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Praxis

Feiertage & besondere Anlässe
mit Pflegekind einfühlsam gestalten

Weihnachten, Geburtstage, Muttertag — was für viele Familien das schönste des Jahres bedeutet, kann für Pflegekinder zum emotionalen Ausnahmezustand werden. Verstehen, warum das so ist, macht es leichter, gemeinsam durch diese besonderen Tage zu gehen.

12 Min. LesezeitAktualisiert: Februar 2026

Warum Feiertage für Pflegekinder emotional aufgeladen sind

Feiertage sind gesellschaftliche Kulminationspunkte: Jeder erwartet, dass sie schön sind. Werbung, Schule, Familie — alle senden die gleiche Botschaft: Weihnachten ist die Zeit der Geborgenheit, Geburtstage sind Freudenfeste, Muttertag ist herzlich. Für Pflegekinder kann genau dieser Erwartungsdruck zur emotionalen Zerreißprobe werden.

Feste lösen Erinnerungen aus — an Zeiten, die vielleicht schmerzhaft waren, an Menschen, die fehlen, an eine Familie, die nicht funktioniert hat. Das Kind fragt sich innerlich: "Feiert meine echte Mama auch gerade?" "Warum bin ich nicht dort?" "Darf ich hier überhaupt glücklich sein?" Diese Fragen muss das Kind nicht laut stellen — sie sind trotzdem da.

Verlustgefühle werden aktiviert

Feste erinnern Pflegekinder an das, was sie nicht hatten oder verloren haben. Weihnachten in der Herkunftsfamilie — war es schön oder war es chaotisch? Beides hinterlässt Spuren. Das Fehlen der leiblichen Familie wird an Feiertagen besonders spürbar.

Loyalitätskonflikte spitzen sich zu

Darf ich mit den Pflegeeltern Weihnachten genießen, wenn meine echten Eltern vielleicht alleine sind? Diese unbewusste Frage kann das Kind lähmen, auch wenn es kein einziges Wort darüber verliert.

Gesellschaftlicher Erwartungsdruck

Alle müssen glücklich sein. Dieser Druck überträgt sich auf das Kind — und auf die Pflegeeltern. Wer nicht strahlt, gilt als undankbar oder schwierig. Das macht es beiden Seiten schwerer, ehrlich zu sein.

Körpererinnerungen und Trigger

Gerüche, Lieder, Rituale können Kindheitserinnerungen triggern — positive wie negative. Der Geruch von Weihnachtsgebäck kann Geborgenheit wecken, aber auch Chaos und Angst aus früheren Jahren.

Wichtig

Die emotionalen Reaktionen eures Pflegekindes an Feiertagen sind keine Undankbarkeit und kein Trotz. Sie sind Ausdruck einer komplexen inneren Welt, in der Verlust, Sehnsucht, Loyalität und Zugehörigkeit miteinander ringen. Je mehr Raum ihr diesen Gefühlen gebt, desto sicherer fühlt sich das Kind.

Pflegeeltern, die Feiertage mit diesem Wissen angehen, können den Druck von sich selbst und vom Kind nehmen. Es geht nicht darum, perfekte Feste zu gestalten — es geht darum, ehrlich und präsent zu sein. Das ist das Schönste, was ihr eurem Pflegekind an solchen Tagen schenken könnt.

Weihnachten mit Pflegekind

Weihnachten gilt kulturell als das emotionalste Fest des Jahres. Für Pflegekinder kann diese emotionale Dichte zur Überforderung werden. Gleichzeitig ist Weihnachten eine Chance: Rituale, Vorhersehbarkeit und Gemeinschaft sind genau das, was traumatisierte Kinder brauchen — wenn sie nicht erzwungen werden.

Erwartungen bewusst runterschrauben

Der erste Schritt ist der wichtigste: Entscheidet als Pflegeeltern bewusst, dass dieses Weihnachten kein Bilderbuch-Weihnachten sein muss. Das Kind muss nicht strahlen, muss nicht begeistert sein und muss nicht "dankbar" wirken. Wenn ihr diesen inneren Druck ablegt, überträgt sich das auf das Kind.

Tipp

Sprecht vor der Adventszeit offen miteinander — als Pflegeelternteam. Was sind eure eigenen Erwartungen an Weihnachten? Welche Traditionen sind euch wichtig, und welche könntet ihr loslassen? Je klarer ihr selbst seid, desto flexibler könnt ihr auf das Kind eingehen.

Eigene Rituale einführen — mit Raum für die Geschichte des Kindes

Rituale geben Sicherheit. Der Adventskalender, das gemeinsame Plätzchen-Backen, das Aufhängen der Strümpfe — diese kleinen Wiederholungen sind nicht banal, sondern tiefgreifend: Sie sagen dem Kind "Hier ist es verlässlich. Hier weißt du, was kommt."

Achtet dabei darauf, das Kind in die Gestaltung einzubeziehen. "Was möchtest du gerne dieses Jahr machen?" gibt dem Kind Kontrolle und Würde. Wenn es nichts beitragen möchte, ist auch das ein wichtiges Signal.

Adventszeit: Rituale die Sicherheit geben

Kleine, verlässliche Rituale im Advent schaffen Struktur: ein Adventskalender, Kerzen anzünden, gemeinsames Backen oder Basteln. Wichtig ist die Regelmäßigkeit — nicht die Größe des Rituals. Kinder mit schwierigen Vorerfahrungen brauchen Vorhersagbarkeit.

Keine Geschenkeflut — Scham vermeiden

Zu viele Geschenke können bei Pflegekindern Scham und Überforderung auslösen: "So viel habe ich noch nie bekommen." Weniger ist oft mehr. Besprecht mit Verwandten im Vorfeld, dass maßvolle Geschenke herzlicher ankommen als Überfluss.

Raum für Trauer und Sehnsucht lassen

Wenn das Kind an Heiligabend still wird oder weint, zieht es sich zurück: Gebt ihm Raum. Setzt euch neben es, ohne zu drängen. "Ich bin hier" ist oft mächtiger als jede Ablenkung. Ihr dürft auch eine Kerze für die Herkunftsfamilie anzünden — das gibt dem Gefühl einen Ort.

Umgangstermine rechtzeitig klären

Weihnachten kann Umgangstermine mit der Herkunftsfamilie beinhalten. Plant diese früh — idealerweise schon im Oktober oder November — gemeinsam mit dem Jugendamt und dem Pflegekinderdienst. Unklarheit kurz vor dem Fest belastet das Kind und euch.

Gut zu wissen

Manche Pflegekinder hatten vor der Aufnahme gar keine stabilen Weihnachtserfahrungen. Für sie ist auch das Schönste neu und unbekannt — und damit potenziell beängstigend. Gebt eurem Pflegekind Zeit, Weihnachten zu lernen, ohne Erwartung, dass es sofort glücklich damit ist.

Ausführlicher Ratgeber

Eingewöhnung des Pflegekindes: Die ersten Monate

Wie Bindungsaufbau gelingt und was Pflegekinder in der Anfangszeit besonders brauchen.

Geburtstag des Pflegekindes — oft das schwerste Fest

Der Geburtstag ist für viele Pflegekinder das emotional schwierigste Fest des Jahres — und das überrascht viele Pflegeeltern. Der Geburtstag ist der Tag, an dem das Kind geboren wurde. Er ist untrennbar mit der Person verbunden, die es zur Welt gebracht hat: der leiblichen Mutter. Auch wenn das Kind diese Mutter kaum kennt oder nie kennengelernt hat, ist der Geburtstag ein Tag, der ihre Abwesenheit besonders spürbar macht.

Hinzu kommt: Viele Pflegekinder verbinden ihren Geburtstag mit Trennungen und Umbrüchen. Ein Geburtstag in einer neuen Pflegefamilie, kurz nach der Inobhutnahme, kann regelrecht schmerzhaft sein. Kinder die mehrere Pflegefamilien erlebt haben, kennen oft unterschiedliche Arten, wie ihr Geburtstag "begangen" oder auch ignoriert wurde.

Wie ihr den Geburtstag gestalten könnt

1

Das Kind fragen — und seine Antwort respektieren

Fragt euer Pflegekind, wie es seinen Geburtstag verbringen möchte. Manche Kinder wollen eine große Feier, andere wollen nur einen ruhigen Tag mit euch. Manche wollen gar nichts. Alle drei Antworten sind richtig und verdienen Respekt.

2

Emotionale Reaktionen zulassen

Wenn das Kind am eigenen Geburtstag weint, zornig ist oder sich zurückzieht — das ist kein Zeichen, dass ihr etwas falsch gemacht habt. Gebt den Gefühlen Raum. Ein kurzes 'Ich bin hier, egal wie du dich fühlst' kann mehr bedeuten als jede Party.

3

Die leibliche Mutter bewusst einbeziehen

Ein Lebensbuch-Eintrag oder ein kurzer Satz: 'An deinem Geburtstag denken wir auch an deine erste Mama — sie hat dich zur Welt gebracht.' Das gibt dem Kind das Signal: Deine Herkunft darf hier existieren. Das ist keine Konkurrenz zu euch, sondern Integrität.

4

Keine überladene Party wenn das Kind es nicht will

Eine große Kindergeburtstagsparty kann für ein belastetes Kind Stress bedeuten, keine Freude. Plant lieber etwas Überschaubares — ein Ausflug zu zweit, ein Lieblingsessen, ein ruhiger Abend. Qualität vor Quantität.

Der "Ankomm-Tag" als Alternative

Manche Pflegefamilien feiern zusätzlich zum Geburtstag den Tag, an dem das Kind in ihre Familie gekommen ist — den sogenannten "Ankomm-Tag" oder "Willkommenstag". Dieser Tag gehört ganz dem Kind in seiner Pflegefamilie, ohne die komplizierte Verknüpfung mit der Geburt und der leiblichen Mutter.

Wichtig: Nur wenn das Kind es möchte. Niemals als Ersatz für den Geburtstag, sondern als ergänzendes Ritual, das das Kind selbst bedeutungsvoll finden kann. Fragt, ob das Kind den Tag kennen und vielleicht irgendwie begehen möchte — und lasst es auch ablehnen.

Tipp

Führt ein Fotoalbum oder Lebensbuch-Eintrag zu jedem Geburtstag. "Heute bist du X Jahre alt. Das haben wir zusammen erlebt." Dieses Dokument der gemeinsamen Jahre ist eines der wertvollsten Geschenke, die ihr eurem Pflegekind machen könnt — es bezeugt, dass sein Leben wichtig ist und dass jemand hingeschaut hat.

Muttertag und Vatertag — wenn das Basteln zur Qual wird

Muttertag und Vatertag sind für Pflegekinder besonders herausfordernd — und das wird im Alltag häufig unterschätzt. Das Kind sitzt in der Kita oder Schule und soll eine Karte basteln. Für wen? Für die Pflegemutter, die es versorgt? Für die leibliche Mutter, die es vermisst? Für beide? Diese scheinbar einfache Bastelfrage berührt den Kern des Loyalitätskonflikts.

Proaktiv mit Kita und Schule sprechen

Wartet nicht, bis das Kind mit einem zerknüllten Bastelprojekt nach Hause kommt. Sprecht schon Wochen vorher mit den Erzieherinnen oder Lehrern. Ein kurzes Gespräch reicht: "Unser Pflegekind hat zwei Elternfiguren in seinem Leben — könnten wir kurz besprechen, wie Muttertags-Projekte gestaltet werden?"

Viele pädagogische Fachkräfte sind inzwischen sensibilisiert und bieten alternative Projekte an. "Lieblingsmenschen-Tag" oder "Menschen, die für mich da sind" sind inklusive Alternativen, die alle Familienformen abbilden können.

Wenn das Kind für beide Mütter basteln möchte: unterstützen

Manche Kinder möchten für Pflegemutter und leibliche Mutter basteln. Das ist wunderbar — unterstützt es dabei aktiv und ohne Kommentar. Kein "Bist du dir sicher?" oder "Deine Mama sieht das vielleicht nie." Einfach: "Das ist eine tolle Idee."

Wenn das Kind gar nicht basteln möchte: akzeptieren

Kein Druck. Kein "Aber das macht doch jedes Kind." Das Kind darf Muttertag komplett ignorieren — das ist kein Zeichen mangelnder Bindung zu euch, sondern Selbstschutz in einer überwältigenden Situation.

Gefühle ernst nehmen und Worte anbieten

"Muttertag ist manchmal ein komischer Tag, oder? Du hast ja mehrere Menschen, die für dich da sind — und das kann sich seltsam anfühlen." Solche Sätze öffnen Türen, ohne Druck zu machen.

Gut zu wissen

Als Pflegeelternteil dürft ihr euch an Muttertag oder Vatertag auch etwas wünschen und freuen — ohne schlechtes Gewissen. Ihr seid die Person, die täglich da ist. Das hat Wert und verdient Anerkennung. Beide Wahrheiten können nebeneinander bestehen: euer Einsatz ist real, und das Kind vermisst trotzdem die leiblichen Eltern.

Ausführlicher Ratgeber

Herkunftsfamilie des Pflegekindes: Rolle, Kontakt & Loyalitätskonflikte

Wie Pflegeeltern die Herkunftsfamilie einbeziehen und Loyalitätskonflikte begleiten.

Einschulung, Kommunion und Konfirmation

Meilensteine im Leben eines Kindes sind besondere Anlässe — und gleichzeitig besondere Herausforderungen im Pflegeverhältnis. Denn bei diesen Festen stellt sich unweigerlich die Frage: Wer gehört dazu? Wer sitzt in der ersten Reihe? Wer wird auf dem Foto stehen? Diese Fragen sind nicht trivial — sie berühren die gesamte Dynamik zwischen Pflegefamilie, Herkunftsfamilie und Kind.

Einschulung: Wer kommt dazu?

Die Einschulung ist ein Foto-Moment, der für das ganze Leben bleibt. Ob die Herkunftseltern eingeladen werden, hängt von der Umgangsregelung im Hilfeplan und von der konkreten Situation ab. Wenn Kontakt besteht und positiv gestaltet werden kann, kann die Anwesenheit der leiblichen Eltern für das Kind bedeutsam sein. Bei konflikthaftem Kontakt kann eine parallele Feier sinnvoller sein.

Sprecht diese Frage früh — mindestens drei Monate vorher — mit dem Pflegekinderdienst und dem Jugendamt. Bezieht das Kind ein, wenn es alt genug ist: "Wen möchtest du an deinem Schultag dabei haben?" Dessen Wunsch sollte das stärkste Gewicht haben.

Kommunion und Konfirmation: Rechtliche und emotionale Aspekte

Bei kirchlichen Feiern wie Kommunion oder Konfirmation kommen religiöse, familiäre und rechtliche Fragen zusammen. Wer entscheidet, ob das Kind an der Vorbereitung teilnimmt? Das hängt vom Sorgerecht ab: Bei ruhendem elterlichem Sorgerecht können Pflegeeltern diese Entscheidung oft eigenständig treffen. Bei gemeinsamem oder geteiltem Sorgerecht ist die Zustimmung der Herkunftseltern erforderlich.

Wichtige Fragen bei Kommunion und Konfirmation:

Wer hat das Sorgerecht in Fragen der Religionszugehörigkeit — und stimmt es mit der Konfession der Pflegefamilie überein?

Werden die leiblichen Eltern eingeladen? Wenn ja: Wie wird der Ablauf der Feier geplant, um Konflikte zu vermeiden?

Wer übernimmt die Patenschaft? Bei Konfirmation: Wer soll Pate sein — und ist das mit allen Beteiligten abgesprochen?

Wie wird das Kind auf mögliche Fragen von Verwandten oder Kirchenmitgliedern vorbereitet?

Wie wird die Situation im Hilfeplan berücksichtigt — welche Vorgaben gibt es?

Wichtig

Klärt rechtliche Fragen zu Meilensteinfesten niemals allein — immer mit dem Pflegekinderdienst und ggf. dem Vormund des Kindes. Fehler bei Sorgerechts- und Religionsfragen können rechtliche Konsequenzen haben und das Verhältnis zur Herkunftsfamilie belasten.

Ausführlicher Ratgeber

Der Hilfeplan für das Pflegekind: Was Pflegeeltern wissen müssen

Was im Hilfeplan steht, wie er entsteht und wie ihr als Pflegeeltern aktiv mitwirkt.

Traditionen der Herkunftsfamilie respektieren

Nicht jede Pflegefamilie und Herkunftsfamilie teilt dieselbe kulturelle oder religiöse Tradition. Wenn ein Kind aus einer muslimischen Familie in eine christliche Pflegefamilie kommt, oder aus einer osteuropäisch-orthodoxen Familie in eine konfessionslose — dann prallen nicht nur Feste aufeinander, sondern ganze Weltbilder und Identitäten.

Integration statt Verdrängung ist der Leitsatz. Das Kind soll nicht entscheiden müssen, welche Tradition "richtig" ist. Es darf beides kennen, beides erleben und selbst herausfinden, was ihm bedeutsam ist. Das kostet Flexibilität — aber es bewahrt die Integrität des Kindes.

Ramadan und islamische Feste

Wenn das Kind aus einer muslimischen Familie kommt, kennt es möglicherweise Ramadan, Id al-Fitr oder Id al-Adha. Informiert euch über die Bedeutung dieser Feste. Je nach Alter kann das Kind am Fasten teilnehmen oder zumindest den besonderen Charakter des Monats erleben. Kontakt zur Herkunftsfamilie an Festtagen kann sinnvoll sein.

Orthodoxe Feiertage

Orthodoxe Weihnachten (Januar) und Ostern fallen auf andere Termine als im westlichen Christentum. Für ein Kind aus orthodoxem Haus kann es bedeutsam sein, diese Feste zu kennen. Ein kleines Ritual, ein besonderes Essen oder ein Telefonat mit der Herkunftsfamilie an diesen Tagen kann helfen.

Chanukka und jüdische Feste

Jüdische Feste wie Chanukka, Pessach oder Rosch ha-Schana haben tiefe Bedeutung für Identität und Gemeinschaft. Wenn das Kind aus einem jüdischen Elternhaus kommt, verdienen diese Traditionen Respekt und Raum — auch wenn die Pflegefamilie sie nicht teilt.

Kulturelle Nationalfeiertage

Kinder aus Migrantenfamilien kennen oft Nationalfeiertage ihrer Herkunftsländer — türkische Kinder feiern vielleicht den Kindertag am 23. April, rumänische Kinder den Nationalfeiertag am 1. Dezember. Solche Feste sind Identitätsanker. Sie zu kennen und zu respektieren stärkt das Kind.

Biografiearbeit: "In deiner ersten Familie wurde X gefeiert"

Wenn ihr wisst, welche Feste in der Herkunftsfamilie begangen wurden, tragt das ins Lebensbuch ein. Ein Satz wie "In deiner ersten Familie wurde Ramadan gefeiert — das gehört zu deiner Geschichte" gibt dem Kind das Gefühl: Ich darf wissen, woher ich komme. Meine Herkunft ist nicht beschämend.

Das erfordert keine vollständige Übernahme der Tradition in die Pflegefamilie. Aber Wissen, Respekt und ein offenes Gespräch darüber — das ist möglich und wertvoll.

Tipp

Fragt beim Pflegekinderdienst oder beim Jugendamt nach, welche kulturellen und religiösen Hintergründe die Herkunftsfamilie hat. Diese Information sollte bei der Vermittlung übergeben werden — wenn nicht, fragt aktiv nach. Ein Kind sollte nicht aufwachsen, ohne seine eigene Herkunftskultur zu kennen.

Ausführlicher Ratgeber

Biografiearbeit mit Pflegekindern: Das Lebensbuch

Wie Pflegeeltern die Geschichte des Kindes bewahren und Identitätsentwicklung stärken.

Praktische Tipps für alle Feiertage

Unabhängig davon, welches Fest ansteht — bestimmte Grundsätze helfen immer. Diese Checkliste ist kein Pflichtprogramm, sondern eine Orientierung, die ihr eurem eigenen Kind und eurer eigenen Situation anpassen könnt.

Vorhersehbarkeit schaffen — rechtzeitig planen

Erzählt dem Kind frühzeitig, was passieren wird. "Nächste Woche ist Weihnachten. Wir werden morgens zusammen frühstücken, dann X, dann Y." Ungewissheit ist für traumatisierte Kinder belastend. Struktur und Ankündigung geben Sicherheit.

Rückzugsmöglichkeit einplanen

Macht dem Kind klar, dass es sich jederzeit zurückziehen darf — in sein Zimmer, auf die Couch, in eine Decke. Es braucht keine Erklärung dafür. Der Rückzug ist kein Versagen, sondern Selbstregulation.

Nicht überfordern — Gäste und Lautstärke begrenzen

Große Familientreffen mit vielen Verwandten können für Pflegekinder überwältigend sein. Plant Feste überschaubar, besonders in den ersten Jahren. Bereitet Verwandte vor: "Bitte keine direkte Fragerei über die Herkunft oder die Vergangenheit des Kindes."

Umgangskontakte frühzeitig klären

Wenn Weihnachten oder ein Geburtstag mit einem Umgangstermin zusammenfällt, klärt das Monate im Voraus. Last-minute-Änderungen destabilisieren das Kind. Plant Übergaben so, dass das Kind an beiden Orten einen würdigen Rahmen erlebt.

Eigene Kinder einbeziehen

Wenn ihr leibliche Kinder habt: Sprecht mit ihnen vorab darüber, dass Feste für das Pflegekind manchmal anders sind. Kinder verstehen mehr als man denkt, wenn man ehrlich mit ihnen spricht. Das schützt das Pflegekind vor unverhofften Fragen und gibt den eigenen Kindern Orientierung.

Fotoalbum und Lebensbuch ergänzen

Jedes Fest ist ein Eintrag wert. Fotos, ein kurzer Satz, vielleicht ein Zettel, den das Kind selbst geschrieben hat — das Lebensbuch dokumentiert, dass dieses Kind eine Geschichte hat und dass jemand dabei war.

Selbstfürsorge nicht vergessen

Feiertage sind auch für Pflegeeltern anstrengend — emotional und logistisch. Plant Auszeiten für euch ein. Tauscht euch mit anderen Pflegeeltern aus. Ihr könnt nur dann gut für das Kind da sein, wenn ihr selbst nicht am Limit seid.

Was Pflegekinder an Feiertagen wirklich brauchen

Sicherheit

Das Gefühl: Hier bin ich willkommen, auch wenn ich traurig bin.

Ehrlichkeit

Das Wissen: Meine Gefühle sind real und dürfen sein.

Präsenz

Die Erfahrung: Jemand ist da, wenn es schwer wird.

Ausführlicher Ratgeber

Pflegekind und eigene Kinder: Geschwisterdynamik

Wie das Zusammenleben von Pflegekind und leiblichen Kindern gelingt — Tipps für den Alltag.

Häufige Fragen zu Feiertagen mit Pflegekind

Mein Pflegekind ist an Weihnachten traurig — was kann ich tun?

Trauer zulassen ist das Wichtigste. Versucht nicht, die Trauer wegzufröhlichen oder das Kind abzulenken. Signalisiert stattdessen: 'Es ist völlig okay, wenn du an deine erste Familie denkst.' Ihr könnt gemeinsam eine Kerze anzünden — für die Herkunftsfamilie, die gerade nicht da ist. Das gibt dem Kind das Gefühl, dass seine Gefühle Platz haben. Wichtig: Kein Erwartungsdruck, dass alle glücklich sein müssen. Weihnachten darf auch stiller, ruhiger und trauriger sein als erwartet.

Soll ich die Herkunftseltern zum Geburtstag einladen?

Das hängt maßgeblich von der Umgangsregelung im Hilfeplan ab und davon, wie der Kontakt zur Herkunftsfamilie gestaltet ist. Wenn Umgangskontakte bestehen und das Kind davon profitiert, kann ein kurzer Besuch oder ein Telefonat am Geburtstag sinnvoll sein. Bei konfliktbelastetem Kontakt oder wenn das Kind dadurch destabilisiert wird, sind getrennte Feiern die bessere Wahl. Bezieht in jedem Fall das Jugendamt ein und fragt das Kind — wenn es alt genug ist — nach seinen Wünschen.

Wie gehe ich mit Muttertag in der Kita um?

Sprecht proaktiv und frühzeitig mit den Erzieherinnen. Viele Kitas sind inzwischen sensibilisiert und bieten alternative Projekte an, wie einen 'Lieblingsmenschen-Tag'. Wenn das Kind für beide Mütter etwas basteln möchte, unterstützt es dabei aktiv und ohne Kommentar. Wenn es nicht basteln möchte, akzeptiert das ohne Druck. Das Ziel ist, dass das Kind nie das Gefühl hat, zwischen Müttern wählen oder sich rechtfertigen zu müssen.

Mein Pflegekind will seinen Geburtstag nicht feiern — muss ich das akzeptieren?

Ja. Nicht jedes Kind verbindet den Geburtstag mit Freude. Für viele Pflegekinder ist der eigene Geburtstag ein Tag, der an Verlust und Trennungen erinnert. Erzwingt keine Feier. Als Alternative könnt ihr — wenn das Kind möchte — einen 'Ankomm-Tag' oder 'Willkommenstag' feiern: den Tag, an dem das Kind in eure Familie kam. Dieser Tag ist oft positiver besetzt und gehört ganz dem Kind in der Pflegefamilie.

Wie erkläre ich meiner Familie, warum unser Pflegekind an Feiertagen anders reagiert?

Ehrlich und einfach: 'Feiertage erinnern unser Pflegekind daran, dass sein Leben anders verlaufen ist als das anderer Kinder. Es braucht manchmal Rückzug und Verständnis — das ist keine Unhöflichkeit, sondern Selbstschutz.' Verwandte müssen nicht die gesamte Geschichte des Kindes kennen, aber sensibilisiert sein. Bittet sie, keine überschwänglichen Erwartungen zu haben, das Kind nicht mit Fragen zu bestürmen und ihm Raum zu lassen, wenn es ihn braucht.

Ihr seid nicht allein mit diesen Momenten

In unserer Community tauschen sich Pflegeeltern offen über die schwierigen wie die schönen Momente aus — auch und gerade rund um Feiertage. Kommt dazu und findet Menschen, die wirklich verstehen, was ihr erlebt.

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