PFLEGEELTERN.SPACE

Alltag

Krisenintervention im Pflegealltag

Was in akuten Situationen hilft, von De-Eskalation bis Notruf

17 Min. Lesezeit Aktualisiert: Februar 2026

Leben im Pflegealltag

Akute Aggression, Selbstverletzung, Suizidgedanken, psychotische Zustände, Weglaufen: Krisen im Pflegealltag treffen oft ohne Vorwarnung. Dieser Ratgeber zeigt dir, wie du Krisensignale früh erkennst, wann welcher Dienst zuständig ist und wie du einen persönlichen Krisenplan erstellst, der dich im schlimmsten Moment handlungsfähig hält.

Sofort handeln, die wichtigsten Nummern: Notruf / Rettung 112 (Lebensgefahr, Suizidversuch, schwere Verletzung). Polizei 110 (Weglaufen, akute Fremdgefährdung, Straftat). Telefonseelsorge 0800 111 0 111 (kostenlos, 24/7, für Kinder und Erwachsene).

Krisensignale früh erkennen

Die meisten Krisen fallen nicht einfach vom Himmel. Sie kündigen sich an, manchmal Tage vorher, manchmal nur Minuten. Pflegeeltern, die die typischen Vorboten kennen, können frühzeitig gegensteuern und viele Eskalationen abwenden. Das setzt voraus, dass du das Kind gut kennst und weißt, was für dieses Kind normal ist.

Führe im Alltag eine Art innere Checkliste: Wie ist die Grundstimmung heute? Gibt es ungewöhnliche Verhaltensänderungen? Hat sich etwas ereignet, etwa ein Besuchskontakt, Schulstress oder ein Konflikt mit Geschwistern? Diese Beobachtungen sind die Basis jeder Krisenprävention.

Verhaltensänderungen:

  • Plötzlicher starker Rückzug oder Isolation
  • Ungewöhnliche Reizbarkeit oder Gereiztheit
  • Schlafen wesentlich mehr oder gar nicht
  • Essen verweigern oder exzessiv essen
  • Schulverweigerung ohne körperliche Ursache
  • Vermehrtes Risikoverhalten (Klettern, Rennen vor Autos)

Äußerungen & Kommunikation:

  • Aussagen wie “Ich bin eh egal” oder “Alle hätten es besser ohne mich”
  • Abschiedsartiges Verschenken von Gegenständen
  • Häufiges Thematisieren von Tod und Sterben
  • Direkte oder indirekte Suizidäußerungen
  • Übermäßiges Schweigen oder Einsilbigkeit
  • Stärkere Bindung an fremde Personen (Internet)

Körperliche Signale:

  • Unerklärliche Wunden oder Verletzungen
  • Langärmlige Kleidung im Sommer (Selbstverletzung verbergen)
  • Zittern, Schweißausbrüche, Herzrasen
  • Starres, abwesendes Wirken (Dissoziation)
  • Körperliche Beschwerden ohne medizinischen Befund
  • Extrem unruhige oder extrem verlangsamte Motorik

Situative Risikofaktoren:

  • Bevorstehender oder kürzlich stattgefundener Besuchskontakt
  • Jubiläen traumatischer Ereignisse (Todestag, Jahrestag Inobhutnahme)
  • Schulzeugnisse, Prüfungen, soziale Ausgrenzung
  • Konflikte mit Herkunftsfamilie über Telefon oder Social Media
  • Verlust einer wichtigen Bezugsperson (Fachkraft wechselt)
  • Nachrichten oder Medieninhalte mit Triggerpotenzial

Tipp: Dokumentiere auffällige Signale mit Datum und Uhrzeit, auch wenn du dir nicht sicher bist, ob sie relevant sind. Muster werden erst im Rückblick sichtbar.

Typen von Krisen im Pflegealltag

Nicht jede Krise ist gleich. Das richtige Handeln hängt davon ab, welche Art von Krise du gerade erlebst. Diese Übersicht hilft dir, schnell einzuordnen, was los ist und was jetzt zu tun ist.

Akute Aggression und Eskalation

Das Kind schreit, wirft Gegenstände, schlägt um sich oder greift andere an. Die Eskalation geschieht schnell und wirkt unkontrollierbar. Oft ausgelöst durch Trigger, die du im Moment nicht erkennst.

Was tun?

  • Sofort eigene Sicherheit und die Sicherheit anderer Kinder sicherstellen
  • Räumlichen Abstand schaffen: weder festhalten noch verfolgen
  • Ruhig, langsam und leise sprechen: “Ich bin hier. Du bist sicher.”
  • Keine Androhungen, kein Schreien, kein Beschämen
  • Abwarten, bis die akute Hochphase vorbei ist, erst dann ansprechen
  • Bei Gefährdung anderer: Polizei (110) rufen

Grenze: Notruf 110 oder 112, wenn Personen verletzt werden oder unmittelbare Gefahr besteht.

Akute Selbstverletzung

Das Kind ritzt, schlägt sich, beißt sich oder verletzt sich auf andere Weise. Das kann impulsiv passieren oder geplant sein. Selbstverletzung ist fast immer ein Versuch, überwältigende Gefühle zu regulieren.

Was tun?

  • Ruhig bleiben, denn Panik überträgt sich auf das Kind
  • Für Sicherheit sorgen: scharfe Gegenstände entfernen, wenn möglich
  • Nicht verurteilen oder bestrafen, das verstärkt die Scham
  • Wunden erstversorgen, wenn das Kind es zulässt
  • Präsent bleiben: “Ich bin bei dir.”
  • Anschließend Pflegekinderdienst und ggf. Therapeuten informieren

Grenze: Notruf 112, wenn starke Blutungen, Tiefe der Wunden oder Bewusstlosigkeit.

Suizidgedanken und -äußerungen

Das Kind äußert, nicht mehr leben zu wollen, direkt oder indirekt. Jede solche Äußerung muss ernst genommen werden, unabhängig davon, wie beiläufig sie klingt. Suizidgedanken sind ein Notruf.

Was tun?

  • Direkt ansprechen: “Denkst du daran, dich zu töten?” (direkt fragen löst keinen Suizid aus)
  • Zuhören, ohne zu bewerten oder zu bagatellisieren
  • Das Kind nicht allein lassen
  • Alle möglichen Mittel sichern: Medikamente, scharfe Gegenstände
  • Krisendienst anrufen: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder Kinder- und Jugendnotdienst
  • Bei konkretem Plan oder Versuch: sofort 112 rufen

Grenze: Notruf 112 bei konkretem Suizidversuch oder konkretem Plan mit verfügbaren Mitteln.

Weglaufen (Entweichen)

Das Kind verlässt das Haus unkontrolliert oder kehrt nicht von der Schule zurück. Häufig in Verbindung mit Konflikten, Besuchskontakten oder dem Wunsch, zur Herkunftsfamilie zu gelangen.

Was tun?

  • Sofort bekannte Aufenthaltsorte absuchen (Herkunftsfamilie, Freunde)
  • Polizei (110) verständigen und Vermisstenanzeige erstatten
  • Pflegekinderdienst und Jugendamt informieren
  • Aktuelles Foto und Kleidungsbeschreibung bereithalten
  • Rückkehr ohne Schuldzuweisungen empfangen, denn das Kind ist erleichtert, wenn es ohne Strafe zurückkehren kann
  • Ursachen im Nachgang gemeinsam besprechen und Sicherheitsplan anpassen

Grenze: Umgehend Polizei rufen. Du bist als Pflegeelternteil verpflichtet, das Kindeswohl zu schützen.

Psychotische Episode

Das Kind sieht oder hört Dinge, die nicht da sind, zeigt wahnhaftes Denken, ist nicht ansprechbar oder verwirrt. Psychotische Episoden sind medizinische Notfälle und können Ausdruck schwerer Traumatisierung, einer psychiatrischen Erkrankung oder Substanzkonsum sein.

Was tun?

  • Ruhige, reizarme Umgebung schaffen
  • Keine Widerlegung der Wahrnehmungen, das vertieft den Schrecken
  • Beruhigende, klare Sprache: “Ich bin hier. Du bist in Sicherheit.”
  • Sofort Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Notruf (112) kontaktieren
  • Andere Kinder aus der Situation entfernen

Grenze: Sofort 112 rufen, denn psychotische Episoden sind psychiatrische Notfälle.

Eskalation beim Besuchskontakt mit der Herkunftsfamilie

Während oder nach dem Umgang kommt es zu massiven Ausbrüchen, Suiziddrohungen, Weglaufen zur Herkunftsfamilie oder zu heftigen Beschuldigungen gegen die Pflegefamilie. Besuchskontakte sind für viele Pflegekinder der stärkste emotionale Trigger.

Was tun?

  • Kontakt ggf. unterbrechen oder vorzeitig beenden
  • Das Jugendamt über den Vorfall informieren
  • Dem Kind nach dem Kontakt ausreichend Ruhe und Raum geben
  • Keine Kritik an der Herkunftsfamilie in der Situation
  • Vorfälle für Gespräche über die Anpassung des Umgangsplans dokumentieren
  • Bei akuter Gefährdung: Polizei und Krisendienst einschalten

Grenze: Wenn das Kind sich oder andere während des Besuchs akut gefährdet: Besuch sofort abbrechen und 110/112 rufen.

De-Eskalationsstrategien: Was wirklich hilft

De-Eskalation ist keine Technik, die man mal schnell lernt. Sie ist eine Haltung, und sie beginnt bei dir. Dein Nervensystem ist das wichtigste Werkzeug in einer Krise. Wenn du ruhig bleibst, hast du eine Chance, das Kind zu co-regulieren. Wenn du eskalierst, eskaliert das Kind fast immer weiter.

Die folgenden Strategien basieren auf traumapädagogischen und bindungstheoretischen Ansätzen, die in der Pflegekinderhilfe etabliert sind. Sie ersetzen keine Kriseninterventionsschulung, aber sie geben dir Orientierung, wenn es darauf ankommt.

  1. Dich selbst zuerst regulieren: Bevor du irgendetwas tust: Atme. Mach drei langsame Atemzüge. Dein Körper überträgt Stress direkt auf das Kind: durch Stimme, Körperhaltung und Augenkontakt. Wenn du merkst, dass du kurz davor bist, die Kontrolle zu verlieren, sage kurz: “Ich hole kurz Luft und komme gleich wieder”, und mach eine 60-Sekunden-Pause. Das ist keine Niederlage, das ist Professionalität.
  2. Körper- und Raumsprache bewusst einsetzen: Gehe auf Augenhöhe des Kindes, stehe nie über ihm. Halte ausreichend Abstand (mindestens eine Armlänge), damit das Kind sich nicht eingeengt fühlt. Vermeide direkte Blickkonfrontation; ein seitlicher Blick ist weniger bedrohlich. Verschränke keine Arme. Offene Handflächen signalisieren: Ich bin keine Bedrohung. Spreche leise und langsam: Lautstärke und Tempo senken, nicht steigern.
  3. Deeskalierende Sprache verwenden: Sage nie: “Beruhig dich!”, “Hör sofort auf!” oder “Das ist doch Unsinn!”. Das eskaliert zuverlässig. Was hilft: “Ich sehe, dass du gerade sehr wütend bist.” (Gefühl benennen, nicht bewerten.) “Ich bin hier.” (Präsenz zeigen.) “Du bist sicher.” (Sicherheit vermitteln.) “Wir schaffen das zusammen.” (Verbindung anbieten.) Verzichte auf Fragen, Erklärungen und Ermahnungen, denn im Hochstress ist das Gehirn nicht aufnahmefähig.
  4. Raum und Alternativen anbieten: Viele Kinder brauchen in der Krise Bewegung oder Rückzug. Biete konkrete Optionen an: “Willst du kurz in dein Zimmer gehen?” oder “Sollen wir kurz nach draußen?” Ein Rückzugsraum im Sinne eines sicheren Ortes ist keine Strafe, sondern eine Ressource. Manche Kinder beruhigen sich durch körperliche Aktivität (Trampolin, Kissen schlagen), andere durch Erdungsübungen (Füße spüren, kaltes Wasser). Du kennst dein Kind am besten.
  5. Den richtigen Moment für das Gespräch abwarten: Im akuten Stress ist das Kind neurobiologisch nicht in der Lage, Argumente zu verarbeiten oder Einsicht zu zeigen. Das Gespräch über das Geschehene (Ursachen, Konsequenzen, alternative Handlungsmöglichkeiten) findet erst dann statt, wenn das Kind sich wieder reguliert hat. Das kann Minuten dauern, manchmal auch Stunden. Dränge nicht zu früh. Halte Kontakt, aber überfordere das Kind nicht mit Reflexion, bevor es dazu bereit ist.

Was du nicht tun solltest und warum

  • Festhalten oder physisch einschränken: Körperliche Einschränkung löst bei traumatisierten Kindern fast immer Panik aus. Sie erinnert an Situationen, in denen sie hilflos waren. Das eskaliert die Situation massiv.
  • In der Hochphase erklären oder argumentieren: Im Stresszustand ist das limbische System aktiv, nicht der präfrontale Kortex. Das Kind kann Argumente schlicht nicht verarbeiten. Du redest gegen eine Wand und erhöhst die eigene Frustration.
  • Strafen androhen oder sofort umsetzen: Strafe in der Krise eskaliert weiter und beschädigt die Beziehung. Das Kind verbindet dich mit Bestrafung statt mit Sicherheit, genau das Gegenteil dessen, was du aufbauen willst.
  • Andere Kinder als Zeugen dabei lassen: Geschwister oder andere Pflegekinder, die eine Krise miterleben, werden selbst traumatisiert oder retraumatisiert. Bringe sie so schnell wie möglich in einen anderen Raum.

Notruf & Krisendienste: Wer ist wann zuständig?

In einer Krise ist keine Zeit zum Recherchieren. Diese Übersicht fasst zusammen, welcher Dienst wann die richtige Anlaufstelle ist. Speichere die Nummern jetzt, bevor du sie brauchst.

  • Notruf / Rettungsdienst (112): Bei unmittelbarer Lebensgefahr: Suizidversuch, schwere Selbstverletzung, psychotische Episode mit Eigengefährdung, Bewusstlosigkeit. Der Rettungsdienst kann medizinisch stabilisieren und bei Bedarf in die Kinder- und Jugendpsychiatrie einweisen.
  • Polizei (110): Weglaufen / Vermisstenanzeige, akute Fremdgefährdung (das Kind verletzt andere), Straftaten, wenn das Kind oder andere physisch bedroht werden. Die Polizei kann auch bei psychischer Ausnahmesituation Erstversorgung einleiten.
  • Telefonseelsorge (0800 111 0 111): Kostenlos, 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche, anonym. Für Pflegeeltern in akuter emotionaler Not, aber auch zur Begleitung, wenn ein Kind Suizidgedanken äußert und du nicht weißt, was du tun sollst. Zweite Nummer: 0800 111 0 222.
  • Nummer gegen Kummer (Kinder- und Jugendtelefon) (116 111): Kostenlos, Mo–Sa 14–20 Uhr, für Kinder und Jugendliche. Dein Pflegekind kann selbst anrufen, anonym und ohne Angabe von Daten. Ideal, wenn das Kind reden möchte, aber nicht mit dir. Auch für Erwachsene unter 0800 111 0 550 (kostenlos, Mo, Mi, Fr 9–17 Uhr und Di, Do 9–19 Uhr).
  • Kinder- und Jugendnotdienst (KJND) (über Jugendamt oder regional): Der KJND ist in vielen Städten rund um die Uhr erreichbar und übernimmt bei akuter Kindeswohlgefährdung außerhalb der Bürozeiten. Zugang über das Jugendamt oder direkt. Erfrage die Nummer deines regionalen Dienstes jetzt und speichere sie.
  • Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) (über 112 oder direkt): Bei psychiatrischen Notfällen (psychotische Episode, akute Suizidalität, schwere Dissoziation) ist die KJP die richtige Anlaufstelle. Notaufnahmen der KJP sind in der Regel 24/7 erreichbar. Komme direkt oder über den Rettungsdienst.
  • Dein Pflegekinderdienst / Jugendamt (Bereitschaftsdienst): Jedes Jugendamt hat außerhalb der Bürozeiten einen Bereitschaftsdienst. Notiere die Nummer jetzt. Der Pflegekinderdienst ist dein erster Ansprechpartner für alle nicht-medizinischen Krisen und muss über alle schwerwiegenden Vorfälle informiert werden.

Wichtig: Speichere diese Nummern heute in deinem Handy, in einer eigenen Kontaktgruppe “Krise” oder “Notfall”. In einer akuten Situation hast du keine Zeit zu suchen. Hänge eine Notfall-Karte sichtbar in der Küche mit den wichtigsten Nummern auf, auch für Betreuungspersonen, die einspringen.

Einen Krisenplan erstellen: So geht es

Ein guter Krisenplan ist kein bürokratisches Dokument. Er ist ein konkretes Handlungsprotokoll, das du ausgedruckt griffbereit hast und das auch ein Vertretungselternteil oder eine Betreuungsperson im Notfall nutzen kann. Er wird idealerweise gemeinsam mit dem Pflegekinderdienst, dem Therapeuten und wenn möglich mit dem Kind selbst erstellt.

Ein Krisenplan für dein Pflegekind sollte mindestens diese Elemente enthalten:

  1. Frühwarnsignale des Kindes: Was zeigt dieses Kind konkret, wenn eine Krise sich anbahnt? (z. B. zieht sich zurück, redet nicht mehr, zupft an Kleidung). Individuell, nicht allgemein.
  2. Bekannte Trigger: Was löst bei diesem Kind Krisen aus? (Besuchskontakte, bestimmte Geräusche, Gerüche, Situationen, Jahrestage, Themen), so spezifisch wie möglich.
  3. Was dem Kind hilft: Welche Strategien helfen diesem Kind? (raus an die Luft, bestimmtes Lied, Kuscheltier, Wasseranwendung, Bewegung), wenn möglich vom Kind selbst mitbestimmt.
  4. Notfallnummern: Alle relevanten Nummern: 112, 110, Telefonseelsorge, Jugendamt-Bereitschaft, Therapeut, Pflegekinderdienst, Vertrauensperson des Kindes, jeweils mit Namen und Funktion.
  5. Wer wird wann informiert? Klare Eskalationsleiter: Ab welchem Schweregrad rufe ich wen an? Was melde ich sofort dem Jugendamt? Was kann bis zum nächsten Werktag warten? Wer ist Vertreter, wenn ich nicht erreichbar bin?
  6. Dokumentation (was, wann, wie): Halte nach jeder Krise fest: Datum, Uhrzeit, Auslöser, Verhalten des Kindes, deine Reaktion, was geholfen hat, wer informiert wurde. Das schützt dich und das Kind.

Tipp: Besprich den Krisenplan mit deinem Pflegekind, soweit es alters- und entwicklungsgemäß möglich ist. Kinder, die wissen, was in einer Krise passiert, fühlen sich weniger ausgeliefert. Das allein kann Krisen entschärfen. Formuliere es kindgerecht: “Wenn du dich so fühlst, kannst du immer zu mir kommen. Und wenn ich nicht da bin, rufen wir zusammen dort an.”

Akute Suizidalität und Selbstverletzung: Was jetzt zählt

Suizidgedanken und Selbstverletzung gehören zu den erschütterndsten Situationen, mit denen Pflegeeltern konfrontiert werden können. Kein Training bereitet dich vollständig darauf vor. Aber ein paar Grundprinzipien können Leben retten.

Grundregeln bei Suizidgedanken: jetzt, sofort

  • Direkt ansprechen, immer: Frage direkt: “Denkst du daran, dich zu töten?” Das fühlt sich falsch an, ist aber richtig. Studien zeigen eindeutig: Direkt fragen löst keinen Suizid aus. Es gibt dem Kind die Erlaubnis, ehrlich zu sein. Viele haben gewartet, dass jemand fragt.
  • Nicht allein lassen: Bleib beim Kind, bis es in Sicherheit ist und professionelle Hilfe eingetroffen ist oder bis du sicher bist, dass die akute Gefahr vorbei ist. Wenn du kurz weg musst: Bitte jemanden dazubleiben.
  • Mittel sichern: Entferne sofort alle Mittel, mit denen das Kind sich schaden könnte: Medikamente (abschließen oder aus dem Haus), scharfe Gegenstände, Seile, Gürtel. Das ist keine Übertreibung: Mittelzugang ist einer der stärksten Faktoren bei der Umsetzung von Suizidgedanken.
  • Nicht bagatellisieren, nicht versprechen lassen: Sage nie: “Stell dich nicht so an”, “Das ist doch nicht ernst gemeint” oder “Versprich mir, dass du das nicht tust.” Das letzte führt nur dazu, dass das Kind lügt, und du denkst, du bist sicher, obwohl du es nicht bist.
  • Krisendienst oder 112 rufen: Ruf die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) an. Die beraten dich auch als Bezugsperson, wie du mit der Situation umgehst. Bei konkretem Plan oder Versuch: sofort 112.

Selbstverletzung ohne Suizidabsicht

Selbstverletzung ohne Suizidabsicht (häufig Ritzen, Kratzen, Schlagen) ist ein anderes Phänomen, das trotzdem ernst genommen werden muss. Es ist fast immer ein Versuch des Kindes, inneren Schmerz zu regulieren: durch körperlichen Schmerz wird emotionaler Schmerz kurzzeitig überdeckt oder das Kind spürt sich überhaupt erst wieder.

Reagiere ruhig, ohne Panik und ohne Beschämung. Versorge die Wunden, wenn das Kind es zulässt. Gib dem Kind das Gefühl: Ich sehe dich. Du bist nicht kaputt. Hole anschließend professionelle Unterstützung: Traumatherapie oder Kinder- und Jugendpsychiatrie. Selbstverletzung hört nicht von allein auf.

Gut zu wissen: Informiere deinen Pflegekinderdienst nach jeder Episode von Suizidgedanken oder Selbstverletzung, auch wenn du das Gefühl hast, die Situation im Griff zu haben. Das ist keine Schwäche, sondern Pflicht und schützt dich rechtlich. Halte Art, Datum und deinen Umgang mit der Situation schriftlich fest.

Wenn die Polizei kommt: Was du wissen musst

Die Polizei zu rufen, fühlt sich für viele Pflegeeltern wie ein Versagen an. Es ist keines. In Situationen, in denen du oder andere Familienmitglieder körperlich gefährdet sind oder das Kind weggelaufen ist, ist die Polizei die richtige Anlaufstelle, und zwar genau dafür ausgebildet.

Ein paar Dinge helfen, den Polizeieinsatz so gut wie möglich für das Kind und die Familie zu gestalten:

  • Beim Anruf: klar und präzise kommunizieren: Nenne Adresse, was passiert ist, wie viele Personen betroffen sind und ob jemand verletzt ist. Sage klar, dass es sich um ein Pflegekind mit Traumavorgeschichte handelt. Das hilft den Beamten, angemessen zu reagieren.
  • Bei Ankunft: das Kind vorbereiten: Wenn Zeit ist: Erkläre dem Kind kurz, wer kommt und warum, ruhig und ohne Bestrafungsrahmen. “Die Polizei kommt, um uns zu helfen, dass alle sicher sind.” Uniformen und Autos können bei traumatisierten Kindern starke Angstreaktionen auslösen.
  • Erläutere den Beamten den Hintergrund: Sage kurz, dass das Kind eine Traumageschichte hat und was das für seinen Umgang bedeutet. Bitte darum, ruhig zu sprechen, Abstand zu halten, keine plötzlichen Bewegungen zu machen und keine körperliche Einschränkung einzusetzen, sofern es sicher ist.
  • Nach dem Einsatz: Jugendamt informieren: Jeder Polizeieinsatz bei einem Pflegekind muss dem Pflegekinderdienst gemeldet werden, noch am selben Tag. Das schützt dich, gibt dem Jugendamt die nötige Information und kann weitere Unterstützung auslösen.
  • Das Kind verarbeiten lassen: Ein Polizeieinsatz ist für ein Kind ein einschneidendes Erlebnis, unabhängig davon, ob die Beamten gut mit der Situation umgegangen sind. Plane danach Zeit ein, um mit dem Kind zu reden: Was hat es erlebt? Was war beängstigend? Was hat geholfen? Und danach: Supervision für dich.

§ 42 SGB VIII: Inobhutnahme durch das Jugendamt

Die Inobhutnahme nach § 42 SGB VIII ist eine Schutzmaßnahme, die das Jugendamt ohne Gerichtsbeschluss einleiten kann, wenn eine dringende Gefährdung des Kindeswohls vorliegt. Im Kontext der Pflegefamilie kann das in folgenden Situationen relevant werden:

  • Kind bittet aktiv um Schutz: Wenn das Kind selbst das Jugendamt oder die Polizei um Schutz bittet (auch vor der Pflegefamilie), muss das ernst genommen werden. Das Jugendamt ist verpflichtet, das Kind bis zur Klärung in Sicherheit zu bringen.
  • Pflegefamilien-Situation unkontrollierbar: Wenn Krisen so massiv und häufig sind, dass das Kind oder die Familie akut gefährdet ist und ambulante Hilfe nicht ausreicht, kann der Pflegekinderdienst eine Inobhutnahme als vorübergehende Maßnahme einleiten.
  • Das Ende des Pflegeverhältnisses: Eine Inobhutnahme bedeutet nicht automatisch das Ende des Pflegeverhältnisses. Sie gibt Raum, um die Situation zu klären, zu stabilisieren und zu entscheiden, ob und wie es weitergehen kann.
  • Dein Recht auf Information: Als Pflegeelternteil hast du das Recht, über Maßnahmen informiert zu werden und deine Perspektive einzubringen. Hole dir rechtliche Beratung, wenn du das Gefühl hast, nicht gehört zu werden.

Nach der Krise: Aufarbeitung, Supervision, Anpassung

Die eigentliche Arbeit beginnt oft nach der Krise. Was in den Stunden und Tagen danach passiert, entscheidet wesentlich darüber, ob das Pflegeverhältnis nachhaltig stabilisiert wird oder ob die nächste Krise sich anbahnt.

Für das Kind: Nachsorge und Gesprächsführung

  • Den richtigen Moment abwarten: Das Gespräch über die Krise findet erst statt, wenn das Kind wieder reguliert ist, manchmal erst am nächsten Tag. Dränge nicht. Ein zu frühes Gespräch kann retraumatisieren.
  • Nicht über den Kopf des Kindes hinweg entscheiden: Wenn möglich, binde das Kind in die Überlegungen ein: Was war schwer? Was hat geholfen? Was wünschst du dir beim nächsten Mal? Kinder, die mitdenken dürfen, übernehmen Verantwortung.
  • Konsequenzen klar und fair benennen: Verhalten hat Folgen, auch in der Krise. Aber Konsequenzen werden ruhig besprochen, nicht als Bestrafung in der Hitze des Moments. Ein Kind, das im Ausbruch eine Scheibe eingeworfen hat, muss daran mitarbeiten, dass sie ersetzt wird, aber das wird in einem ruhigen Moment besprochen.
  • Zeigen, dass die Beziehung trägt: Das Wichtigste nach einer Krise ist: Das Kind muss spüren, dass du noch da bist. Dass es dich nicht verloren hat. Dass Wut und Krise die Beziehung nicht zerstören. Das allein hat enormen therapeutischen Wert.

Für dich: Selbstschutz und professionelle Verarbeitung

Pflegeeltern, die regelmäßig Krisen erleben, tragen eine Belastung, die ohne professionelle Begleitung zu sekundärer Traumatisierung führen kann. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine bekannte Berufsrisiko-Reaktion, die genauso ernst genommen werden muss wie die des Kindes.

  • Supervision nutzen: Supervision ist kein Luxus, sondern Teil des Pflegeverhältnisses. Du hast Anspruch auf Unterstützung durch deinen Pflegekinderdienst. Nutze ihn, auch für Einzelgespräche nach schweren Krisen. Bitte aktiv darum, wenn du das Gefühl hast, allein damit zu sein.
  • Schreiben zur Verarbeitung: Schreibe nach jeder schweren Krise auf, was passiert ist, nicht nur als Dokumentation, sondern als Verarbeitungsstrategie. Das Schreiben hilft, das Erlebte zu sortieren und aus dem Gedankenkarussell herauszukommen.
  • Soziales Netz aktivieren: Sprich mit Partner, Freunden oder anderen Pflegeeltern. Isolation ist der größte Risikofaktor für Erschöpfung. Suche dir Menschen, die genau verstehen, was du meinst, ohne dass du erklären musst.
  • Den Pflegeplan anpassen: Jede schwere Krise ist ein Signal: Irgendetwas im Hilfesystem passt nicht. Nutze das Nachgespräch mit dem Pflegekinderdienst, um den Hilfeplan zu überprüfen. Braucht das Kind mehr Therapie? Braucht die Familie Entlastung? Was muss sich ändern?

Wichtig: Wenn du nach einer Krise wochenlang schlecht schläfst, dich ständig ängstlich oder leer fühlst, wiederkehrende Bilder aus der Situation siehst oder dich schwer konzentrieren kannst: Das sind Zeichen einer möglichen sekundären Traumatisierung. Suche dir selbst professionelle Unterstützung. Du kannst nur dann für das Kind da sein, wenn du selbst stabil bist.

Häufige Fragen

Wann muss ich den Notruf 112 rufen?

Ruf 112 sofort, wenn unmittelbare Lebensgefahr besteht: akute Selbstverletzung mit starker Blutung, konkreter Suizidversuch, Bewusstlosigkeit, psychotische Episode mit Gefahr für Leib und Leben oder wenn das Kind andere schwer verletzt. Der Rettungsdienst kann medizinische Erstversorgung leisten und bei Bedarf eine psychiatrische Notaufnahme einleiten. Zögere in solchen Situationen nicht: lieber einmal zu viel gerufen als zu wenig.

Was ist § 42 SGB VIII Inobhutnahme und wann kommt sie infrage?

Die Inobhutnahme nach § 42 SGB VIII ist eine Schutzmaßnahme des Jugendamts bei akuter Kindeswohlgefährdung. Das Jugendamt kann ein Kind auch ohne Gerichtsbeschluss sofort in Obhut nehmen, wenn dringende Gefahr für das Kindeswohl besteht. Im Kontext der Pflegefamilie kommt das infrage, wenn das Kind sich oder andere akut gefährdet und die Situation in der Pflegefamilie nicht mehr beherrschbar ist, oder wenn das Kind von sich aus um Schutz bittet. Die Inobhutnahme bedeutet nicht automatisch das Ende des Pflegeverhältnisses, sondern soll Sicherheit herstellen, während die Situation geklärt wird.

Was soll ich tun, wenn mein Pflegekind Suizidgedanken äußert?

Nimm jede Äußerung ernst, auch wenn sie beiläufig oder 'dramatisch' wirkt. Bleib ruhig und zeige dem Kind, dass du es hörst: 'Ich bin froh, dass du mir das sagst. Ich mache mir Sorgen um dich.' Frag direkt: 'Denkst du daran, dich zu töten?' Direkt fragen löst keinen Suizid aus, es gibt dem Kind Erlaubnis, ehrlich zu sein. Lass das Kind nicht allein. Ruf dann den Kinder- und Jugendnotdienst oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) an. Bei konkretem Plan oder Mitteln: sofort 112 rufen. Informiere anschließend deinen Pflegekinderdienst.

Mein Pflegekind ist weggelaufen: Was muss ich sofort tun?

Erstatte sofort Vermisstenanzeige bei der Polizei (110 oder nächste Wache). Du bist als Pflegeelternteil mit dem Sorgerecht ausgestattete Betreuungsperson und hast die Pflicht, das Kind zu schützen. Informiere gleichzeitig deinen Pflegekinderdienst bzw. das Jugendamt. Gib der Polizei ein aktuelles Foto, Beschreibung der Kleidung und mögliche Aufenthaltsorte (Herkunftsfamilie, Freunde, bekannte Orte). Notiere Uhrzeit und Umstände des Weglaufens für die spätere Dokumentation.

Wie verarbeite ich als Pflegeelternteil eine schwere Krise?

Krisen hinterlassen auch bei Pflegeeltern Spuren. Das ist normal und kein Zeichen von Schwäche. Schreib nach der Krise alles auf: Was ist passiert, wie hast du reagiert, was hat geholfen. Das ist sowohl für die eigene Verarbeitung als auch für die Dokumentation wichtig. Spreche in der nächsten regulären Supervision über das Erlebte oder bitte um einen kurzfristigen Zusatztermin. Wenn du merkst, dass dich die Krise über Wochen beschäftigt, du schlecht schläfst oder dich ständig ängstlich fühlst, ist das ein Signal, dir selbst professionelle Unterstützung zu holen. Pflegeeltern sind keine Maschinen.

Hinweis: Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Rechts-, Steuer- oder Sozialberatung. Beträge und Regelungen können sich ändern und je nach Bundesland und Jugendamt abweichen. Im Zweifel wende Sie an Ihr örtliches Jugendamt oder eine Fachberatung.

War dieser Artikel hilfreich?

Verwandte Artikel