Pflegekind aufnehmen:
Der komplette Ablauf von der Bewerbung bis zur Aufnahme
Der Weg zu einem Pflegekind dauert typischerweise 6 bis 12 Monate — vom ersten Kontakt mit dem Jugendamt bis zur tatsächlichen Aufnahme. Dieser Ratgeber erklärt jeden Schritt faktenbasiert, nennt die relevanten Rechtsgrundlagen aus dem SGB VIII und zeigt, was wirklich auf dich zukommt.
Überblick: Der Weg zum Pflegekind
Pflegeeltern werden ist kein spontaner Entschluss, der sich in wenigen Wochen umsetzen lässt. Das Verfahren ist bewusst gründlich gestaltet — weil es um die Sicherheit und das Wohlergehen von Kindern geht, die häufig traumatische Erfahrungen gemacht haben und besondere Stabilität brauchen.
Der rechtliche Rahmen für die Vollzeitpflege ist in § 33 SGB VIII geregelt. Danach soll ein Kind außerhalb des Elternhauses bei einer anderen Familie oder Einzelperson leben, wenn es dort Förderung seiner Entwicklung und die ihm entsprechende Erziehung erhalten kann. Zuständig ist grundsätzlich das Jugendamt des Wohnortes des Kindes — nicht das Jugendamt der Pflegefamilie.
Von der ersten Kontaktaufnahme bis zur tatsächlichen Aufnahme eines Kindes vergehen in der Praxis häufig 6 bis 12 Monate, in manchen Regionen auch länger. Diese Zeit ist gut genutzt: Du lernst, was Pflege bedeutet, was auf dich zukommt und ob es wirklich der richtige Weg für dich und deine Familie ist.
Die 6 Schritte auf einen Blick
Ausführlicher Ratgeber
Pflegeeltern werden: Alles was du wissen musst
Grundlagen, Motivation, persönliche Eignung und erste Schritte — der umfassende Einstiegsartikel.
Schritt 1: Erstkontakt mit dem Jugendamt
Der erste Schritt ist die Kontaktaufnahme mit dem Pflegekinderdienst deines zuständigen Jugendamts. Zuständig ist in der Regel das Jugendamt an deinem Wohnort. Viele Jugendämter bieten zudem Informationsabende an, bei denen du dir ohne Verbindlichkeit ein Bild vom Thema Pflegefamilie machen kannst.
Neben den kommunalen Jugendämtern gibt es auch freie Träger der Jugendhilfe — zum Beispiel der Caritas, Diakonie, AWO oder spezialisierten Pflegekinder- dienste — die ebenfalls Pflegefamilien begleiten und vorbereiten. Freie Träger arbeiten im Auftrag des Jugendamts, das die letztendliche Entscheidungsverantwortung behält. In manchen Regionen ist es möglich, einen Träger zu wählen, in anderen Regionen arbeitet das Jugendamt ausschließlich direkt.
Was beim Erstgespräch besprochen wird
Gut zu wissen
Schritt 2: Bewerbung und Eignungsprüfung
Nach dem Erstgespräch beginnt das formelle Bewerbungsverfahren. Es geht nicht darum, perfekt zu sein — sondern darum herauszufinden, ob du die Voraussetzungen mitbringst, um einem Kind in schwieriger Lebenssituation Stabilität und Fürsorge zu bieten.
Erforderliche Unterlagen
Der Hausbesuch
Eine Fachkraft des Pflegekinderdienstes besucht euch zu Hause. Dieser Hausbesuch dient nicht der Kontrolle, sondern dem gegenseitigen Kennenlernen in eurem Alltag. Die Fachkraft prüft, ob ausreichend Wohnraum vorhanden ist und ob das Kind ein eigenes Zimmer haben kann. Ein Eigenheim ist nicht nötig — eine Mietwohnung mit geeignetem Grundriss ist ausreichend.
Im Gespräch geht es auch um eure Lebensgeschichte, Werte, Erziehungshaltung, Belastbarkeit und die Motivation für die Pflege. Offenheit ist hier hilfreicher als das Bemühen, perfekt zu wirken — Fachkräfte suchen echte, reflektierte Menschen, keine makellose Fassade.
Wichtig
Ausführlicher Ratgeber
Voraussetzungen für Pflegeeltern
Welche persönlichen, gesundheitlichen und rechtlichen Voraussetzungen du erfüllen musst — im Detail erklärt.
Schritt 3: Vorbereitungsseminar und Schulung
Bevor du ein Pflegekind aufnehmen kannst, ist die Teilnahme an einer Vorbereitung verpflichtend. Diese Schulungen werden vom Pflegekinderdienst des Jugendamts oder von beauftragten freien Trägern angeboten und sind für euch kostenlos.
Der Umfang variiert je nach Region, beträgt aber typischerweise zwischen 20 und 40 Stunden, verteilt auf mehrere Wochenendblöcke oder Abendveranstaltungen. Manche Träger bieten ergänzend Online-Module an.
Typische Seminar-Inhalte
Bindung und Trauma
Wie frühkindliche Traumatisierungen und Bindungsstörungen entstehen, wie sie sich im Verhalten zeigen und was Pflegeeltern konkret tun können.
Herkunftsfamilie
Warum der Kontakt zur Herkunftsfamilie für das Kind wichtig ist, wie Umgangskontakte gestaltet werden und wie ihr damit umgehen könnt.
Rechtliche Grundlagen
Was der Hilfeplan bedeutet, welche Rechte und Pflichten Pflegeeltern haben, wer Sorgerecht und Aufenthaltsbestimmungsrecht innehat.
Zusammenarbeit mit dem Jugendamt
Welche Rolle das Jugendamt hat, was von Pflegeeltern erwartet wird und wie ihr als gleichberechtigte Partner im Hilfesystem auftreten könnt.
Selbstreflexion und Motivation
Was eigene Erfahrungen, Werte und Grenzen mit der Bereitschaft zu tun haben, ein Kind mit schwieriger Geschichte aufzunehmen.
Praktische Alltagsfragen
Schule, Kinderarzt, Therapie, Kindergeld, Pflegegeld, Versicherungen — was du im Alltag wissen und regeln musst.
Tipp
Schritt 4: Eignungsfeststellung und Aufnahme in die Bewerberkartei
Nach dem Eignungsgespräch, dem Hausbesuch und dem Vorbereitungsseminar erstellt die zuständige Fachkraft einen sozialpädagogischen Eignungsbericht. Darin wird auf Basis aller bisherigen Eindrücke eingeschätzt, ob ihr als Pflegefamilie geeignet seid und — wenn ja — für welche Art von Pflege und welche Alters- oder Bedarfsgruppe.
Bei einer positiven Einschätzung werdet ihr in die Bewerberkartei des Pflegekinderdienstes aufgenommen. Das ist kein Automatismus für eine baldige Vermittlung — es bedeutet lediglich, dass ihr berücksichtigt werden könnt, sobald ein passendes Kind vermittelt werden soll.
Wartezeit nach der Eignungsfeststellung
Wie lange ihr nach der Eignungsfeststellung auf ein Kind wartet, lässt sich nicht pauschal sagen. Es hängt ab von der Region (in manchen Großstädten gibt es deutlich mehr Kinder, die Pflegefamilien brauchen, als in ländlichen Gebieten), von eurer angegebenen Bereitschaft (Altersgruppe, Behinderung, Geschwister, Bereitschaftspflege) und von der aktuellen Belegungssituation im Pflegekinderdienst.
Manche Familien erhalten innerhalb weniger Wochen einen Vorschlag, andere warten über ein Jahr. Diese Wartezeit ist kein Qualitätsurteil über eure Eignung.
Gut zu wissen
Schritt 5: Vermittlung — Das passende Kind
Das Jugendamt schlägt euch ein konkretes Kind vor, wenn es der Einschätzung der Fachkräfte nach zu euch passt. Dieses sogenannte Matching berücksichtigt das Alter und die Bedarfe des Kindes, eure Lebenssituation, Erfahrungen, Wohnverhältnisse und die angegebenen Präferenzen. Ihr habt das Recht, einen Vorschlag abzulehnen — ohne dass euch das im Verfahren benachteiligt.
Die Anbahnungsphase
Wenn ihr einem Vorschlag zustimmt, folgt die Anbahnungsphase. In dieser Zeit lernt ihr das Kind schrittweise kennen — zunächst durch Berichte und Gespräche mit den bisherigen Betreuungspersonen, dann durch erste Begegnungen, die von kurzen Besuchen bis hin zu Probenächten reichen können. Die Anbahnung dauert je nach Alter des Kindes und seiner Situation meist mehrere Wochen.
In dieser Phase habt ihr die Möglichkeit, euch ein eigenes Bild zu machen. Gleichzeitig hat das Kind Zeit, euch kennenzulernen und sich auf die Veränderung einzustellen. Besonders bei Säuglingen und Kleinkindern wird die Anbahnung sehr behutsam gestaltet, um Bindungsbrüche zu minimieren.
Was ihr in der Anbahnungsphase erfahrt
Wichtig
Ausführlicher Ratgeber
Pflegekind aufnehmen: Was in der ersten Zeit wirklich hilft
Konkrete Tipps für die Anbahnung und die ersten Wochen nach der Aufnahme — was Kinder brauchen und wie ihr euch vorbereitet.
Schritt 6: Aufnahme und erste Zeit
Mit der offiziellen Aufnahme des Kindes tritt ihr in das Hilfesystem der Jugendhilfe ein. Rechtlich und praktisch bedeutet das konkret:
Der Hilfeplan nach § 36 SGB VIII
Für jedes Pflegekind wird ein Hilfeplan nach § 36 SGB VIII erstellt. Er legt fest, welche Ziele mit der Unterbringung verfolgt werden (Stabilisierung, Entwicklungsförderung, ggf. Rückführungsperspektive), welche Unterstützungsleistungen das Kind und die Pflegefamilie erhalten und in welchen Abständen der Plan überprüft wird. Pflegeeltern haben das Recht, an Hilfeplangesprächen teilzunehmen und ihre Perspektive einzubringen.
Vollzeitpflege-Vereinbarung und Pflegegeld
Mit der Aufnahme schließt ihr mit dem Jugendamt eine Vollzeitpflege-Vereinbarung. Sie regelt die Rechte und Pflichten beider Seiten, die Höhe des Pflegegeldes und die Art der Begleitung. Das Pflegegeld besteht aus einem Sachkostenanteil (für den Lebensunterhalt des Kindes) und einer Erziehungspauschale. Die genaue Höhe variiert je nach Bundesland und Alter des Kindes.
Die Eingewöhnungsphase
Die ersten Wochen und Monate nach der Aufnahme sind für alle Beteiligten intensiv. Das Kind muss nicht nur eine neue Familie kennenlernen, sondern auch mit dem Verlust bisheriger Bezugspersonen umgehen. Typische Reaktionen sind Rückzug, Hyperaktivität, Schlafprobleme oder Verhaltensauffälligkeiten, die sich nach einer stabilen Eingewöhnung oft verbessern.
Haltet in dieser Phase engen Kontakt zur begleitenden Fachkraft. Ihr habt nach § 37 SGB VIII einen Anspruch auf Beratung und Unterstützung — nutzt ihn aktiv.
Tipp
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Eingewöhnung Pflegekind: Was in der ersten Zeit hilft
Wie ihr die Eingewöhnungsphase für das Kind und eure Familie gesund gestaltet — mit konkreten Tipps und Hintergründen.
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Pflegeformen im Überblick
Dauerpflege, Kurzzeitpflege, Bereitschaftspflege, Verwandtenpflege — alle Formen der Vollzeitpflege erklärt.
Zeitrahmen-Übersicht: Wie lange dauert was?
Die folgenden Zeitangaben sind Orientierungswerte. Regional, nach Träger und je nach individueller Situation können sie erheblich abweichen.
| Schritt | Typische Dauer |
|---|---|
| Erstkontakt / Informationsabend | 1–4 Wochen |
| Bewerbung und Unterlagen | 2–6 Wochen |
| Hausbesuche und Gespräche | 4–12 Wochen |
| Vorbereitungsseminar | 4–10 Wochen |
| Eignungsbericht | 2–8 Wochen |
| Wartezeit auf Vermittlung | Wochen bis Jahre |
| Anbahnungsphase | 2–8 Wochen |
| Eingewöhnungsphase | 3–12 Monate |
Gut zu wissen
Häufige Fragen zum Ablauf
?Können gleichgeschlechtliche Paare ein Pflegekind aufnehmen?
?Muss man verheiratet sein, um Pflegeeltern zu werden?
?Wie alt darf man maximal sein, um Pflegeeltern zu werden?
?Kann man sich das Pflegekind selbst aussuchen?
?Muss man ein Eigenheim besitzen, um ein Pflegekind aufzunehmen?
?Was kostet die Bewerbung als Pflegeeltern?
Bereit, den nächsten Schritt zu gehen?
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