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Praxis

Geschwister in Pflege
Gemeinsam oder getrennt unterbringen?

Wenn mehrere Geschwister in Obhut genommen werden müssen, stehen Jugendamt und Pflegefamilien vor einer der folgenreichsten Entscheidungen der Pflegekinderhilfe. Dieser Ratgeber erklärt die rechtlichen Grundlagen, zeigt typische Herausforderungen im Alltag mit Geschwistergruppen und gibt konkrete Tipps, wie die Bindung zwischen getrennt untergebrachten Geschwistern erhalten bleibt.

12 Min. LesezeitAktualisiert: Februar 2026§ 1685 BGB & SGB VIII

Geschwister gemeinsam oder getrennt unterbringen?

Wenn Geschwister in Obhut genommen werden müssen, lautet der Grundsatz der deutschen Pflegekinderhilfe: gemeinsam, wenn immer möglich. Diese Haltung ist rechtlich verankert in § 1626 BGB, der das Eltern-Kind-Verhältnis und damit auch das Geschwisterverhältnis unter den Schutz des Familienrechts stellt. Verstärkt wird dies durch Art. 8 der UN-Kinderrechtskonvention, der Kindern das Recht auf Wahrung ihrer Identität — einschließlich familiärer Beziehungen — garantiert.

Doch der Grundsatz trifft in der Praxis auf harte Realitäten: Nicht jede Pflegefamilie hat Kapazitäten für mehrere Kinder gleichzeitig, nicht jede Konstellation innerhalb einer Geschwistergruppe ist förderlich, und manchmal erfordert der unterschiedliche Hilfebedarf der Kinder verschiedene Versorgungsformen. Das Jugendamt muss in jedem Einzelfall abwägen — und diese Abwägung muss dokumentiert und begründet sein.

Was die Forschung sagt

Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) und Heinz Kindler kommen in einer viel zitierten Analyse (Kindler/DJI 2010) zu einem klaren Befund: Die Geschwisterbeziehung ist die wichtigste Konstante im Leben von Pflegekindern. Während Bezugspersonen wechseln — Pflegeeltern, Jugendamtsmitarbeiter, Therapeuten —, bleiben Geschwister über alle Brüche hinweg die stabilste Bindung, die ein Pflegekind hat.

Getrennt untergebrachte Geschwister zeigen in Studien häufiger Verhaltensauffälligkeiten, Bindungsprobleme und emotionale Belastungen als gemeinsam untergebrachte Kinder. Die Forschungslage ist eindeutig: Trennungen sollten die Ausnahme sein, nicht die Regel.

Entscheidungskriterien des Jugendamts

Das Jugendamt prüft bei der Frage der gemeinsamen oder getrennten Unterbringung mehrere Faktoren. Eine Trennung kann gerechtfertigt sein, wenn:

Keine geeignete Pflegefamilie verfügbar ist

Es findet sich keine Pflegefamilie mit ausreichend Platz, Zeit und Ressourcen für alle Geschwister gleichzeitig. Besonders bei größeren Gruppen (drei oder mehr Kinder) ist dies häufig der pragmatische Grund für Trennungen — kein pädagogischer.

Stark unterschiedlicher Hilfebedarf besteht

Ein Kind benötigt intensive heilpädagogische Versorgung oder Heimunterbringung, während ein anderes in einer Regelpflegefamilie gut aufgehoben wäre. Unterschiedliche Bedarfslagen können eine Trennung aus fachlichen Gründen nahelegen.

Die Geschwisterbeziehung selbst ist gefährdend

In Ausnahmefällen — etwa wenn ein Geschwisterkind das andere misshandelt oder sexuell übergriffig war — kann das Wohl aller Kinder eine Trennung erfordern. Dies ist fachlich das sensibelste Szenario und bedarf besonderer therapeutischer Begleitung.

Wichtig

Wenn das Jugendamt eine Trennung von Geschwistern plant, haben Pflegeeltern und beteiligte Fachkräfte das Recht, diese Entscheidung im Rahmen des Hilfeplans zu hinterfragen und Alternativen einzufordern. Begründungen wie „es gibt keinen Platz“ sollten nicht kommentarlos akzeptiert werden, wenn eine gemeinsame Lösung grundsätzlich denkbar ist.

Ausführlicher Ratgeber

Der Hilfeplan: Planung und Ziele der Unterbringung

Wie ihr als Pflegeeltern am Hilfeplan mitwirkt und welche Rechte ihr dabei habt.

Geschwisterkonstellationen in der Pflegekinderhilfe

„Geschwister“ ist kein einheitlicher Begriff. In der Pflegekinderhilfe begegnen Pflegeeltern sehr unterschiedlichen Geschwisterkonstellationen — mit jeweils eigenen Dynamiken und Herausforderungen.

ABiologische Geschwister in einer Pflegefamilie

Die idealste Konstellation aus kindeswohllicher Sicht: Geschwister, die gemeinsam aufgewachsen sind, kommen gemeinsam in eine Pflegefamilie. Sie teilen ihre Geschichte, stützen sich gegenseitig in der Eingewöhnungsphase und bewahren eine wichtige Kontinuität.

Besonderheit: Bestehende Dynamiken aus der Herkunftsfamilie ziehen mit ein — inklusive erlernter Rollen, Schutz- und Dominanzverhalten sowie gemeinsamer Traumata.

BGeschwister getrennt in verschiedenen Pflegefamilien

Häufiger als gewünscht — und für alle Beteiligten emotional belastend. Die Kontaktpflege zwischen den Pflegefamilien ist entscheidend. Gelingende Fälle zeigen, dass Pflegefamilien, die miteinander in engem Austausch stehen, die Geschwisterbindung effektiv aufrechterhalten können.

Wichtig: Das Jugendamt ist verpflichtet, regelmäßige Geschwisterkontakte aktiv zu organisieren und zu finanzieren.

C„Neue“ Geschwister in der Pflegefamilie

Wenn ein Pflegekind auf leibliche Kinder der Pflegeeltern und/oder weitere Pflegekinder trifft, entsteht eine neue Geschwisterkonstellation ohne gemeinsame Geschichte. Diese Kinder werden manchmal als „Pflegegeschwister“ bezeichnet.

Herausforderung: Unterschiedliche Bedürfnisse, Regeln und Aufmerksamkeitsanteile müssen ausbalanciert werden. Eifersucht und Rivalität sind normale Begleiter dieser Phase.

DHalbgeschwister und Stiefgeschwister

Viele Kinder in der Pflegekinderhilfe wachsen in Patchwork-Verhältnissen auf. Halbgeschwister teilen nur einen Elternteil, Stiefgeschwister sind durch Partnerschaft der Eltern verbunden — die emotionale Bindung ist aber oft genauso stark wie bei vollgeschwisterlichen Beziehungen.

Rechtlich: § 1685 BGB schützt das Umgangsrecht von Geschwistern unabhängig davon, ob es sich um Voll-, Halb- oder Stiefgeschwister handelt — entscheidend ist die emotionale Bindung.

Gut zu wissen

In der Praxis leben laut Statistiken des Deutschen Jugendinstituts etwa ein Drittel aller Pflegekinder mit mindestens einem leiblichen Geschwisterkind in derselben Pflegefamilie. Für die verbleibenden zwei Drittel ist die Aufrechterhaltung des Geschwisterkontakts über Familiengrenzen hinweg eine dauernde organisatorische Aufgabe.

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Pflegekind und eigene Kinder: Geschwisterdynamik meistern

Wenn Pflegekinder auf leibliche Kinder der Pflegeeltern treffen — Vorbereitung, Eifersucht und gemeinsames Aufwachsen.

Recht auf Geschwisterkontakt — § 1685 BGB

Das Recht auf Umgang mit Geschwistern ist in § 1685 Abs. 1 BGB verankert. Danach haben Geschwister ein eigenes Recht auf Umgang miteinander — sofern dieser dem Kindeswohl dient. Dieses Recht gilt unabhängig davon, ob die Geschwister in derselben Pflegefamilie oder an verschiedenen Orten untergebracht sind.

Was § 1685 BGB in der Praxis bedeutet

Aktive Förderungspflicht des Jugendamts

Das Jugendamt ist nicht nur verpflichtet, Kontakte nicht zu verhindern — es muss sie aktiv fördern und organisieren. Das umfasst die Koordination von Besuchsterminen, ggf. Fahrtkosten und die Einbindung in den Hilfeplan.

Mitwirkungspflicht der Pflegeeltern

Pflegeeltern sind verpflichtet, Geschwisterkontakte zu ermöglichen und zu unterstützen — auch wenn das bedeutet, die Geschwister in einer anderen Pflegefamilie zu besuchen oder deren Besuch zu ermöglichen. Eine Verweigerung ohne triftigen Kindeswohlgrund ist rechtswidrig.

Regelung im Hilfeplan

Geschwisterkontakte sollten verbindlich im Hilfeplan nach § 36 SGB VIII verankert sein — mit konkreten Angaben zu Häufigkeit, Ort, Begleitung und Kostenübernahme. Ohne schriftliche Regelung bleibt die Umsetzung dem Wohlwollen der Beteiligten überlassen.

Familiengericht als letzte Instanz

Wenn Geschwisterkontakte trotz bestehenden Rechts nicht stattfinden oder wenn Konflikte zwischen den beteiligten Familien entstehen, kann das Familiengericht angerufen werden. Es kann den Umgang verbindlich regeln oder im Extremfall einschränken, wenn das Kindeswohl es erfordert.

Geschwisterkontakt im Hilfeplan verankern

In der Hilfeplanbesprechung sollten Pflegeeltern darauf drängen, dass Geschwisterkontakte konkret und verbindlich geregelt werden. Gute Regelungen beantworten folgende Fragen:

Häufigkeit und Dauer

Wie oft finden Geschwisterkontakte statt — wöchentlich, monatlich, an Feiertagen? Wie lange dauern die Besuche? Klare Angaben verhindern spätere Konflikte.

Ort und Organisation

Wechseln die Familien sich beim Gastgeben ab? Werden Besuche an einem neutralen Ort organisiert? Wer transportiert die Kinder? Wer trägt die Fahrtkosten?

Kommunikation zwischen den Pflegefamilien

Wie tauschen sich die Pflegefamilien über die Kinder aus? Welche Informationen werden geteilt, welche bleiben intern? Klare Kommunikationsregeln verhindern Missverständnisse.

Umgang mit Konflikten

Was passiert, wenn ein Kontakt kurzfristig nicht stattfinden kann? Wer vermittelt bei Meinungsverschieden- heiten zwischen den beteiligten Familien?

Tipp

Versucht, eine gute Beziehung zur anderen Pflegefamilie aufzubauen. Pflegefamilien, die sich persönlich kennen und schätzen, ermöglichen ihren Pflegekindern weit mehr Geschwisterkontakt — spontan und unbürokratisch — als Familien, die nur formellen Kontakt über das Jugendamt kennen.

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Umgangsrecht & Besuchskontakte: Herkunftsfamilie und Pflegekind

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Herausforderungen bei Geschwistergruppen

Pflegefamilien, die mehrere Geschwister gemeinsam aufnehmen, stehen vor spezifischen Herausforderungen, die weit über die Verdoppelung oder Verdreifachung des normalen Pflegealltags hinausgehen. Diese Konstellationen verdienen besondere Beachtung.

1

Unterschiedliche Entwicklungsstände

Geschwister in der Pflegekinderhilfe weisen häufig sehr unterschiedliche Entwicklungsstände auf — selbst wenn der Altersunterschied gering ist. Vernachlässigung und traumatische Erlebnisse wirken sich auf die Entwicklung jedes Kindes individuell aus. Ein 8-jähriges Geschwisterkind kann emotional auf dem Niveau eines 4-Jährigen funktionieren, während sein 6-jähriges Geschwisterkind in bestimmten Bereichen bereits weiter entwickelt ist. Pflegeeltern brauchen ein hohes Maß an Flexibilität, um jedem Kind altersgerecht zu begegnen.

2

Parentifizierung erkennen und auflösen

Parentifizierung ist eines der häufigsten Phänomene bei Geschwistergruppen aus belasteten Familien: Das älteste Kind — manchmal schon ab dem Vorschulalter — hat die Rolle der betreuenden Person für die jüngeren Geschwister übernommen. Es wacht über ihre Sicherheit, tröstet sie in der Nacht, deckt Konflikte mit Erwachsenen ab. In der Pflegefamilie muss dieses Kind behutsam von dieser Last entbunden werden — ohne dass es das Gefühl bekommt, die Geschwister zu 'verlassen'. Das ist ein langer, feinfühliger Prozess, der oft therapeutische Begleitung braucht.

3

Rivalität und Konkurrenz

Geschwister, die gemeinsam traumatische Erfahrungen gemacht haben, kennen oft Überlebensstrategien, die im normalen Familienalltag problematisch wirken: gegenseitiges Konkurrieren um Nahrung, Zuwendung und Ressourcen. Was in einer Mangelsituation sinnvoll war, wirkt in der Pflegefamilie wie übertriebene Eifersucht oder Aggression. Pflegeeltern müssen verstehen, dass dieses Verhalten kein Charakterfehler ist, sondern eine Anpassungsreaktion an frühere Verhältnisse.

4

Traumatische Geschwisterdynamiken

In besonders belastenden Konstellationen kann es vorkommen, dass Missbrauch oder Gewalt nicht nur durch Erwachsene, sondern innerhalb der Geschwisterbeziehung stattgefunden hat. Übergriffe von Geschwistern gegeneinander sind ein ernstes Thema, das in der Pflegekinderhilfe häufig unterbelichtet bleibt. Wenn Hinweise auf übergriffiges Verhalten innerhalb einer Geschwistergruppe bestehen, braucht es fachliche Beratung und ggf. die Prüfung, ob eine gemeinsame Unterbringung noch dem Kindeswohl entspricht.

5

Logistische Belastung

Mehrere Geschwister bedeuten: mehrere Schulen oder Kitas, mehrere Ärzte und Fachärzte, mehrere Therapietermine, mehrere Hilfeplangespräche, mehrere Besuchskontakte zur Herkunftsfamilie mit ggf. unterschiedlichen Elternteilen. Die organisatorische Belastung für Pflegeeltern ist enorm und wird von außen oft unterschätzt. Entlastungsangebote — von Kurzzeitpflege bis Familienhilfe — sind keine Luxus, sondern notwendige Unterstützung.

Wichtig

Wenn ihr als Pflegefamilie bemerkt, dass übergriffiges Verhalten zwischen Geschwisterkindern stattfindet — ob körperlich, sexuell oder emotional —, wendet euch sofort an den Pflegekinderdienst. Das ist kein Versagen und keine Denunziation, sondern professionelles Handeln im Sinne aller betroffenen Kinder.

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Traumatisierte Pflegekinder begleiten

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Tipps für den Alltag mit Geschwistergruppen

Wer eine Geschwistergruppe aufnimmt, wählt einen anspruchsvollen, aber auch sehr bereichernden Weg. Kinder, die ihre Bindungen zueinander behalten dürfen, stabilisieren sich häufig gegenseitig und entwickeln oft eine bemerkenswerte Resilienz. Folgende Ansätze helfen, den Alltag zu gestalten.

Individuelle Aufmerksamkeit für jedes Kind

Jedes Geschwisterkind braucht regelmäßige Einzelzeit mit mindestens einem Pflegeelternteil. Auch 15–20 Minuten täglich, die ganz dem einzelnen Kind gehören, machen einen Unterschied. Das verhindert das Gefühl, in der Gruppe unterzugehen.

Eigene Bereiche und Rückzugsräume

Jedes Kind sollte — wenn räumlich möglich — einen eigenen Bereich haben, der nur ihm gehört. Das kann ein Bett mit persönlichem Regal sein, eine Schublade, eine Kiste. Eigentum zu haben und zu schützen ist ein fundamentales Sicherheitsbedürfnis.

Altersgerechte, individuelle Regeln

Einheitliche Regeln für alle Kinder sind verlockend einfach — aber pädagogisch falsch. Ein 4-Jähriger braucht andere Schlafzeiten als ein 9-Jähriger, andere Aufgaben, andere Freiheiten. Klare, individuell abgestimmte Regeln vermeiden das Gefühl der Ungerechtigkeit.

Rituale, die verbinden

Gemeinsame Mahlzeiten, ein wöchentliches Familienspiel, ein Ausflug im Monat — solche Rituale schaffen eine gemeinsame Identität als Familie. Sie geben allen Kindern Stabilität und die Erfahrung: Wir gehören zusammen.

Professionelle Unterstützung annehmen

Eine Geschwistergruppe zu begleiten übersteigt oft die Kapazitäten von Pflegeeltern allein — auch wenn sie sehr erfahren sind. Supervision, Familienhilfe, Therapeuten für einzelne Kinder und der Austausch mit anderen Pflegeeltern sind keine Zeichen von Schwäche, sondern von Professionalität.

Entlastungsangebote aktiv nutzen

Kurzzeitpflege, Freizeitangebote für einzelne Kinder, Unterstützung durch den Allgemeinen Sozialen Dienst oder Familienpatenschaften können die Pflegeeltern entlasten. Diese Angebote müssen aktiv beim Jugendamt eingefordert werden — wartet nicht, bis ihr an eure Grenzen stoßt.

Die Parentifizierung behutsam auflösen — praktische Schritte

  • Explizit kommunizieren: "Das ist jetzt unsere Aufgabe als Pflegeeltern — du musst das nicht mehr tun."
  • Das ältere Kind von Betreuungspflichten gegenüber den Geschwistern entlasten, ohne es als Ablehnung zu erleben
  • Dem Kind erlauben, ein Kind zu sein: eigene Interessen, eigene Freundschaften, eigene Freizeit ohne Verantwortungsgefühl
  • Würdigen, was das Kind für die Geschwister getan hat — diese Fürsorge war ein Überlebensmechanismus und verdient Respekt
  • Therapeutische Begleitung einbeziehen, wenn das Kind Schwierigkeiten hat, Verantwortung abzugeben
  • Die Geschwisterbindung stärken, ohne dass die alte Rollenverteilung reaktiviert wird

Tipp

Tauscht euch mit anderen Pflegefamilien aus, die Geschwistergruppen betreuen. Deren Erfahrungsschatz ist unbezahlbar — und das Bewusstsein, nicht allein zu sein, macht einen erheblichen Unterschied in schwierigen Phasen. Pflegeeltern-Selbsthilfegruppen und Fachverbände wie der PFAD e.V. bieten Vernetzungsmöglichkeiten.

Wenn Geschwister getrennt werden

Manchmal ist eine Trennung unvermeidbar. Für alle Beteiligten — die Kinder, die aufnehmenden Pflegefamilien und das Jugendamt — ist das eine emotional belastende Situation. Wie gut eine Trennung langfristig verarbeitet wird, hängt maßgeblich davon ab, wie die Kontaktpflege danach gestaltet wird.

Kontaktpflege zwischen den Pflegefamilien

Die beste Grundlage für dauerhaften Geschwisterkontakt ist eine gute Beziehung zwischen den beteiligten Pflegefamilien. Das klingt einfach, braucht in der Praxis aber bewusste Pflege: gegenseitige Besuche, gemeinsame Ausflüge, vielleicht gemeinsame Urlaube, regelmäßige Telefonate zwischen den Kindern.

Besuchsregelungen konkret gestalten

Vage Absprachen („wir melden uns bald“) zerfallen im Alltag. Besser: Feste Termine im Voraus vereinbaren — etwa jeden ersten Samstag im Monat oder alle sechs Wochen. Kalender-Apps, geteilte Terminplanung oder eine kurze WhatsApp-Gruppe zwischen den Familien können die Koordination erheblich vereinfachen.

Digitale Kontakte sinnvoll einsetzen

Videoanrufe, Sprachnachrichten und Fotos können persönliche Besuche ergänzen — besonders bei großen Entfernungen. Für kleine Kinder sind regelmäßige kurze Videoanrufe mit den Geschwistern oft wertvoller als seltene mehrstündige Besuche. Achtet darauf, dass digitale Kontakte nicht zur Belastung werden — kurz und positiv ist besser als lang und tränenreich.

Biografiearbeit: Wissen um die Geschwister bewahren

Kinder brauchen Wissen darüber, wer sie sind — und dazu gehören ihre Geschwister. Fotos, ein gemeinsames Erinnerungsbuch, Zeichnungen, kleine Geschenke der Geschwister: Diese Dinge bewahren die Verbindung auch dann, wenn Besuche selten sind. Pflegeeltern können diese Biografiearbeit aktiv unterstützen — etwa durch ein „Geschwister-Buch“, das gemeinsam mit dem Kind gepflegt wird.

Trauer um die Trennung zulassen

Kinder, die von Geschwistern getrennt wurden, trauern — auch wenn sie es nicht in Worte fassen können. Rückzug, Schlafstörungen, Weinen nach Kontakten oder gesteigerte Anhänglichkeit können Ausdruck dieser Trauer sein. Pflegeeltern helfen am meisten, indem sie die Trauer benennen, anerkennen und aushalten — ohne sie wegzureden oder zu beschleunigen.

Gut zu wissen

Wenn Geschwister in verschiedenen Pflegefamilien leben, können gemeinsame Erlebnisse — ein gemeinsamer Geburtstag, ein Ausflug zu Weihnachten — besonders bedeutsam sein. Solche Momente schaffen gemeinsame Erinnerungen, die Geschwisterbindungen über Jahre hinweg nähren.

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Pflegekind und Herkunftsfamilie — die Balance finden

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Finanzielle Aspekte bei Geschwistergruppen

Mehrere Pflegekinder bedeuten finanziell mehr Leistungen — aber auch erheblich mehr Ausgaben. Ein realistischer Überblick über die finanzielle Seite hilft Pflegefamilien, informierte Entscheidungen zu treffen.

Pflegegeld nach § 39 SGB VIII

Für jedes Pflegekind wird individuelles Pflegegeld gezahlt. Es setzt sich zusammen aus dem Sachkostenbeitrag (Unterhaltsbeitrag für das Kind) und dem Erziehungsbeitrag (Anerkennung der Pflegeleistung). Beide Anteile werden für jedes Pflegekind gesondert gezahlt.

Geschwisterbonus und erhöhte Pauschalen

Manche Jugendämter gewähren Pflegefamilien, die Geschwister gemeinsam aufnehmen, erhöhte Vergütungssätze oder einen separaten Geschwisterbonus. Dies ist nicht bundesweit einheitlich geregelt — Regelungen variieren zwischen den Bundesländern und einzelnen Jugendämtern erheblich.

Kindergeld und Kinderzuschlag

Pflegeeltern können für Pflegekinder in der Regel Kindergeld beantragen — wenn das Kind dauerhaft bei ihnen lebt und kein anderer vorrangiger Anspruch besteht. Der Kinderzuschlag (bis zu 250 € je Kind) kann zusätzlich beantragt werden, wenn Pflegeeltern eigene Kinder haben und bestimmte Einkommensgrenzen gelten.

Wohnraumanforderungen

Für jedes Pflegekind wird ausreichend Wohnraum erwartet. Geschwister können zwar ein Zimmer teilen, sollten aber ausreichend Platz haben. Jugendämter haben unterschiedliche Anforderungen — ein Eigenheim oder größeres Mietobjekt ist bei Geschwistergruppen oft Voraussetzung der Pflegeeignung.

Erhöhten Bedarf aktiv anerkennen lassen

Geschwistergruppen aus belasteten Verhältnissen haben oft erhöhten Förderbedarf: mehr Therapiestunden, besondere Schulmaterialien, Nachhilfe, spezielle Ernährung oder Hilfsmittel. Dieser Mehrbedarf kann als Zusatzleistung nach § 39 Abs. 4 SGB VIII beantragt werden. Pflegeeltern sollten:

  • Alle Sonderausgaben genau dokumentieren

  • Den erhöhten Bedarf frühzeitig im Hilfeplan benennen

  • Schriftlich beim Jugendamt beantragen, dass besondere Aufwendungen übernommen werden

  • Bei Ablehnung Widerspruch einlegen — und ggf. rechtliche Beratung in Anspruch nehmen

Gut zu wissen

Das Pflegegeld ist steuerfrei, soweit es den tatsächlichen Sachaufwand für das Kind abdeckt. Der Erziehungsbeitrag (Betreuungsanteil) kann unter bestimmten Voraussetzungen ebenfalls steuerfrei sein. Für eine individuelle steuerliche Beratung empfiehlt sich ein Steuerberater mit Erfahrung im Pflegekinderwesen.

Ausführlicher Ratgeber

Pflegegeld 2026: Höhe nach Bundesland & Altersgruppe

Aktuelle Pflegegeldsätze, Sachkostenpauschalen und alle Zusatzleistungen für Pflegeeltern im Überblick.

Häufige Fragen zu Geschwistern in Pflege

Muss das Jugendamt Geschwister zusammen unterbringen?

Es gibt keinen absoluten Rechtsanspruch auf gemeinsame Unterbringung, aber § 1626 BGB und die UN-Kinderrechtskonvention Art. 8 betonen das Recht auf Wahrung familiärer Bindungen. Das Jugendamt muss im Einzelfall begründen, warum eine Trennung der Geschwister dem Kindeswohl besser dient als eine gemeinsame Unterbringung. Der Grundsatz lautet: gemeinsam, wenn immer möglich.

Kann ich als Pflegefamilie eine Geschwistergruppe aufnehmen?

Ja, wenn die räumlichen, zeitlichen und persönlichen Kapazitäten vorhanden sind. Das Jugendamt prüft die Eignung für Geschwistergruppen besonders sorgfältig, weil der Betreuungsaufwand erheblich steigt. Manche Jugendämter bieten erhöhte Vergütungssätze oder einen Geschwisterbonus für Pflegefamilien an, die Geschwister gemeinsam aufnehmen. Ein ausreichend großer Wohnraum ist in der Regel Voraussetzung.

Hat mein Pflegekind ein Recht, seine Geschwister zu sehen?

Ja. § 1685 Abs. 1 BGB räumt Geschwistern ein eigenes Recht auf Umgang miteinander ein, sofern dies dem Kindeswohl dient. Auch getrennt untergebrachte Geschwister haben Anspruch auf regelmäßigen Kontakt. Pflegeeltern sind verpflichtet, diesen Kontakt zu ermöglichen und aktiv zu unterstützen. Die genaue Ausgestaltung wird im Hilfeplan festgelegt. Bei Konflikten entscheidet das Familiengericht.

Was ist Parentifizierung und wie gehe ich damit um?

Parentifizierung bezeichnet die Umkehrung der Eltern-Kind-Rolle: Ein älteres Kind übernimmt Verantwortung und Fürsorgeaufgaben für jüngere Geschwister, die eigentlich Erwachsene tragen sollten. In Pflegefamilien ist es wichtig, das betroffene Kind behutsam von dieser Verantwortung zu entlasten — ohne die Geschwisterbindung zu beschädigen. Das bedeutet: klare Botschaften, dass Fürsorge Aufgabe der Pflegeeltern ist, Raum für eigene Kindheit geben und ggf. therapeutische Unterstützung einzubeziehen.

Bekomme ich für Geschwisterkinder mehr Pflegegeld?

Für jedes Pflegekind wird ein individuelles Pflegegeld nach § 39 SGB VIII gezahlt — die Geschwister erhalten also jeweils eigene Leistungen. Manche Jugendämter gewähren darüber hinaus einen Geschwisterbonus oder erhöhte Sachkostenpauschalen bei Geschwistergruppen, um den höheren Betreuungsaufwand anzuerkennen. Kinderzuschlag und weitere Kindergeldleistungen können zusätzlich beantragt werden. Die genaue Ausgestaltung ist Ländersache und variiert zwischen den Jugendämtern.

Den Pflegealltag mit Geschwistern organisieren

Pflegeeltern.Space bietet euch Werkzeuge für die strukturierte Begleitung von Geschwistergruppen: Terminmanagement, Dokumentation, Hilfeplanbesprechungen und den Austausch mit anderen Pflegeeltern.

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