Krisenintervention im Pflegealltag
Krisen erkennen — sicher handeln — danach erholen
Akute Aggression, Selbstverletzung, Suizidgedanken, psychotische Zustände, Weglaufen — Krisen im Pflegealltag treffen oft ohne Vorwarnung. Dieser Ratgeber zeigt dir, wie du Krisensignale früh erkennst, wann welcher Dienst zuständig ist und wie du einen persönlichen Krisenplan erstellst, der dich in der schlimmsten Moment handlungsfähig hält.
Sofort-Hilfe — Wichtigste Nummern
Krisensignale früh erkennen
Die meisten Krisen fallen nicht einfach vom Himmel. Sie kündigen sich an — manchmal Tage vorher, manchmal nur Minuten. Pflegeeltern, die die typischen Vorboten kennen, können frühzeitig gegensteuern und viele Eskalationen abwenden. Das setzt voraus, dass du das Kind gut kennst und weißt, was für dieses Kind normal ist.
Führe im Alltag eine Art innere Checkliste: Wie ist die Grundstimmung heute? Gibt es ungewöhnliche Verhaltensänderungen? Hat sich etwas ereignet — Besuchskontakt, Schulstress, Konflikt mit Geschwistern? Diese Beobachtungen sind die Basis jeder Krisenprävention.
Verhaltensänderungen
- Plötzlicher starker Rückzug oder Isolation
- Ungewöhnliche Reizbarkeit oder Gereiztheit
- Schlafen wesentlich mehr oder gar nicht
- Essen verweigern oder exzessiv essen
- Schulverweigerung ohne körperliche Ursache
- Vermehrtes Risikoverhalten (Klettern, Rennen vor Autos)
Äußerungen & Kommunikation
- Aussagen wie „Ich bin eh egal“ oder „Alle hätten es besser ohne mich“
- Abschiedsartiges Verschenken von Gegenständen
- Häufiges Thematisieren von Tod und Sterben
- Direkte oder indirekte Suizidäußerungen
- Übermäßiges Schweigen oder Einsilbigkeit
- Stärkere Bindung an fremde Personen (Internet)
Körperliche Signale
- Unerklärliche Wunden oder Verletzungen
- Langärmlige Kleidung im Sommer (Selbstverletzung verbergen)
- Zittern, Schweißausbrüche, Herzrasen
- Starres, abwesendes Wirken (Dissoziation)
- Körperliche Beschwerden ohne medizinischen Befund
- Extrem unruhige oder extrem verlangsamte Motorik
Situative Risikofaktoren
- Bevorstehender oder kürzlich stattgefundener Besuchskontakt
- Jubiläen traumatischer Ereignisse (Todestag, Jahrestag Inobhutnahme)
- Schulzeugnisse, Prüfungen, soziale Ausgrenzung
- Konflikte mit Herkunftsfamilie über Telefon oder Social Media
- Verlust einer wichtigen Bezugsperson (Fachkraft wechselt)
- Nachrichten oder Medieninhalte mit Triggerpotenzial
Tipp
Typen von Krisen im Pflegealltag
Nicht jede Krise ist gleich. Das richtige Handeln hängt davon ab, welche Art von Krise du gerade erlebst. Diese Übersicht hilft dir, schnell einzuordnen, was los ist — und was jetzt zu tun ist.
Akute Aggression und Eskalation
KrisentypDas Kind schreit, wirft Gegenstände, schlägt um sich oder greift andere an. Die Eskalation geschieht schnell und wirkt unkontrollierbar. Oft ausgelöst durch Trigger, die du im Moment nicht erkennst.
Was tun?
- Sofort eigene Sicherheit und die Sicherheit anderer Kinder sicherstellen
- Räumlichen Abstand schaffen — weder festhalten noch verfolgen
- Ruhig, langsam und leise sprechen: „Ich bin hier. Du bist sicher.“
- Keine Androhungen, kein Schreien, kein Beschämen
- Abwarten, bis die akute Hochphase vorbei ist — dann ansprechen
- Bei Gefährdung anderer: Polizei (110) rufen
Notruf 110 oder 112, wenn Personen verletzt werden oder unmittelbare Gefahr besteht.
Akute Selbstverletzung
KrisentypDas Kind ritzt, schlägt sich, beißt sich oder verletzt sich auf andere Weise. Das kann impulsiv passieren oder geplant sein. Selbstverletzung ist fast immer ein Versuch, überwältigende Gefühle zu regulieren.
Was tun?
- Ruhig bleiben — Panik überträgt sich auf das Kind
- Für Sicherheit sorgen: scharfe Gegenstände entfernen, wenn möglich
- Nicht verurteilen oder bestrafen — das verstärkt die Scham
- Wunden erstversorgen, wenn das Kind es zulässt
- Präsent bleiben: „Ich bin bei dir.“
- Anschließend Pflegekinderdienst und ggf. Therapeuten informieren
Notruf 112, wenn starke Blutungen, Tiefe der Wunden oder Bewusstlosigkeit.
Suizidgedanken und -äußerungen
KrisentypDas Kind äußert, nicht mehr leben zu wollen — direkt oder indirekt. Jede solche Äußerung muss ernst genommen werden, unabhängig davon, wie beiläufig sie klingt. Suizidgedanken sind ein Notruf.
Was tun?
- Direkt ansprechen: „Denkst du daran, dich zu töten?“ (direkt fragen löst keinen Suizid aus)
- Zuhören, ohne zu bewerten oder zu bagatellisieren
- Das Kind nicht allein lassen
- Alle möglichen Mittel sichern: Medikamente, scharfe Gegenstände
- Krisendienst anrufen: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder Kinder- und Jugendnotdienst
- Bei konkretem Plan oder Versuch: sofort 112 rufen
Notruf 112 bei konkretem Suizidversuch oder konkretem Plan mit verfügbaren Mitteln.
Weglaufen (Entweichen)
KrisentypDas Kind verlässt das Haus unkontrolliert oder kehrt nicht von der Schule zurück. Häufig in Verbindung mit Konflikten, Besuchskontakten oder dem Wunsch, zur Herkunftsfamilie zu gelangen.
Was tun?
- Sofort bekannte Aufenthaltsorte absuchen (Herkunftsfamilie, Freunde)
- Polizei (110) verständigen und Vermisstenanzeige erstatten
- Pflegekinderdienst und Jugendamt informieren
- Aktuelles Foto und Kleidungsbeschreibung bereithalten
- Rückkehr ohne Schuldzuweisungen empfangen — das Kind ist erleichtert, wenn es ohne Strafe zurückkehren kann
- Ursachen im Nachgang gemeinsam besprechen und Sicherheitsplan anpassen
Umgehend Polizei rufen — du bist als Pflegeelternteil verpflichtet, das Kindeswohl zu schützen.
Psychotische Episode
KrisentypDas Kind sieht oder hört Dinge, die nicht da sind, zeigt wahnhaftes Denken, ist nicht ansprechbar oder verwirrt. Psychotische Episoden sind medizinische Notfälle und können Ausdruck schwerer Traumatisierung, einer psychiatrischen Erkrankung oder Substanzkonsum sein.
Was tun?
- Ruhige, reizarme Umgebung schaffen
- Keine Widerlegung der Wahrnehmungen — das vertieft den Schrecken
- Beruhigende, klare Sprache: „Ich bin hier. Du bist in Sicherheit.“
- Sofort Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Notruf (112) kontaktieren
- Andere Kinder aus der Situation entfernen
Sofort 112 rufen — psychotische Episoden sind psychiatrische Notfälle.
Eskalation beim Besuchskontakt mit der Herkunftsfamilie
KrisentypWährend oder nach dem Umgang kommt es zu massiven Ausbrüchen, Suiziddrohungen, Weglaufen zur Herkunftsfamilie oder zu heftigen Beschuldigungen gegen die Pflegefamilie. Besuchskontakte sind für viele Pflegekinder der stärkste emotionale Trigger.
Was tun?
- Kontakt ggf. unterbrechen oder vorzeitig beenden
- Das Jugendamt über den Vorfall informieren
- Dem Kind nach dem Kontakt ausreichend Ruhe und Raum geben
- Keine Kritik an der Herkunftsfamilie in der Situation
- Vorfälle dokumentieren — für Gespräche über Anpassung des Umgangsplans
- Bei akuter Gefährdung: Polizei und Krisendienst einschalten
Wenn das Kind sich oder andere während des Besuchs akut gefährdet: Besuch sofort abbrechen und 110/112 rufen.
Ausführlicher Ratgeber
Verhaltensauffälligkeiten bei Pflegekindern: Ursachen & Umgang
Was steckt hinter auffälligem Verhalten? Ursachen verstehen und im Alltag konkret reagieren.
De-Eskalationsstrategien — was wirklich hilft
De-Eskalation ist keine Technik, die man mal schnell lernt. Sie ist eine Haltung — und sie beginnt bei dir. Dein Nervensystem ist das wichtigste Werkzeug in einer Krise. Wenn du ruhig bleibst, hast du eine Chance, das Kind zu co-regulieren. Wenn du eskalierst, eskaliert das Kind fast immer weiter.
Die folgenden Strategien basieren auf traumapädagogischen und bindungstheoretischen Ansätzen, die in der Pflegekinderhilfe etabliert sind. Sie ersetzen keine Kriseninterventionsschulung — aber sie geben dir Orientierung, wenn es darauf ankommt.
Dich selbst zuerst regulieren
Bevor du irgendetwas tust: Atme. Mach drei langsame Atemzüge. Dein Körper überträgt Stress direkt auf das Kind — durch Stimme, Körperhaltung und Augenkontakt. Wenn du merkst, dass du kurz davor bist, die Kontrolle zu verlieren, sage kurz: “Ich hole kurz Luft und komme gleich wieder” — und mach eine 60-Sekunden-Pause. Das ist keine Niederlage, das ist Professionalität.
Körper- und Raumsprache bewusst einsetzen
Gehe auf Augenhöhe des Kindes — stehe nie über ihm. Halte ausreichend Abstand (mindestens eine Armlänge), damit das Kind nicht eingeengt fühlt. Vermeide direkte Blickkonfrontation — seitlicher Blick ist weniger bedrohlich. Verschränke keine Arme. Offene Handflächen signalisieren: Ich bin keine Bedrohung. Spreche leise und langsam — Lautstärke und Tempo senken, nicht steigern.
Deeskalierende Sprache verwenden
Sage nie: “Beruhig dich!”, “Hör sofort auf!” oder “Das ist doch Unsinn!” — das eskaliert zuverlässig. Was hilft: “Ich sehe, dass du gerade sehr wütend bist.” (Gefühl benennen, nicht bewerten.) “Ich bin hier.” (Präsenz zeigen.) “Du bist sicher.” (Sicherheit vermitteln.) “Wir schaffen das zusammen.” (Verbindung anbieten.) Verzichte auf Fragen, Erklärungen und Ermahnungen — im Hochstress ist das Gehirn nicht aufnahmefähig.
Raum und Alternativen anbieten
Viele Kinder brauchen in der Krise Bewegung oder Rückzug. Biete konkrete Optionen an: “Willst du kurz in dein Zimmer gehen?” oder “Sollen wir kurz nach draußen?” Ein Rückzugsraum — im Sinne eines sicheren Ortes — ist keine Strafe, sondern eine Ressource. Manche Kinder beruhigen sich durch körperliche Aktivität (Trampolin, Kissen schlagen), andere durch Erdungsübungen (Füße spüren, kaltes Wasser). Du kennst dein Kind am besten.
Den richtigen Moment für das Gespräch abwarten
Im akuten Stress ist das Kind neurobiologisch nicht in der Lage, Argumente zu verarbeiten oder Einsicht zu zeigen. Das Gespräch über das Geschehene — Ursachen, Konsequenzen, alternative Handlungsmöglichkeiten — findet erst dann statt, wenn das Kind sich wieder reguliert hat. Das kann Minuten dauern, manchmal auch Stunden. Dränge nicht zu früh. Halte Kontakt, aber überfordere das Kind nicht mit Reflexion, bevor es dazu bereit ist.
Was du nicht tun solltest — und warum
Festhalten oder physisch einschränken
Körperliche Einschränkung löst bei traumatisierten Kindern fast immer Panik aus. Sie erinnert an Situationen, in denen sie hilflos waren. Das eskaliert die Situation massiv.
In der Hochphase erklären oder argumentieren
Im Stresszustand ist das limbische System aktiv, nicht der präfrontale Kortex. Das Kind kann Argumente schlicht nicht verarbeiten. Du redest gegen eine Wand — und erhöhst die eigene Frustration.
Strafen androhen oder sofort umsetzen
Strafe in der Krise eskaliert weiter und beschädigt die Beziehung. Das Kind verbindet dich mit Bestrafung statt mit Sicherheit — genau das Gegenteil dessen, was du aufbauen willst.
Andere Kinder als Zeugen dabei lassen
Geschwister oder andere Pflegekinder, die eine Krise miterleben, werden selbst traumatisiert oder retraumatisiert. Bringe sie so schnell wie möglich in einen anderen Raum.
Ausführlicher Ratgeber
Traumatisierte Pflegekinder begleiten
Trauma verstehen, Trigger erkennen und als Pflegeelternteil Sicherheit geben.
Notruf & Krisendienste — wer ist wann zuständig?
In einer Krise ist keine Zeit zum Recherchieren. Diese Übersicht fasst zusammen, welcher Dienst wann die richtige Anlaufstelle ist — speichere die Nummern jetzt, bevor du sie brauchst.
Notruf — Rettungsdienst
112Bei unmittelbarer Lebensgefahr: Suizidversuch, schwere Selbstverletzung, psychotische Episode mit Eigengefährdung, Bewusstlosigkeit. Der Rettungsdienst kann medizinisch stabilisieren und bei Bedarf in die Kinder- und Jugendpsychiatrie einweisen.
Polizei
110Weglaufen / Vermisstenanzeige, akute Fremdgefährdung (das Kind verletzt andere), Straftaten, wenn das Kind oder andere physisch bedroht werden. Die Polizei kann auch bei psychischer Ausnahmesituation Erstversorgung einleiten.
Telefonseelsorge
0800 111 0 111Kostenlos, 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche, anonym. Für Pflegeeltern in akuter emotionaler Not, aber auch zur Begleitung, wenn ein Kind Suizidgedanken äußert und du nicht weißt, was du tun sollst. Zweite Nummer: 0800 111 0 222.
Nummer gegen Kummer (Kinder- und Jugendtelefon)
116 111Kostenlos, Mo–Sa 14–20 Uhr, für Kinder und Jugendliche. Dein Pflegekind kann selbst anrufen — anonym und ohne Angabe von Daten. Ideal, wenn das Kind reden möchte, aber nicht mit dir. Auch für Erwachsene unter 0800 111 0 550 (kostenlos, Mo, Mi, Fr 9–17 Uhr und Di, Do 9–19 Uhr).
Kinder- und Jugendnotdienst (KJND)
Über JA oder regionalDer KJND ist in vielen Städten rund um die Uhr erreichbar und übernimmt bei akuter Kindeswohlgefährdung außerhalb der Bürozeiten. Zugang über das Jugendamt oder direkt. Erfrage die Nummer deines regionalen Dienstes jetzt — und speichere sie.
Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP)
Über 112 oder direktBei psychiatrischen Notfällen — psychotische Episode, akute Suizidalität, schwere Dissoziation — ist die KJP die richtige Anlaufstelle. Notaufnahmen der KJP sind in der Regel 24/7 erreichbar. Komme direkt oder komme über den Rettungsdienst.
Dein Pflegekinderdienst / Jugendamt
BereitschaftsdienstJedes Jugendamt hat außerhalb der Bürozeiten einen Bereitschaftsdienst. Notiere die Nummer jetzt. Der Pflegekinderdienst ist dein erster Ansprechpartner für alle nicht-medizinischen Krisen und muss über alle schwerwiegenden Vorfälle informiert werden.
Wichtig
Einen Krisenplan erstellen — so geht es
Ein guter Krisenplan ist kein bürokratisches Dokument. Er ist ein konkretes Handlungsprotokoll, das du ausgedruckt griffbereit hast — und das auch ein Vertretungselternteil oder eine Betreuungsperson im Notfall nutzen kann. Er wird idealerweise gemeinsam mit dem Pflegekinderdienst, dem Therapeuten und wenn möglich mit dem Kind selbst erstellt.
Ein Krisenplan für dein Pflegekind sollte mindestens diese Elemente enthalten:
Frühwarnsignale des Kindes
Was zeigt dieses Kind konkret, wenn eine Krise sich anbahnt? (z.B. zieht sich zurück, redet nicht mehr, zupft an Kleidung) — individuell, nicht allgemein
Bekannte Trigger
Was löst bei diesem Kind Krisen aus? (Besuchskontakte, bestimmte Geräusche, Gerüche, Situationen, Jahrestage, Themen) — so spezifisch wie möglich
Was dem Kind hilft
Welche Strategien helfen diesem Kind? (raus an die Luft, bestimmtes Lied, Kuscheltier, Wasseranwendung, Bewegung) — vom Kind selbst wenn möglich mitbestimmt
Notfallnummern
Alle relevanten Nummern: 112, 110, Telefonseelsorge, Jugendamt-Bereitschaft, Therapeut, Pflegekinderdienst, Vertrauensperson des Kindes — mit Namen und Funktion
Wer wird wann informiert?
Klare Eskalationsleiter: Ab welchem Schweregrad rufe ich wen an? Was melde ich sofort dem Jugendamt? Was kann bis zum nächsten Werktag warten? Wer ist Vertreter, wenn ich nicht erreichbar bin?
Dokumentation — was, wann, wie
Halte nach jeder Krise fest: Datum, Uhrzeit, Auslöser, Verhalten des Kindes, deine Reaktion, was geholfen hat, wer informiert wurde. Das schützt dich und das Kind.
Tipp
Ausführlicher Ratgeber
Zusammenarbeit mit dem Jugendamt: So gelingt es
Kommunikation, Dokumentation und Rechte im Verhältnis zum Jugendamt und Pflegekinderdienst.
Akute Suizidalität und Selbstverletzung — was jetzt zählt
Suizidgedanken und Selbstverletzung gehören zu den erschütterndsten Situationen, mit denen Pflegeeltern konfrontiert werden können. Kein Training bereitet dich vollständig darauf vor. Aber ein paar Grundprinzipien können Leben retten.
Grundregeln bei Suizidgedanken — jetzt, sofort
Direkt ansprechen — immer
Frage direkt: „Denkst du daran, dich zu töten?“ Das fühlt sich falsch an, ist aber richtig. Studien zeigen eindeutig: Direkt fragen löst keinen Suizid aus. Es gibt dem Kind die Erlaubnis, ehrlich zu sein — viele haben gewartet, dass jemand fragt.
Nicht allein lassen
Bleib beim Kind, bis es in Sicherheit ist und professionelle Hilfe eingetroffen ist oder bis du sicher bist, dass die akute Gefahr vorbei ist. Wenn du kurz weg musst: Bitte jemanden dazuzubleiben.
Mittel sichern
Entferne sofort alle Mittel, mit denen das Kind sich schaden könnte: Medikamente (abschließen oder aus dem Haus), scharfe Gegenstände, Seile, Gürtel. Das ist keine Übertreibung — Mittelzugang ist einer der stärksten Faktoren bei der Umsetzung von Suizidgedanken.
Nicht bagatellisieren, nicht versprechen lassen
Sage nie: „Stell dich nicht so an“, „Das ist doch nicht ernst gemeint“ oder „Versprich mir, dass du das nicht tust.“ Das letzte führt nur dazu, dass das Kind lügt — und du denkst, du bist sicher, obwohl du es nicht bist.
Krisendienst oder 112 rufen
Ruf die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) an — die beraten dich auch als Bezugsperson, wie du mit der Situation umgehst. Bei konkretem Plan oder Versuch: sofort 112.
Selbstverletzung ohne Suizidabsicht
Selbstverletzung ohne Suizidabsicht — häufig Ritzen, Kratzen, Schlagen — ist ein anderes Phänomen, das trotzdem ernst genommen werden muss. Es ist fast immer ein Versuch des Kindes, inneren Schmerz zu regulieren: durch körperlichen Schmerz wird emotionaler Schmerz kurzzeitig überdeckt oder das Kind spürt sich überhaupt erst wieder.
Reagiere ruhig, ohne Panik und ohne Beschämung. Versorge die Wunden, wenn das Kind es zulässt. Gib dem Kind das Gefühl: Ich sehe dich. Du bist nicht kaputt. Hole anschließend professionelle Unterstützung — Traumatherapie oder Kinder- und Jugendpsychiatrie. Selbstverletzung hört nicht von allein auf.
Gut zu wissen
Wenn die Polizei kommt — was du wissen musst
Die Polizei zu rufen, fühlt sich für viele Pflegeeltern wie ein Versagen an. Es ist keines. In Situationen, in denen du oder andere Familienmitglieder körperlich gefährdet sind oder das Kind weggelaufen ist, ist die Polizei die richtige Anlaufstelle — und zwar genau dafür ausgebildet.
Ein paar Dinge helfen, den Polizeieinsatz so gut wie möglich für das Kind und die Familie zu gestalten:
Beim Anruf: klar und präzise kommunizieren
Nenne Adresse, was passiert ist, wie viele Personen betroffen sind und ob jemand verletzt ist. Sage klar, dass es sich um ein Pflegekind mit Traumavorgeschichte handelt — das hilft den Beamten, angemessen zu reagieren.
Bei Ankunft: das Kind vorbereiten
Wenn Zeit ist: Erkläre dem Kind kurz, wer kommt und warum — ruhig, ohne Bestrafungsrahmen. „Die Polizei kommt, um uns zu helfen, dass alle sicher sind.“ Uniformen und Autos können bei traumatisierten Kindern starke Angstreaktionen auslösen.
Erläutere den Beamten den Hintergrund
Sage kurz, dass das Kind eine Traumageschichte hat und was das für seinen Umgang bedeutet. Bitte darum, ruhig zu sprechen, Abstand zu halten, keine plötzlichen Bewegungen zu machen und keine körperliche Einschränkung einzusetzen, sofern es sicher ist.
Nach dem Einsatz: Jugendamt informieren
Jeder Polizeieinsatz bei einem Pflegekind muss dem Pflegekinderdienst gemeldet werden — noch am selben Tag. Das schützt dich, gibt dem Jugendamt die nötige Information und kann weitere Unterstützung auslösen.
Das Kind verarbeiten lassen
Ein Polizeieinsatz ist für ein Kind ein einschneidendes Erlebnis — unabhängig davon, ob die Beamten gut mit der Situation umgegangen sind. Plane danach Zeit ein, um mit dem Kind zu reden: Was hat es erlebt? Was war beängstigend? Was hat geholfen? Und danach: Supervision für dich.
§ 42 SGB VIII — Inobhutnahme durch das Jugendamt
Die Inobhutnahme nach § 42 SGB VIII ist eine Schutzmaßnahme, die das Jugendamt ohne Gerichtsbeschluss einleiten kann, wenn eine dringende Gefährdung des Kindeswohls vorliegt. Im Kontext der Pflegefamilie kann das in folgenden Situationen relevant werden:
Kind bittet aktiv um Schutz
Wenn das Kind selbst das Jugendamt oder die Polizei um Schutz bittet — auch vor der Pflegefamilie — muss das ernst genommen werden. Das Jugendamt ist verpflichtet, das Kind bis zur Klärung in Sicherheit zu bringen.
Pflegefamilien-Situation unkontrollierbar
Wenn Krisen so massiv und häufig sind, dass das Kind oder die Familie akut gefährdet ist und ambulante Hilfe nicht ausreicht, kann der Pflegekinderdienst eine Inobhutnahme als vorübergehende Maßnahme einleiten.
Das Ende des Pflegeverhältnisses
Eine Inobhutnahme bedeutet nicht automatisch das Ende des Pflegeverhältnisses. Sie gibt Raum, um die Situation zu klären, zu stabilisieren und zu entscheiden, ob und wie es weitergehen kann.
Dein Recht auf Information
Als Pflegeelternteil hast du das Recht, über Maßnahmen informiert zu werden und deine Perspektive einzubringen. Hole dir rechtliche Beratung, wenn du das Gefühl hast, nicht gehört zu werden.
Ausführlicher Ratgeber
Wenn das Pflegeverhältnis scheitert
Abbruch, Krise, Neuanfang — was passiert, wenn es nicht mehr geht, und wie du damit umgehst.
Nach der Krise — Aufarbeitung, Supervision, Anpassung
Die eigentliche Arbeit beginnt oft nach der Krise. Was in den Stunden und Tagen danach passiert, entscheidet wesentlich darüber, ob das Pflegeverhältnis nachhaltig stabilisiert wird oder ob die nächste Krise sich anbahnt.
Für das Kind: Nachsorge und Gesprächsführung
Den richtigen Moment abwarten
Das Gespräch über die Krise findet erst statt, wenn das Kind wieder reguliert ist — manchmal erst am nächsten Tag. Dränge nicht. Ein zu frühes Gespräch kann retraumatisieren.
Nicht über den Kopf des Kindes hinweg entscheiden
Wenn möglich, binde das Kind in die Überlegungen ein: Was war schwer? Was hat geholfen? Was wünschst du dir beim nächsten Mal? Kinder, die mitdenken dürfen, übernehmen Verantwortung.
Konsequenzen klar und fair benennen
Verhalten hat Folgen — auch in der Krise. Aber Konsequenzen werden ruhig besprochen, nicht als Bestrafung in der Hitze des Moments. Ein Kind, das im Ausbruch eine Scheibe eingeworfen hat, muss daran mitarbeiten, dass sie ersetzt wird — aber das wird in einem ruhigen Moment besprochen.
Zeigen, dass die Beziehung trägt
Das Wichtigste nach einer Krise ist: Das Kind muss spüren, dass du noch da bist. Dass es dich nicht verloren hat. Dass Wut und Krise die Beziehung nicht zerstören. Das allein hat enormen therapeutischen Wert.
Für dich: Selbstschutz und professionelle Verarbeitung
Pflegeeltern, die regelmäßig Krisen erleben, tragen eine Belastung, die ohne professionelle Begleitung zu sekundärer Traumatisierung führen kann. Das ist kein Zeichen von Schwäche — es ist eine bekannte Berufsrisiko-Reaktion, die genauso ernst genommen werden muss wie die des Kindes.
Supervision nutzen
Supervision ist kein Luxus, sondern Teil des Pflegeverhältnisses. Du hast Anspruch auf Unterstützung durch deinen Pflegekinderdienst — nutze ihn, auch für Einzelgespräche nach schweren Krisen. Bitte aktiv darum, wenn du das Gefühl hast, allein damit zu sein.
Schreiben zur Verarbeitung
Schreibe nach jeder schweren Krise auf, was passiert ist — nicht nur als Dokumentation, sondern als Verarbeitungsstrategie. Das Schreiben hilft, das Erlebte zu sortieren und aus dem Gedankenkarussell herauszukommen.
Soziales Netz aktivieren
Sprich mit Partner, Freunden oder anderen Pflegeeltern. Isolation ist der größte Risikofaktor für Erschöpfung. In der Community auf Pflegeeltern.Space findest du Menschen, die genau verstehen, was du meinst — ohne dass du erklären musst.
Den Pflegeplan anpassen
Jede schwere Krise ist ein Signal: Irgendetwas im Hilfesystem passt nicht. Nutze das Nachgespräch mit dem Pflegekinderdienst, um den Hilfeplan zu überprüfen. Braucht das Kind mehr Therapie? Braucht die Familie Entlastung? Was muss sich ändern?
Wichtig
Ausführlicher Ratgeber
Selbstfürsorge für Pflegeeltern: Burnout erkennen & vorbeugen
Warnsignale, sekundäre Traumatisierung, Supervision und Strategien gegen Erschöpfung.
Ausführlicher Ratgeber
Supervision und Beratung für Pflegeeltern
Wie Supervision funktioniert, wie du einen guten Supervisor findest und welche Kosten das Jugendamt übernimmt.
Häufige Fragen zur Krisenintervention
Wann muss ich den Notruf 112 rufen?
Ruf 112 sofort, wenn unmittelbare Lebensgefahr besteht: akute Selbstverletzung mit starker Blutung, konkreter Suizidversuch, Bewusstlosigkeit, psychotische Episode mit Gefahr für Leib und Leben oder wenn das Kind andere schwer verletzt. Der Rettungsdienst kann medizinische Erstversorgung leisten und bei Bedarf eine psychiatrische Notaufnahme einleiten. Zögere in solchen Situationen nicht — lieber einmal zu viel gerufen als zu wenig.
Was ist § 42 SGB VIII Inobhutnahme und wann kommt sie infrage?
Die Inobhutnahme nach § 42 SGB VIII ist eine Schutzmaßnahme des Jugendamts bei akuter Kindeswohlgefährdung. Das Jugendamt kann ein Kind sofort in Obhut nehmen — ohne Gerichtsbeschluss — wenn dringende Gefahr für das Kindeswohl besteht. Im Kontext der Pflegefamilie kommt das infrage, wenn das Kind sich oder andere akut gefährdet und die Situation in der Pflegefamilie nicht mehr beherrschbar ist, oder wenn das Kind von sich aus um Schutz bittet. Die Inobhutnahme bedeutet nicht automatisch das Ende des Pflegeverhältnisses, sondern soll Sicherheit herstellen, während die Situation geklärt wird.
Was soll ich tun, wenn mein Pflegekind Suizidgedanken äußert?
Nimm jede Äußerung ernst — auch wenn sie beiläufig oder 'dramatisch' wirkt. Bleib ruhig und zeige dem Kind, dass du es hörst: 'Ich bin froh, dass du mir das sagst. Ich mache mir Sorgen um dich.' Frag direkt: 'Denkst du daran, dich zu töten?' Direkt fragen löst keinen Suizid aus — es gibt dem Kind Erlaubnis, ehrlich zu sein. Lass das Kind nicht allein. Ruf dann den Kinder- und Jugendnotdienst oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) an. Bei konkretem Plan oder Mitteln: sofort 112 rufen. Informiere anschließend deinen Pflegekinderdienst.
Mein Pflegekind ist weggelaufen — was muss ich sofort tun?
Erstatte sofort Vermisstenanzeige bei der Polizei (110 oder nächste Wache). Du bist als Pflegeelternteil mit dem Sorgerecht ausgestattete Betreuungsperson und hast die Pflicht, das Kind zu schützen. Informiere gleichzeitig deinen Pflegekinderdienst bzw. das Jugendamt. Gib der Polizei ein aktuelles Foto, Beschreibung der Kleidung und mögliche Aufenthaltsorte (Herkunftsfamilie, Freunde, bekannte Orte). Notiere Uhrzeit und Umstände des Weglaufens für die spätere Dokumentation.
Wie verarbeite ich als Pflegeelternteil eine schwere Krise?
Krisen hinterlassen auch bei Pflegeeltern Spuren — das ist normal und kein Zeichen von Schwäche. Schreib nach der Krise alles auf: Was ist passiert, wie hast du reagiert, was hat geholfen. Das ist sowohl für die eigene Verarbeitung als auch für die Dokumentation wichtig. Spreche in der nächsten regulären Supervision über das Erlebte — oder bitte um einen kurzfristigen Zusatztermin. Wenn du merkst, dass dich die Krise über Wochen beschäftigt, du schlecht schläfst oder dich ständig ängstlich fühlst, ist das ein Signal, dir selbst professionelle Unterstützung zu holen. Pflegeeltern sind keine Maschinen.
Im Krisenfall handlungsfähig bleiben
Pflegeeltern.Space hilft dir, Krisen zu dokumentieren, Muster zu erkennen und mit dem KI-Assistenten Antworten auf schwierige Situationen zu finden — auch nachts um zwei.
Weitere Ratgeber-Artikel
Verhaltensauffälligkeiten bei Pflegekindern
Ursachen verstehen und im Alltag konkret reagieren
Traumatisierte Pflegekinder begleiten
Trauma verstehen, Trigger erkennen, Sicherheit geben
Selbstfürsorge für Pflegeeltern
Burnout erkennen, Supervision nutzen, Kräfte schützen
Wenn das Pflegeverhältnis scheitert
Abbruch, Krise, Neuanfang — was passiert und was hilft
Zusammenarbeit mit dem Jugendamt
Kommunikation, Dokumentation und Rechte im Verhältnis zum JA
Supervision und Beratung für Pflegeeltern
Professionelle Reflexion, Supervisor finden und Kosten klären