule. Diese müssen aktiv beantragt werden — sie kommen nicht automatisch. Typische Nachteilsausgleiche:

  • Verlängerte Prüfungszeiten (Zeitzuschlag 25–50 %)
  • Aufgaben in kleinere Schritte aufgeteilt schriftlich vorlegen
  • Ruhiger Arbeitsplatz oder separater Prüfungsraum
  • Mündliche statt schriftliche Prüfungen ermöglichen
  • Bewertung von Inhalt statt Rechtschreibung bei Diagnose LRS
  • Schulbegleitung (Integrationshelfer / Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII)
  • Hausaufgabenbefreiung oder -reduktion
  • Individuelle Förderpläne

Inklusion oder Förderschule?

Die Frage ist schwieriger, als sie klingt. Inklusion bietet Teilhabe und soziale Einbindung — aber oft zu wenig individuelle Förderung und Reizschutz. Förderschulen können kleiner und ruhiger sein — aber soziale Isolation riskieren. Maßgeblich sollte sein, in welchem Setting das konkrete Kind aufblüht — nicht eine ideologische Position.

Für Inklusion spricht:

  • Soziale Einbindung mit gleichaltrigen Peers
  • Regulärer Schulabschluss möglich
  • Weniger Stigmatisierung
  • Nähe zum normalen Leben und Alltag

Für Förderschule spricht:

  • Kleinere Klassen, mehr Ruhe und Struktur
  • Mehr Zeit für individuelle Förderung
  • Weniger Überforderungssituationen
  • Geschultes Personal für besondere Bedarfe

Schwerbehindertenausweis und GdB

Bei schwerem FASD kann ein Grad der Behinderung (GdB) festgestellt werden, der zum Schwerbehindertenausweis berechtigt. Das bringt konkrete Vorteile: Nachteilsausgleiche in der Schule, steuerliche Entlastungen für Pflegeeltern, Schutzrechte im Arbeitsleben bei volljährigen Betroffenen und mögliche Einstufung in Eingliederungshilfe-Leistungen.

Die Beantragung erfolgt beim Versorgungsamt. Als Pflegeeltern könnt ihr diesen Antrag im Einvernehmen mit dem Vormund oder dem Jugendamt stellen.

Gut zu wissen

Realistische Ziele sind keine Aufgabe — sie sind Fürsorge. Ein Kind mit FASD, das einen Förderschulabschluss macht und danach in einer beschützenden Werkstatt glücklich und selbstständig lebt, hat eine gute Zukunft.

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Pflegekind und Schule: Nachteilsausgleich, Schulbegleitung & Unterstützung

Alles rund um Schule, Förderung und Rechte für Pflegekinder.

Unterstützung und Hilfen für Familien mit FASD

Ihr müsst das nicht allein stemmen. Es gibt rechtliche Ansprüche, Fachstellen und Selbsthilfegruppen, die euch konkret entlasten.

Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII

Wenn FASD zu einer seelischen oder geistigen Behinderung führt und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben eingeschränkt ist, besteht Anspruch auf Eingliederungshilfe. Das umfasst Schulbegleitung, Therapien, Freizeit- und Förderangebote sowie Wohnunterstützung. Antrag beim Jugendamt.

Erhöhtes Pflegegeld

Pflegekinder mit besonderen Bedarfen — dazu zählt schweres FASD — haben Anspruch auf erhöhtes Pflegegeld nach § 39 SGB VIII. Die Höhe richtet sich nach dem individuellen Hilfebedarf. Stellt einen Antrag beim zuständigen Jugendamt und legt die Diagnose und einen Bericht über den Hilfebedarf vor.

Pflegegrad nach SGB XI

Bei erheblichem körperlichem oder pflegerischem Hilfebedarf kann ein Pflegegrad beantragt werden. Der Medizinische Dienst (MD) begutachtet den Bedarf in sechs Lebensbereichen. FASD allein führt selten zum Pflegegrad — die individuelle Beeinträchtigung entscheidet.

FASD-Fachzentren und Ambulanzen

Spezialisierte Zentren bieten nicht nur Diagnostik, sondern auch Beratung für Familien. Bekannte Anlaufstellen: Charité Berlin (Kompetenzzentrum FASD), LMU München, UKE Hamburg. Eine aktuelle Liste findet sich auf fasd-deutschland.de.

Selbsthilfegruppen und Netzwerke

FASD-Deutschland e.V. vernetzt Betroffene und Angehörige bundesweit. Viele Bundesländer haben regionale Gruppen. Der Austausch mit anderen Pflegeeltern, die FASD kennen, ist oft wertvoller als Fachliteratur — weil er konkret, ehrlich und unverziert ist.

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Pflegekind mit Behinderung: Ansprüche, Förderung und Alltag

Rechtliche Ansprüche, Eingliederungshilfe und alltägliche Unterstützung bei Behinderung.

Selbstfürsorge: Ihr könnt nur geben, was ihr habt

Pflegeeltern eines Kindes mit FASD sind überdurchschnittlich stark belastet. Studien zeigen, dass die Pflegepersonen selbst ein erhöhtes Risiko für Erschöpfung, Burnout und seelische Überlastung tragen. Das ist kein Versagen — es ist die logische Konsequenz einer rund-um-die-Uhr-Aufgabe ohne Enddatum.

Grundprinzipien der Selbstfürsorge bei FASD

Akzeptanz der Diagnose — und ihrer Grenzen

FASD ist nicht heilbar. Das Gehirn des Kindes wird sich verändern und weiterentwickeln — aber bestimmte Grenzen bleiben. Das zu akzeptieren ist kein Aufgeben: Es ist die Basis, um realistische Ziele zu setzen und nicht täglich gegen Unmögliches zu kämpfen.

Regelmäßige Auszeiten einplanen

Kurzzeitpflege, Wochenendentlastung durch den Pflegedienst oder verlässliche Vertrauenspersonen sind keine Schwäche — sie sind die Voraussetzung dafür, dass ihr langfristig für das Kind da sein könnt. Beantragt Entlastungsleistungen beim Jugendamt.

Netzwerk aufbauen

Andere Pflegeeltern, die FASD kennen, sind unersetzlich. Sie verstehen, ohne dass ihr erklären müsst. FASD-Selbsthilfegruppen, regionale Pflegeelterntreffen und Online-Communities bieten diesen Raum.

Professionelle Unterstützung suchen

Supervision für Pflegeeltern ist keine Schwäche — sie ist ein Angebot, das viele Jugendämter inzwischen aktiv unterstützen. Auch Paarberatung und eigene Therapie können helfen, die Belastung zu verarbeiten.

Tipp

Für Pflegeeltern gilt: Ihr seid nicht gescheitert, wenn euer Kind mit FASD manchmal aus der Rolle fällt. Ihr seid erfolgreich, wenn ihr weiter da seid — für das Kind und für euch selbst.

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Selbstfürsorge für Pflegeeltern: Strategien gegen Erschöpfung

Wie Pflegeeltern langfristig belastbar bleiben — praktische Ansätze und Entlastungsangebote.

Häufige Fragen zu FASD

Kann FASD geheilt werden?

Nein, FASD ist nicht heilbar. Die Hirnschädigung durch pränatalen Alkoholkonsum ist irreversibel. Allerdings kann eine frühzeitige Diagnose und gezielte Förderung die Lebensqualität erheblich verbessern. Mit passenden Strukturen, therapeutischer Unterstützung und einem stabilen Umfeld können viele Betroffene ein weitgehend selbstständiges Leben führen. Sekundärschäden wie psychische Erkrankungen, Suchtprobleme und Straffälligkeit lassen sich durch frühzeitige Intervention deutlich reduzieren.

Woran erkenne ich FASD bei meinem Pflegekind?

Typische Hinweise auf FASD sind: Schwierigkeiten mit Impulskontrolle und Konzentration, schlechtes Zeitgefühl, Probleme mit dem Verständnis von Ursache und Wirkung, eingeschränkte Merkfähigkeit, Schwierigkeiten beim Erlernen abstrakter Regeln und immer wiederkehrende Verhaltensweisen trotz Konsequenzen. Dazu können faziale Merkmale wie ein schmales Lippenrot, ein verstrichenes Philtrum (die Rinne zwischen Nase und Oberlippe) und kurze Lidspalten kommen — diese treten aber nicht bei allen Betroffenen auf. Eine sichere Diagnose kann nur durch FASD-Fachzentren oder sozialpädiatrische Zentren (SPZ) gestellt werden.

Wo kann ich mein Pflegekind auf FASD testen lassen?

Die Diagnose FASD wird von spezialisierten FASD-Zentren und sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) gestellt. Überweisungen erfolgen in der Regel über den Kinderarzt oder Kinderpsychiater. In Deutschland gibt es FASD-Ambulanzen unter anderem in Berlin (Charité), München (LMU), Hamburg und anderen Großstädten. Eine Übersicht findet sich auf der Website der FASD-Deutschland e.V. Wartezeiten von mehreren Monaten sind üblich. Die Kosten werden in der Regel von der Krankenkasse übernommen.

Hat mein Pflegekind mit FASD Anspruch auf einen Pflegegrad?

Ein Pflegegrad nach SGB XI ist bei FASD möglich, aber nicht automatisch gegeben. Er hängt vom individuellen Unterstützungsbedarf ab und wird vom Medizinischen Dienst (MD) begutachtet. Häufiger relevant ist der Grad der Behinderung (GdB) nach dem Schwerbehindertenrecht, der zu einem Schwerbehindertenausweis führen kann. Dieser ermöglicht u.a. Nachteilsausgleiche in der Schule, Steuervergünstigungen und besondere Schutzrechte. Darüber hinaus kann Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII beantragt werden, wenn eine seelische oder geistige Behinderung vorliegt und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben eingeschränkt ist.

Ist FASD erblich?

Nein, FASD ist nicht erblich. FASD entsteht ausschließlich durch Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft — es ist eine teratogene Schädigung, also eine durch Umwelteinflüsse verursachte Entwicklungsstörung. Es gibt keine genetische Veranlagung, FASD zu 'bekommen'. Das Kind selbst kann FASD nicht an eigene Kinder weitergeben, solange es selbst in der Schwangerschaft keinen Alkohol trinkt.

Wie erkläre ich FASD dem Kind?

Kinder mit FASD haben ein Recht darauf, ihre Diagnose zu kennen und zu verstehen — altersgerecht und ohne Schuldzuweisungen. Bewährt hat sich die Erklärung: 'Dein Gehirn ist anders verdrahtet als das der meisten anderen Menschen. Das liegt daran, dass Alkohol, den deine Bauchmama getrunken hat, als du noch in ihrem Bauch warst, dein Gehirn beeinflusst hat. Das ist nicht deine Schuld und nicht die Schuld deiner Bauchmama, die das vielleicht gar nicht wusste. Aber es bedeutet, dass wir gemeinsam herausfinden, was dir hilft.' Es gibt Kinderbücher und Materialien speziell für Kinder mit FASD, etwa vom FASD-Deutschland e.V.

Bereit für ein Kind mit FASD?

Unser FASD-Eignungstest gibt euch in wenigen Minuten eine persönliche Einschätzung: Was bringt ihr schon mit — und was solltet ihr noch wissen? Kostenlos, anonym und ohne Anmeldung.

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