Ernährung und Essverhalten
bei Pflegekindern
Für viele Pflegekinder ist Essen kein neutrales Thema — es ist ein Sicherheitsthema. Hunger war vielleicht einmal Alltag. Dieser Ratgeber erklärt, warum Essprobleme entstehen, was hinter Essenshorten und gierigem Essen steckt, und wie du als Pflegeelternteil den Essalltag zu einem heilsamen Erlebnis gestalten kannst.
Warum Essen für Pflegekinder ein emotionales Thema ist
Essen ist für die meisten Menschen ein alltäglicher, größtenteils neutraler Vorgang. Für viele Pflegekinder ist das grundlegend anders. Wer in den ersten Lebensjahren Hunger erlebt hat, wer nicht wusste, ob am nächsten Tag Nahrung auf dem Tisch steht, für den ist Essen kein Genussthema — es ist ein Überlebenssthema.
Das Nervensystem eines Kleinkindes lernt durch Wiederholung. Wenn Hunger regelmäßig nicht gestillt wird, entsteht ein tief verankertes Muster: Nahrung ist knapp, Versorgung ist unzuverlässig. Dieses Muster bleibt auch dann aktiv, wenn das Kind längst in einer Pflegefamilie lebt, die mehr als genug Essen anbietet. Das Gehirn reagiert immer noch auf alte Signale — nicht aus Trotz oder Bosheit, sondern weil das so gelernt wurde.
Der Zusammenhang zwischen Bindung und Essen
In der Bindungstheorie gilt das Füttern als einer der ersten und wichtigsten Bindungsakte überhaupt. Eine feinfühlige Bezugsperson erkennt den Hunger des Säuglings, reagiert prompt und zuverlässig, hält Körperkontakt und stimmt sich emotional ein. Dieses gemeinsame Erleben legt die Grundlage für das Urvertrauen: „Ich werde gesehen, ich werde versorgt, die Welt ist sicher."
Wurde diese frühe Erfahrung gestört — durch Vernachlässigung, suchtbedingte Unzuverlässigkeit der Eltern oder frühe Trennung — ist die Beziehung zum Essen oft dauerhaft belastet. Essen aktiviert dann nicht Entspannung und Genuss, sondern Angst, Vigilanz und Kontrollbedürfnis.
Essen als Angstthema
Das Kind hat gelernt: Essen ist unzuverlässig. Angst vor Hunger bleibt aktiv, auch wenn objektiv genug vorhanden ist. Der Körper handelt nach alten Erfahrungen.
Essen als Kontrolle
Wo das Kind sonst wenig Kontrolle hatte, kann Essen eine der wenigen Stellen sein, an denen es Macht ausübt: durch Verweigerung, durch Auswahl, durch Timing.
Essen als Trost
Wenn emotionale Bedürfnisse nicht verlässlich gestillt wurden, kann Essen zur Ersatz-Beruhigung werden. Besonders Süßes aktiviert kurzfristig das Belohnungssystem.
Essen als Bindungstest
Manche Kinder testen durch Essverhalten, ob die Pflegeeltern verlässlich sind: „Wenn ich alles verweigere — bleiben sie trotzdem ruhig und bieten morgen wieder an?"
Gut zu wissen
Häufige Essprobleme bei Pflegekindern
Das Spektrum an Essproblemen, das Pflegeeltern begegnet, ist breit. Manche Muster sind unmittelbar erkennbar, andere entwickeln sich erst nach Wochen oder Monaten — manchmal paradoxerweise dann, wenn das Kind sicherer wird und sich mehr zeigen kann.
Essenshorten
Sehr häufigDas Kind versteckt Essen unter dem Kissen, in der Schublade oder im Rucksack. Klassisches Zeichen für erfahrene Nahrungsmangel. Das Kind sichert sich für „schlechtere Zeiten" ab — auch wenn diese objektiv nicht kommen.
Gieriges, hastiges Essen
HäufigDas Kind isst sehr schnell, schluckt kaum, will sofort Nachschlag. Essen wird wie ein Wettbewerb erlebt. Dahinter steckt die Angst: „Es könnte gleich aufhören." Oft begleitet von Übelkeit oder Erbrechen durch zu schnelles Essen.
Selektives Essen
HäufigNur wenige, meist vertraute Lebensmittel werden akzeptiert. Neue Texturen, Gerüche oder Farben lösen Ablehnung aus. Häufig sensorisch bedingt (FASD, Autismus, frühkindliche Vernachlässigung), manchmal auch Ausdruck von Kontrolle.
Essensverweigerung
GelegentlichDas Kind verweigert Mahlzeiten komplett oder bestimmte Lebensmittel hartnäckig. Kann Kontrolle ausdrücken, aber auch körperliche Ursachen haben (Schluckprobleme, Magenbeschwerden, Übelkeit durch Medikamente) oder ein Zeichen von Erschöpfung und Depression sein.
Pica
Selten, aber ernstDas Kind isst Nicht-Nahrungsmittel: Erde, Papier, Farbe, Kreide, Haare, Stoff. Zeichen schwerer frühkindlicher Vernachlässigung, sensorischer Verarbeitungsstörungen oder Eisenmangels. Medizinisch abklären lassen — Vergiftungsgefahr ist real.
Regurgitation
SeltenDas Kind bringt Essen nach dem Schlucken wieder hoch und kaut es erneut (Rumination). Tritt besonders bei Säuglingen und Kleinkindern auf, die früh vernachlässigt wurden. Selbststimulierendes Verhalten zur Beruhigung.
Essstörungen bei Jugendlichen
Relevant ab PubertätAnorexie, Bulimie und Binge-Eating-Störung treten bei Jugendlichen in Pflege überproportional häufig auf. Essen als Kontrollinstrument über den eigenen Körper, Schönheitsideale, Traumaverarbeitung und Identitätsprobleme können zusammenwirken.
Ausführlicher Ratgeber
Traumatisierte Pflegekinder: Verstehen, Begleiten, Stärken
Viele Essprobleme sind Ausdruck von Trauma. Dieser Ratgeber erklärt, wie Trauma entsteht und was Pflegeeltern im Alltag tun können.
Essenshorten verstehen und begleiten
Essenshorten ist das häufigste Essverhalten, mit dem Pflegeeltern konfrontiert werden. Das Kind versteckt Brot unter dem Kopfkissen, räumt heimlich Äpfel in die Schultasche, sammelt Kekse im Zimmer. Für viele Pflegeeltern ist das irritierend — schließlich ist doch immer mehr als genug vorhanden.
Das Verhalten ist kein Zeichen von Misstrauen gegenüber der Pflegefamilie. Es ist eine tief verankerte Überlebensstrategie. Das Kind sendet die Botschaft: „Ich habe Angst, nicht genug zu bekommen." Das Nervensystem handelt nach alten Erfahrungen — unabhängig davon, was die Vernunft sagt.
Was Pflegeeltern häufig falsch machen
Das Essen wegnehmen und wegwerfen: Bestätigt die Angst des Kindes und verstärkt das Horten.
Das Kind bestrafen oder beschämen: Das Kind lernt, noch heimlicher zu horten — die Angst bleibt.
Lange Diskussionen führen: Das Verhalten ist kein rationales Entscheidungsproblem — Argumente helfen nicht.
Das Zimmer regelmäßig durchsuchen: Verletzt das Vertrauen und vermittelt: „Du bist nicht sicher."
Was wirklich hilft
Freier Zugang zum Snackkorb: Ein Obstkorb oder eine Snackbox, die das Kind jederzeit und ohne Fragen nehmen darf, nimmt der Angst den Nährboden.
Regelmäßige Mahlzeiten zur gleichen Zeit: Vorhersehbarkeit signalisiert: „Du wirst immer versorgt werden." Das Nervensystem lernt, sich zu regulieren.
Immer genug auf dem Tisch lassen: Nie den letzten Bissen wegnehmen oder auf Portionen bestehen. Immer sichtbarer Überfluss schafft Sicherheit.
Kind in Einkauf und Zubereitung einbeziehen: Wer sieht, wie Essen eingekauft und zubereitet wird, verinnerlicht: „Essen kommt immer wieder nach."
Nicht kommentieren, nicht dramatisieren: Das Horten einfach zur Kenntnis nehmen, ohne Reaktion. Aufmerksamkeit darauf verstärkt das Verhalten.
Geduld: Es braucht Monate: Das Essenshorten nimmt in der Regel mit der Zeit ab — wenn die Erfahrung „es ist immer genug da" tief genug verankert ist. Das kann 6–18 Monate dauern.
Wichtig
Mahlzeiten als Bindungsritual gestalten
Gemeinsame Mahlzeiten sind eine der kraftvollsten Möglichkeiten, Bindung aufzubauen und zu festigen. An einem gedeckten Tisch sitzen, miteinander reden, sich gegenseitig anschauen, dieselbe Mahlzeit teilen — das sind bindungsstiftende Erfahrungen, die tief ins Nervensystem eingeschrieben werden.
Das gilt besonders für Kinder, bei denen frühe Mahlzeiten mit Chaos, Gleichgültigkeit, Hunger oder Angst verbunden waren. Jede gemeinsame Mahlzeit ist eine Chance, neue, heilsame Erfahrungen zu schaffen.
Prinzipien für Mahlzeiten mit Pflegekindern
Regelmäßigkeit und Vorhersehbarkeit
Feste Mahlzeiten zu verlässlichen Uhrzeiten sind das Fundament. Das Kind lernt: Frühstück ist um halb acht, Mittagessen um zwölf — immer.
Selbstbestimmung ermöglichen
Das Kind selbst auftun lassen (mit Hilfe), Wünsche erfragen, bei der Speiseplanung einbeziehen. Selbstwirksamkeit am Tisch stärkt das Sicherheitsgefühl.
Essen nie als Belohnung oder Strafe
„Wenn du aufräumst, gibt es Nachtisch" oder „Kein Dessert wegen schlechtem Benehmen" — solche Verknüpfungen verstärken das emotionale Gewicht von Essen.
Tischgespräche ohne Verhör
Leichte, positive Gesprächsthemen. Kein Druck zu reden. Einfach gemeinsam da sein. Das reicht für bindungsstiftende Wirkung.
Kulturelle Essgewohnheiten respektieren
Vertrautes Essen aus der Herkunftsfamilie kennen und berücksichtigen — halal, koscher, vegetarisch oder regionale Vorlieben. Das stärkt Identität und Kontinuität.
Gemeinsam kochen
Kinder, die beim Kochen helfen, haben eine andere Beziehung zum Essen. Es entsteht Stolz, Vorfreude und eine gemeinsame Handlung — bindungsstiftend ohne Worte.
Tipp
Ausführlicher Ratgeber
Eingewöhnung eines Pflegekindes: Der erste Alltag
Wie der Alltag in der Pflegefamilie gestaltet werden kann, damit das Kind schrittweise Sicherheit aufbaut — inklusive Essroutinen.
Sensorische Empfindlichkeiten beim Essen
Manche Pflegekinder lehnen bestimmte Lebensmittel nicht aus Trotz oder Gewohnheit ab — sondern weil ihr Nervensystem die sensorischen Eindrücke schlicht nicht toleriert. Bestimmte Texturen, Gerüche, Temperaturen oder sogar Farben können eine echte physiologische Abwehrreaktion auslösen.
Sensorische Verarbeitungsprobleme sind besonders häufig bei Kindern mit FASD (Fetales Alkoholsyndrom), frühkindlicher Vernachlässigung und Autismus-Spektrum-Störungen. Das Gehirn hat in der frühen Entwicklung nicht gelernt, sensorische Reize ausreichend zu filtern und zu gewichten.
Häufige sensorische Auslöser
Texturen: Matschiges, Klebriges, Schleimiges (z.B. Haferbrei, reife Banane, Gemüse mit Sauce) wird als eklig oder sogar schmerzhaft wahrgenommen.
Gerüche: Intensive Gerüche — Fisch, Zwiebeln, Knoblauch, bestimmte Gewürze — können Übelkeit und Panikreaktion auslösen, noch bevor das Essen probiert wurde.
Temperaturen: Warmes Essen wird abgelehnt, weil die Wärme im Mund als unangenehm registriert wird. Oder umgekehrt: Kaltes Essen bereitet Schmerzen.
Farben und Aussehen: Grüne Lebensmittel, bestimmte Muster auf Lebensmitteln (z.B. Grillspuren, Schimmelflecken) oder „gemischte" Speisen (Eintopf) werden kategorisch abgelehnt.
Geräusche beim Essen: Kaugeräusche anderer Personen, das Geräusch von Besteck auf dem Teller oder von Folie können für sensorisch empfindliche Kinder extrem ablenkend oder aversiv sein.
Umgang mit sensorischen Empfindlichkeiten
Das wichtigste Prinzip: kein Zwang. Kinder zu einer Reaktion des Ekels oder Schmerzes zu zwingen, verstärkt die Abneigung dauerhaft und beschädigt das Vertrauen. Stattdessen gilt das Prinzip der wiederholten, druckfreien Exposition.
Neues Lebensmittel einfach auf den Tisch stellen, ohne Erwartung — 10 bis 15 Mal, bevor das Kind probiert. Das ist normale kindliche Entwicklung.
Das Kind zunächst nur anschauen, dann anfassen, dann riechen, dann lecken, dann beißen lassen — schrittweise Annäherung ohne Zeitdruck.
Nicht kommentieren, wenn das Kind ablehnt. Keine Reaktion ist oft die beste Reaktion.
Alternativen anbieten: Wenn Texturen ein Problem sind, gleiche Nährstoffe in anderer Form (z.B. püriert, gebacken statt gedämpft).
Ergotherapie anfragen: Ergotherapeuten mit dem Schwerpunkt sensorische Integration können gezielt helfen. Die Kosten werden häufig von der Krankenkasse übernommen.
Essensumgebung anpassen: Ruhigere Atmosphäre, weniger Ablenkung, angenehmes Geschirr — all das kann die sensorische Last am Tisch reduzieren.
Ausführlicher Ratgeber
FASD bei Pflegekindern: Fetales Alkoholsyndrom erkennen und begleiten
Sensorische Empfindlichkeiten und Essprobleme sind bei FASD besonders ausgeprägt. Dieser Ratgeber erklärt Ursachen und Umgang.
Wann professionelle Hilfe suchen?
Viele Essprobleme bei Pflegekindern bessern sich mit der Zeit, einer stabilen Pflegefamilie und konsequenten Routinen deutlich. Es gibt jedoch Signale, bei denen professionelle Unterstützung unbedingt gesucht werden sollte — ohne Scham und ohne Zögern.
Warnsignale — jetzt handeln
Deutlicher Gewichtsverlust oder starke Gewichtszunahme: Kinderarzt aufsuchen, Ernährungsprotokoll führen.
Pica (Essen von Nicht-Nahrungsmitteln wie Erde, Papier, Farbe): Sofort Kinderarzt aufsuchen: Vergiftungsgefahr, Eisenmangel ausschließen.
Regelmäßiges Erbrechen nach dem Essen: Körperliche Ursachen ausschließen, Bulimie-Verdacht ärztlich abklären.
Essensverweigerung über mehrere Tage: Kinderarzt aufsuchen, körperliche Ursachen (Schluckstörung, Magenproblem, Übelkeit durch Medikamente) ausschließen.
Extremes Horten, das sich nach 12+ Monaten nicht bessert: Fachberatung, ggf. Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Verdacht auf Essstörung (Anorexie, Bulimie) bei Jugendlichen: Kinderarzt, dann Kinder- und Jugendpsychiatrie oder spezialisierte Essstörungsambulanz.
Anhaltende extreme Selektivität mit Unterernährungsrisiko: Ernährungsberatung + Ergotherapie (sensorische Integration).
Anlaufstellen im Überblick
Kinderarzt
Erste Anlaufstelle: Gewicht, Blutbild, körperliche Ursachen ausschließen, Überweisungen ausstellen.
Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ)
Interdisziplinäre Diagnostik bei komplexen Entwicklungsauffälligkeiten. Wartezeiten sind lang — frühzeitig anmelden.
Ergotherapie
Sensorische Integrationstherapie bei Empfindlichkeiten auf Texturen, Gerüche und Temperaturen. Verordnung vom Kinderarzt möglich.
Ernährungsberatung
Bei anhaltend einseitiger Ernährung und Unterernährungsrisiko. Kinderarzt kann Kostenzusage beim Jugendamt anregen.
Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP)
Bei Essstörungen, schwerem Horten, Pica oder wenn emotionale Ursachen im Vordergrund stehen. Kassenfinanziert mit Überweisung.
Pflegeelternberatung / Fachberatung
Beim Pflegekinderdienst des Jugendamts oder Träger: Beratung für Pflegeeltern, Einschaltung von Fachdiensten, Unterstützung bei Anträgen.
Tipp
Ausführlicher Ratgeber
Verhaltensauffälligkeiten bei Pflegekindern: Ursachen und Umgang
Wenn Essprobleme Teil eines größeren Verhaltensbildes sind — dieser Ratgeber hilft, Muster zu verstehen und professionelle Hilfe zu finden.
Praktische Tipps für den Essalltag
Der Essalltag mit einem Pflegekind kann herausfordernd sein. Diese Checkliste fasst die wichtigsten Prinzipien zusammen — praxiserprobt und auf die besonderen Bedürfnisse von Pflegekindern abgestimmt.
Struktur und Sicherheit
- Feste Mahlzeiten zu verlässlichen Zeiten einhalten — jeden Tag, auch am Wochenende.
- Immer einen Snackkorb mit Obst und Crackern bereitstellen, auf den das Kind jederzeit zugreifen darf.
- Am Tisch immer etwas mehr anbieten als das Kind essen kann — sichtbarer Überfluss schafft Sicherheit.
- Mahlzeiten ankündigen: „In 15 Minuten essen wir." gibt dem Kind Zeit, sich vorzubereiten.
- Ein kurzes, einfaches Essritual einführen, das die Mahlzeit eröffnet.
Am Tisch
- Das Kind selbst auftun lassen — auch wenn es dabei kleckert oder wenig nimmt.
- Nachschlag immer anbieten und nie ablehnen, wenn das Kind mehr möchte.
- Nicht zum Probieren zwingen. Neues einfach dazustellen, ohne Erwartung.
- Gieriges Essen nicht kommentieren oder bremsen — ruhig bleiben und reagieren wie auf normales Essen.
- Essen nicht als Belohnung oder Bestrafung einsetzen — kein „nur wenn du artig bist".
- Essen nicht verweigern als Reaktion auf Fehlverhalten.
Neue Lebensmittel einführen
- Neue Lebensmittel neben vertrauten anbieten — nicht statt ihnen.
- Keine Reaktion zeigen, wenn das Kind das Neue ignoriert — einfach wieder dazustellen beim nächsten Mal.
- Das Kind erst nur schauen, dann anfassen, dann riechen lassen — Probieren ist das Ziel, nicht die Bedingung.
- Selbst genussvoll davon essen — Vorbildfunktion ist die stärkste Einladung.
- Das Kind an der Auswahl beteiligen: „Soll ich heute Broccoli oder Erbsen kaufen?"
Beim Essenshorten
- Gefundenes Essen im Zimmer ruhig entfernen — ohne Kommentar, ohne Bestrafung.
- Dem Kind einen eigenen Snackkorb geben, den es selbst verwaltet — gibt Kontrolle ohne Heimlichkeit.
- Überprüfen, ob das Kind genug essen darf: Immer Nachschlag anbieten, nie „du hast schon genug" sagen.
- Beim Einkauf mitnehmen und zeigen: „Wir haben immer genug für alle." Essen gemeinsam verstauen.
- Geduld: Das Horten kann Monate bis über ein Jahr brauchen, bis es abnimmt.
Hilfe holen
- Regelmäßiger Austausch mit der Pflegeelternberatung: Essprobleme ansprechen, bevor sie sich verfestigen.
- Kinderarzt bei Gewichtsproblemen, Wachstumsrückstand oder Pica sofort aufsuchen.
- Bei sensorischen Problemen Ergotherapie beantragen — frühzeitig Überweisung holen.
- Für eigene Entlastung sorgen: Essprobleme können zermürbend sein. Supervision oder Selbstfürsorge einplanen.
Tipp
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Schlaf- und Essprobleme gehen bei Pflegekindern oft Hand in Hand — dieser Ratgeber zeigt, was hinter Schlafstörungen steckt und wie Routinen helfen.
Häufige Fragen von Pflegeeltern
Mein Pflegekind versteckt Essen im Zimmer — soll ich es verbieten?
Nein. Essenshorten ist eine Überlebensstrategie aus einer Zeit, in der das Kind nicht ausreichend versorgt wurde. Verbieten oder Bestrafen verstärkt die Angst und führt dazu, dass das Kind noch heimlicher hortet. Stattdessen: Freien Zugang zu einem Snackkorb ermöglichen, Sicherheit vermitteln, das Thema nicht dramatisieren. Mit der Zeit lässt das Verhalten nach, wenn das Kind verinnerlicht hat, dass immer genug Essen vorhanden ist. Das kann Monate bis über ein Jahr dauern.
Mein Pflegekind isst extrem viel und zu schnell — was kann ich tun?
Gieriges Essen ist Ausdruck existenzieller Angst vor Mangel. Das Kind frisst, als ob es das letzte Mal wäre — weil es das früher tatsächlich sein konnte. Hilfreiche Maßnahmen: Regelmäßige, vorhersehbare Mahlzeiten einhalten, immer sichtbaren Nachschlag anbieten, kleine Portionen mit offenem Nachfüllangebot servieren, gemeinsam essen und selbst langsam essen als Vorbildfunktion, das Essverhalten nicht kommentieren oder beschämen. Das schnelle Essen reguliert sich in der Regel von selbst, wenn das Kind ausreichend Sicherheitserfahrungen gemacht hat.
Mein Pflegekind akzeptiert nur wenige Lebensmittel — ist das problematisch?
Selektives Essen ist bei Pflegekindern häufig und hat oft sensorische (Textur, Geruch, Temperatur) oder emotionale Ursachen. Kein Druck ausüben — das ist kontraproduktiv. Neue Lebensmittel regelmäßig, ohne Erwartung anbieten: Forschung zeigt, dass Kinder ein Lebensmittel bis zu 15 Mal begegnen müssen, bevor sie es akzeptieren. Wenn die Ernährung sehr einseitig ist, Unterernährung droht oder das Gewicht nicht stimmt: Kinderarzt oder Ernährungsberatung hinzuziehen. Bei sensorischen Ursachen: Ergotherapie beantragen.
Sollte ich die Essgewohnheiten der Herkunftsfamilie berücksichtigen?
Wenn möglich, ja. Vertrautes Essen kann einem Kind in der Eingewöhnungsphase wichtige Sicherheit und Kontinuität geben. Es knüpft an bekannte Erfahrungen an und signalisiert: „Du musst nichts von dir aufgeben." Religiöse oder kulturelle Essensvorschriften — zum Beispiel halal, koscher oder vegetarisch — sollten respektiert werden, wenn sie bekannt sind. Das stärkt die Identität des Kindes. Im Hilfeplan oder im Gespräch mit dem Pflegekinderdienst kann dieses Thema konkret besprochen werden.
Mein Pflegekind isst Nicht-Nahrungsmittel (Papier, Erde) — ist das gefährlich?
Pica — das wiederholte Essen von Nicht-Nahrungsmitteln — kann ein Zeichen schwerer frühkindlicher Vernachlässigung, sensorischer Verarbeitungsprobleme oder eines Nährstoffmangels sein. Besonders häufig ist Eisenmangel als Auslöser. Es besteht echte Vergiftungsgefahr: Erde kann Schwermetalle enthalten, Farbe Blei oder andere toxische Stoffe, Papier chemische Verbindungen. Unbedingt sofort den Kinderarzt aufsuchen, Blutbild abnehmen lassen und den Eisenstatus prüfen. Das Verhalten sollte professionell behandelt werden — allein durch Verbote lässt es sich nicht beheben.
Essverhalten dokumentieren und Muster erkennen
Im Pflegeeltern.Space-Portal kannst du Beobachtungen zum Essverhalten direkt beim Pflegekind dokumentieren — mit Datum, Notizen und Verlauf. So erkennst du Muster und hast beim nächsten Arzttermin oder Hilfeplangespräch alle relevanten Informationen parat.
Weiterführende Ratgeber
Eingewöhnung eines Pflegekindes
Wie die erste Zeit in der Pflegefamilie gelingt — inkl. Mahlzeiten und Alltagsroutinen.
Verhaltensauffälligkeiten bei Pflegekindern
Wenn Essprobleme Teil eines größeren Verhaltensbildes sind.
Traumatisierte Pflegekinder
Trauma verstehen — der Hintergrund hinter vielen Essproblemen.
Schlafprobleme bei Pflegekindern
Schlaf- und Essprobleme gehen oft Hand in Hand.
Pflegekinder unter drei Jahren
Essprobleme in der frühen Kindheit: Besonderheiten und Lösungen.
Entwicklungsverzögerungen bei Pflegekindern
Wenn Ernährungsprobleme auf Entwicklungsrückstände hinweisen.