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Fachthema

Biografiearbeit mit Pflegekindern
Lebensgeschichte verstehen & Identität stärken

Viele Pflegekinder wissen kaum, woher sie kommen. Fehlende Fotos, unbekannte Verwandte, bruchstückhafte Erinnerungen — das hinterlässt Lücken, die ein Kind mit Fantasien füllt. Biografiearbeit hilft, diese Lücken behutsam zu schließen und dem Kind ein kohärentes Bild seiner eigenen Geschichte zu geben.

13 Min. LesezeitAktualisiert: Februar 2026Lebensbuch | Identitätsarbeit | Erikson

Was ist Biografiearbeit?

Biografiearbeit ist eine strukturierte pädagogische und psychologische Methode, die Menschen dabei hilft, ihre eigene Lebensgeschichte zu verstehen, einzuordnen und zu akzeptieren. Im Kontext der Pflegekinderhilfe richtet sie sich an Kinder, deren Lebensweg durch Brüche, Beziehungsabbrüche und fehlende Kontinuität geprägt ist — und die deshalb besondere Unterstützung brauchen, um ein kohärentes Bild ihrer eigenen Identität zu entwickeln.

Der Begriff geht auf die Sozial- und Erziehungswissenschaften zurück und wurde im deutschsprachigen Raum insbesondere durch Fachkräfte der Heimerziehung und stationären Jugendhilfe geprägt. International ist der Begriff Life Story Work verbreitet — ein Ansatz, der vor allem durch die US-amerikanische Kinderpsychologin Vera Fahlberg und die britische Sozialarbeiterin Joy Rees bekannt wurde.

Theoretischer Hintergrund: Identität braucht Geschichte

Die entwicklungspsychologische Grundlage der Biografiearbeit liefert vor allem Erik H. Eriksons Theorie der psychosozialen Entwicklung. Erikson beschrieb, dass Kinder und Jugendliche in verschiedenen Lebensphasen zentrale Entwicklungsaufgaben bewältigen müssen. Im Schulalter (Stufe 4) geht es um das Erleben von Kompetenz und Wirksamkeit; in der Adoleszenz (Stufe 5) steht die Identitätsfindung im Mittelpunkt. Das Kind fragt: „Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehöre ich?“ Für ein Kind, das nicht weiß, warum es bei einer anderen Familie lebt, oder dessen frühe Kindheit im Dunkeln liegt, sind diese Fragen besonders drängend.

Ergänzend dazu liefert die narrative Psychologie — vor allem geprägt durch Jerome Bruner und Dan McAdams — eine wichtige Perspektive: Menschen konstruieren ihre Identität durch Geschichten. Das „Selbst“ ist kein festes Ding, sondern ein narratives Konstrukt — eine Geschichte, die ein Mensch über sich selbst erzählt. Kinder, die keine zusammenhängende Geschichte über ihr eigenes Leben erzählen können, haben Schwierigkeiten, ein stabiles Selbstbild zu entwickeln.

Forschungsergebnisse aus der Bindungsforschung und der Traumapsychologie bestätigen: Kinder, die ihre Geschichte kennen und in einen kohärenten Zusammenhang einordnen können, entwickeln ein stabileres Selbstwertgefühl, zeigen weniger Verhaltensauffälligkeiten und bewältigen Übergangsphasen (z.B. Rückkehr zur Herkunftsfamilie, Übergang ins Erwachsenenalter) besser als Kinder ohne diese Grundlage.

Gut zu wissen

Biografiearbeit ist keine Therapie — auch wenn sie therapeutische Wirkung haben kann. Pflegeeltern sind keine Therapeuten. Aber sie können als verlässliche, einfühlsame Begleiter dazu beitragen, dass ihr Pflegekind seine Geschichte versteht und annehmen kann. Der Unterschied zur Therapie: Biografiearbeit im Alltag ist niedrigschwellig, fortlaufend und eingebettet in die Beziehung.

Warum Biografiearbeit für Pflegekinder so wichtig ist

Pflegekinder stehen vor einer besonderen Herausforderung: Sie haben in der Regel mehrere Lebenswelten erfahren, bevor sie in die Pflegefamilie kamen. Jeder dieser Wechsel hinterlässt Spuren — in der Erinnerung, im Körper und in der Art, wie das Kind sich selbst wahrnimmt. Ohne gezielte Unterstützung entstehen dabei typische Problemmuster.

Lücken und fehlende Erinnerungen

Viele Pflegekinder haben keine Fotos aus ihrer frühen Kindheit, kennen ihre Geburtsgeschichte nicht oder wissen nicht, wie ihre Geschwister heute heißen. Diese Lücken erzeugen ein Gefühl von Orientierungslosigkeit — als ob ein Teil der eigenen Geschichte fehlt.

Scham über die Herkunft

Kinder, deren Eltern durch Sucht, psychische Erkrankung oder Gewalt aufgefallen sind, schämen sich oft für ihre Herkunft — besonders wenn Gleichaltrige fragen, warum sie nicht bei ihren leiblichen Eltern leben. Ohne Biografiearbeit bleibt diese Scham unbearbeitet.

Loyalitätskonflikte

Das Kind liebt sowohl seine Herkunftsfamilie als auch seine Pflegeeltern — und erlebt das als Widerspruch. Es hat das Gefühl, untreu zu sein, wenn es die Pflegeeltern mag. Oder es dämonisiert die Herkunftsfamilie, um die Pflegeeltern nicht zu enttäuschen.

Idealisierung oder Dämonisierung

Ohne ein realistisches Bild der Herkunftsfamilie neigen Kinder dazu, diese entweder zu idealisieren („Meine echte Mama wäre viel netter“) oder zu dämonisieren. Beides verhindert eine gesunde Integration der eigenen Geschichte.

Was Biografiearbeit verändert

Biografiearbeit schafft kein ideales Aufwachsen nach, das das Kind nicht hatte. Aber sie gibt dem Kind etwas Entscheidendes: eine kohärente, ehrliche und wertschätzende Erzählung seiner eigenen Geschichte. Studien aus der Pflegekinderhilfe — darunter Arbeiten der britischen Forscherin Mary Beek und des deutschen Pflegekinderwesens — zeigen, dass Kinder mit gut begleiteter Biografiearbeit:

  • ein stabileres Selbstwertgefühl entwickeln
  • Übergänge (z.B. Rückführung, Volljährigkeit) besser bewältigen
  • weniger intensive Loyalitätskonflikte erleben
  • offener über ihre Situation sprechen können
  • die eigene Lebensgeschichte realistischer einschätzen

Wichtig

Biografiearbeit ist kein einmaliges Gespräch, sondern ein fortlaufender Prozess. Was ein Fünfjähriger versteht und verarbeiten kann, ist anders als das, was ein Fünfzehnjähriger braucht. Themen kehren wieder — auf immer tieferem Niveau. Pflegeeltern sollten sich darauf einstellen, dass dieselben Fragen über Jahre immer wieder auftauchen werden.

Ausführlicher Ratgeber

Pflegekind und Herkunftsfamilie: Umgangskontakte gestalten

Wie Pflegeeltern den Kontakt zur Herkunftsfamilie kindgerecht begleiten — auch wenn es schwierig ist.

Das Lebensbuch — Herzstück der Biografiearbeit

Das Lebensbuch (englisch: Life Story Book) ist das bekannteste und am häufigsten eingesetzte Instrument der Biografiearbeit mit Pflegekindern. Es ist ein individuell gestaltetes Buch oder Album, das die Lebensgeschichte des Kindes in chronologischer oder thematischer Form dokumentiert — von der Geburt bis zur Gegenwart.

Ein Lebensbuch ist kein Fotoalbum und kein Tagebuch im üblichen Sinne. Es ist ein lebendiges Dokument der Identität des Kindes — etwas, das mit dem Kind zusammen entsteht, regelmäßig ergänzt wird und dem Kind gehört. Pflegeeltern, der Pflegekinderdienst und das Kind selbst tragen gemeinsam dazu bei.

Was ein Lebensbuch enthalten kann

Herkunft & Geburt

  • Geburtsdatum, Geburtsort, Geburtsgewicht
  • Name der leiblichen Eltern (soweit bekannt)
  • Geschwister und andere Familienmitglieder
  • Fotos aus der Klinik (wenn vorhanden)
  • Geschichte des eigenen Namens

Frühe Kindheit & Übergänge

  • Erste Wohnorte und Adressen
  • Frühere Bezugspersonen (Tagesmutter, Erzieherinnen)
  • Erinnerungen an frühere Stationen
  • Datum und Umstände des Einzugs in die Pflegefamilie
  • Erste Fotos in der Pflegefamilie

Leben in der Pflegefamilie

  • Wichtige Ereignisse, Feste, Urlaube
  • Schule, Kindergarten, Freundschaften
  • Lieblingstiere, Hobbys, Stärken
  • Meilensteine (erste Schritte, erster Schultag)
  • Zeichnungen und Bastelarbeiten des Kindes

Briefe, Wünsche & Gedanken

  • Brief der Pflegeeltern an das Kind
  • Brief des Pflegekinderdienstes
  • Antworten auf Fragen des Kindes
  • Wünsche und Träume des Kindes
  • Dinge, die dem Kind wichtig sind

Gestaltungsprinzipien

Wie ein Lebensbuch gestaltet wird, ist so individuell wie das Kind selbst. Dennoch gibt es einige Grundprinzipien, die sich in der Praxis bewährt haben:

Altersgerecht und verständlich: Texte sollten dem Sprachverständnis des Kindes entsprechen. Für kleine Kinder: kurze Sätze, große Bilder. Für ältere Kinder: mehr Text, differenziertere Erklärungen. Das Buch wächst mit dem Kind.
Wertschätzend, nicht anklagend: Die Herkunftsfamilie sollte nicht als böse dargestellt werden. Der Fokus liegt auf dem Kind — seiner Stärke, seiner Geschichte, seiner Einzigartigkeit. Auch schwierige Wahrheiten können würdevoll formuliert werden.
Ehrlich und vollständig (soweit möglich): Lücken werden als solche gekennzeichnet, nicht verschwiegen oder geschönt. Das Kind hat ein Recht auf seine eigene Geschichte — auch wenn sie schmerzhaft ist.
Gemeinsam gestaltet: Das Kind sollte aktiv am Lebensbuch mitarbeiten — Bilder aussuchen, eigene Texte schreiben, Zeichnungen hinzufügen. Das stärkt das Gefühl von Eigenverantwortung und Kontrolle über die eigene Geschichte.
Sicher aufbewahrt und zugänglich: Das Buch gehört dem Kind. Es entscheidet, wem es es zeigt. Es sollte an einem festen, für das Kind erreichbaren Ort aufbewahrt werden — nicht im Schrank der Pflegeeltern.

Digitale Alternativen und Ergänzungen

Neben dem klassischen physischen Lebensbuch gibt es zunehmend digitale Alternativen: Digitale Fotoalben, Präsentationen oder speziell entwickelte Apps ermöglichen es, Erinnerungsstücke zu sammeln, Videos einzubinden und das Buch einfach zu ergänzen. Wichtig ist dabei: Das digitale Lebensbuch sollte sicher gespeichert und regelmäßig gesichert werden. Für viele Kinder hat das physische Buch — das man anfassen, durchblättern und mitschlafen lassen kann — dennoch einen besonderen Wert, den kein Tablet ersetzen kann.

Tipp

Beginnt mit dem Lebensbuch so früh wie möglich — auch wenn das Kind noch ein Baby ist. Schreibt auf, was ihr selbst über die Herkunft wisst, sammelt Fotos aus der Klinik oder von den ersten Wochen. Jede Erinnerung, die ihr jetzt festhaltet, ist ein Geschenk an das Kind von morgen.

Methoden der Biografiearbeit

Das Lebensbuch ist das bekannteste Instrument — aber Biografiearbeit kennt viele weitere Methoden. Je nach Alter, Persönlichkeit und Thema des Kindes können unterschiedliche Zugänge hilfreich sein. Hier ein Überblick der wichtigsten Methoden:

01

Lebensbuch (Life Story Book)

Das individuell gestaltete Buch, das die gesamte Lebensgeschichte des Kindes dokumentiert. Enthält Fotos, Texte, Zeichnungen, Briefe und Erinnerungsstücke. Das umfassendste und nachhaltigste Instrument der Biografiearbeit.

02

Lebensfluss (Life-Timeline)

Eine visuelle Zeitlinie, die wichtige Ereignisse und Stationen im Leben des Kindes darstellt. Kann als Zeichnung, als Schnur mit Anhängern oder als großes Wandbild gestaltet werden. Besonders geeignet für Schulkinder, die den zeitlichen Zusammenhang ihrer Geschichte begreifen wollen.

03

Genogramm

Eine Familienstammbaumdarstellung, die verwandtschaftliche Beziehungen visuell abbildet. Im Pflegekontext besonders wertvoll, weil es sowohl die leibliche Familie als auch die Pflegefamilie integrieren kann. Hilft dem Kind, seine Herkunft zu verstehen, ohne sie zu bewerten.

04

Eco-Map (Netzwerkkarte)

Eine Grafik, die das soziale Netzwerk des Kindes abbildet: Pflegeeltern, Geschwister, Herkunftsfamilie, Freunde, Schule, Vereine. Zeigt dem Kind, welche Menschen in seinem Leben präsent sind — und stärkt das Gefühl, nicht allein zu sein.

05

Brief an das Kind

Pflegeeltern schreiben einen Brief, der erklärt, warum das Kind bei ihnen lebt — in warmherziger, ehrlicher Sprache. Dieser Brief kann im Lebensbuch aufbewahrt werden und dem Kind helfen, seine Situation einzuordnen. Auch der Pflegekinderdienst oder das Jugendamt kann solche Briefe verfassen.

06

Erinnerungsbox

Eine persönliche Box, in der das Kind bedeutsame Gegenstände aufbewahrt: ein Spielzeug aus der frühen Kindheit, ein Brief der leiblichen Mutter, ein Foto, ein Stein vom ersten Ausflug in der Pflegefamilie. Greifbare Erinnerungen haben einen emotionalen Wert, den Worte nicht ersetzen können.

07

Lebensbaum

Ein Baumbild, bei dem Wurzeln (Herkunft, Vorfahren), Stamm (Stärken, Werte), Äste (Fähigkeiten) und Früchte (Träume, Ziele) stehen. Ursprünglich aus der Narrativen Therapie stammend, eignet sich der Lebensbaum hervorragend für die Identitätsarbeit mit Schulkindern und Jugendlichen.

08

Geschichten und Metaphern

Besonders für kleinere Kinder können Geschichten und Metaphern die Einzigartigkeit ihrer Situation erklären — ohne direkten Bezug auf die eigene, möglicherweise belastende Realität. Es gibt speziell entwickelte Bilderbücher für Pflegekinder (z.B. über Kinder, die bei einer anderen Familie aufwachsen), die als Gesprächseinstieg dienen können.

Gut zu wissen

Nicht jede Methode passt zu jedem Kind. Manche Kinder lieben das Gestalten mit Fotos und Stiften, andere sprechen lieber oder erzählen Geschichten. Der Schlüssel liegt darin, das Kind zu beobachten und herauszufinden, welcher Zugang ihm liegt — und flexibel zu bleiben.

Altersgerechte Biografiearbeit

Biografiearbeit ist kein Einheitsformat. Was ein Dreijähriger versteht und braucht, unterscheidet sich grundlegend von dem, was ein Fünfzehnjähriger bewältigen kann und möchte. Die folgende Übersicht gibt einen Überblick über altersgerechte Schwerpunkte — als Orientierung, nicht als starre Regel.

0–3 Jahre

Erinnerungen sichern, Grundstein legen

  • Fotos aus der Frühzeit sammeln und sichern (Klinik, Erstbetreuung, erste Pflegetage)
  • Babybuch oder Erinnerungsheft anlegen: erste Schritte, erste Worte, Lieblingsessen
  • Informationen über Geburtsgeschichte und frühe Stationen schriftlich festhalten
  • Erinnerungsbox anlegen: ein Stück Stoff vom ersten Schlafsack, eine kleine Erinnerung
  • Kein direktes Biografiegespräch nötig — aber Informationen sichern für später

3–6 Jahre

Erste einfache Erklärungen, Geschichten und Bilder

  • Einfache, kindgerechte Geschichte der Herkunft erzählen: 'Du bist in X geboren. Dann bist du zu uns gekommen.'
  • Gemeinsam das Babybuch oder Lebensbuch anschauen und ergänzen
  • Fragen des Kindes ehrlich und kindgerecht beantworten
  • Bilderbücher über Pflegekinder oder Adoptivkinder vorlesen
  • Malen und Basteln: 'Mal deine Familie. Mal dein Haus.'
  • Genogramm als einfaches Bild mit Zeichnungen aller wichtigen Menschen

6–10 Jahre

Aktive Gestaltung des Lebensbuches, Fragen beantworten

  • Lebensbuch aktiv mit dem Kind gemeinsam gestalten — das Kind wählt Fotos, schreibt oder diktiert
  • Lebensfluss (Zeitlinie) erstellen: Was ist wann passiert?
  • Genogramm erweitern: Wer gehört zur Herkunftsfamilie? Wer zur Pflegefamilie?
  • Eco-Map erstellen: Wer ist in meinem Leben wichtig?
  • Fragen zu den Gründen der Unterbringung altersgerecht beantworten
  • Das Kind hat eigene Stärken — diese im Lebensbuch festhalten

10–14 Jahre

Tiefere Auseinandersetzung, kritische Fragen, Kontaktreflexion

  • Tiefere Auseinandersetzung mit den Gründen der Unterbringung — auch schwierige Wahrheiten
  • Kontakt zur Herkunftsfamilie gemeinsam reflektieren: Was bedeutet mir dieser Kontakt?
  • Lebensbaum-Methode: Wurzeln, Stärken, Träume
  • Eigene Gefühle zur Herkunft explorieren — ohne Druck
  • Briefe schreiben (die nicht abgeschickt werden müssen) an die Herkunftsfamilie
  • Fachberatung einbeziehen, wenn Themen zu schwer werden

14+ Jahre

Eigenständige Recherche, Identitätsarbeit, Perspektive

  • Eigenständige Recherche zur Herkunft begleiten und unterstützen
  • Eventuelle Treffen mit der Herkunftsfamilie vorbereiten und nachbesprechen
  • Identitätsarbeit: Wer bin ich? Was nehme ich aus beiden Familien mit?
  • Jugendhilferechtliche Fragen klären: Was passiert mit 18 Jahren?
  • Das Lebensbuch als Eigentum des Jugendlichen anerkennen und übergeben
  • Professionelle Begleitung bei schweren Themen (Traumatherapie, Beratungsstellen)

Ausführlicher Ratgeber

Eingewöhnung des Pflegekindes: Die ersten Wochen

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Schwierige Themen kindgerecht ansprechen

Eine der größten Herausforderungen der Biografiearbeit ist der Umgang mit belastenden Wahrheiten. Viele Pflegekinder kommen aus Verhältnissen, die von Sucht, psychischer Erkrankung, Vernachlässigung oder Gewalt geprägt waren. Wie erklärt man einem Kind, warum seine Eltern es nicht bei sich haben aufwachsen lassen können — ohne die Eltern zu dämonisieren und ohne das Kind mit einer Last zu überfordern?

Es gibt keine perfekte Formulierung. Aber es gibt bewährte Grundregeln, die Pflegeeltern helfen, auch schwierige Themen würdevoll und kindgerecht anzusprechen.

Grundregeln für schwierige Gespräche

Wahrheit in kindgerechter Sprache: Kinder brauchen die Wahrheit — aber nicht unbedingt alle Details auf einmal. „Deine Mama war sehr krank und konnte nicht für dich sorgen“ ist für ein Fünfjähriges Kind ausreichend. Später kommen mehr Details hinzu. Wichtig: Nichts sagen, was später revidiert werden muss.
Keine Schuldzuweisung an das Kind: Kinder neigen dazu, sich selbst die Schuld für ihre Situation zu geben: „Ich war wohl zu böse.“ Diese Überzeugung muss aktiv widerlegt werden: „Das war nicht deine Schuld. Du hast nichts falsch gemacht. Erwachsene sind für sich selbst verantwortlich — nicht Kinder.“
Keine Dämonisierung der Herkunftsfamilie: Das Kind ist ein Teil seiner Herkunftsfamilie. Wer die Herkunftsfamilie schlecht redet, verletzt auch das Kind. Statt „Dein Vater war ein schlechter Mensch“: „Dein Vater hatte sehr große Probleme, die er nicht lösen konnte — und das hat dir leider wehgetan.“
Altersentsprechende Informationsdosierung: Was ein Kind wissen darf und verarbeiten kann, hängt von seinem Entwicklungsstand ab. Nicht alles auf einmal. Fragen des Kindes sind der beste Leitfaden — sie zeigen, was das Kind gerade bereit ist zu wissen.
Professionelle Begleitung bei schweren Themen: Wenn es um sexuellen Missbrauch, schwere Gewalt oder den Tod eines Elternteils geht, sollten Pflegeeltern nicht allein agieren. Eine Fachberatung durch den Pflegekinderdienst, eine Erziehungsberatungsstelle oder einen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten ist hier dringend empfohlen.

Häufige schwierige Themen und Formulierungshilfen

Suchterkrankung eines Elternteils

„Deine Mama hat eine Krankheit, die ihr Denken und Fühlen durcheinander bringt. Diese Krankheit heißt Sucht. Wenn jemand Sucht hat, ist es sehr schwer, für ein Kind gut zu sorgen. Das ist nicht deine Schuld — und es bedeutet nicht, dass sie dich nicht liebt. Aber wir sorgen jetzt für dich.“

Psychische Erkrankung eines Elternteils

„Dein Papa hat eine Krankheit im Kopf, die manchmal dafür sorgt, dass er Dinge sieht oder fühlt, die andere nicht sehen und fühlen. Das macht es schwer für ihn, ein sicherer Papa zu sein. Er kann nichts dafür — Krankheiten sucht man sich nicht aus. Aber du solltest sicher aufwachsen.“

Vernachlässigung

„Als du klein warst, hatte deine Familie sehr, sehr viele Schwierigkeiten. Sie konnten damals nicht gut für dich sorgen — du hattest nicht genug zu essen, nicht genug Wärme, nicht genug Fürsorge. Das Jugendamt hat das bemerkt und dich zu uns gebracht, damit du das alles hast.“

Wenn das Kind fragt: 'Warum will meine Mama mich nicht?'

„Ich glaube nicht, dass sie dich nicht will. Ich glaube, sie liebt dich — aber sie kann gerade nicht die Mama sein, die du brauchst. Das ist eines ihrer größten Probleme. Und es ist ihr größtes Leid. Wir sorgen dafür, dass du das kriegst, was du brauchst.“

Bei Themen wie sexuellem Missbrauch: Diese Themen sollten niemals ohne professionelle Begleitung angegangen werden. Ein Traumatherapeut oder eine Fachberatungsstelle (z.B. für sexuellen Missbrauch) begleitet das Kind und die Pflegeeltern dabei, wie und wann welche Informationen geteilt werden. Voreilige Gespräche können dem Kind schaden — Zurückhaltung und Fachbegleitung sind hier das Richtige.
Keine Geheimnisse, aber keine Überflutung: Kinder merken, wenn etwas verschwiegen wird — das erzeugt Angst und Fantasien, die schlimmer sein können als die Wahrheit. Gleichzeitig sollte das Kind nicht mit Informationen überflutet werden, die es noch nicht einordnen kann. Die Faustregel: Auf Fragen wahrheitsgemäß antworten — aber nicht mehr erzählen als gefragt.

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Trauma erkennen, verstehen und behutsam begleiten — was Pflegeeltern wissen sollten.

Die Rolle der Pflegeeltern in der Biografiearbeit

Pflegeeltern sind die wichtigsten Begleiter der Biografiearbeit — aber sie sind keine Therapeuten. Diese Unterscheidung ist wichtig: Sie müssen nicht alles wissen, nicht alles heilen und nicht alle Antworten haben. Was sie sein können — und sein müssen — ist verlässlich, ehrlich und präsent.

Was Pflegeeltern leisten können

Rolle

Erinnerungen sichern und dokumentieren

Pflegeeltern sind oft die einzigen Menschen, die von Anfang an dabei sind und Erinnerungen festhalten können. Fotos machen, Entwicklungen aufschreiben, Meilensteine dokumentieren — das ist Biografiearbeit im Alltag.

Rolle

Fragen ehrlich beantworten

Wenn das Kind fragt, sollten Pflegeeltern so ehrlich antworten wie möglich — in einer Sprache, die dem Kind entspricht. 'Das weiß ich leider nicht' ist eine ehrliche und akzeptable Antwort.

Rolle

Sicheren Rahmen für Gespräche schaffen

Biografiegespräche brauchen Ruhe, Zeit und emotionale Sicherheit. Der richtige Moment kann beim gemeinsamen Kochen sein, beim Einschlafen oder beim Durchblättern des Lebensbuches — nicht als formelles 'Jetzt reden wir über deine Vergangenheit'.

Rolle

Die Herkunftsfamilie würdevoll halten

Auch wenn die Herkunftsfamilie das Kind vernachlässigt oder verletzt hat: Pflegeeltern halten den Platz dieser Familie im Leben des Kindes aufrecht. Das Kind ist ein Teil beider Welten. Diese Haltung stärkt das Kind — sie schwächt die Pflegeeltern nicht.

Rolle

Eigene Gefühle reflektieren

Wut auf die Herkunftsfamilie, Schmerz über das, was dem Kind angetan wurde, Eifersucht auf die emotionale Bedeutung der leiblichen Eltern — all das sind normale Gefühle. Sie dürfen aber nicht unbearbeitet in die Biografiegespräche einfließen. Supervision und Austausch mit anderen Pflegeeltern helfen.

Wann professionelle Biografiearbeit nötig ist

Es gibt Situationen, in denen die Begleitung durch Pflegeeltern allein nicht ausreicht und professionelle Unterstützung hinzugezogen werden sollte:

Das Kind zeigt starke Reaktionen (Weinen, Wutausbrüche, Dissoziation) beim Thematisieren der Vergangenheit — ein Zeichen, dass Traumaverarbeitung professionelle Begleitung braucht.
Das Kind hat komplexe, schwere Traumata erlebt (schwere körperliche oder sexuelle Gewalt, Tod eines Elternteils, Folter, Flucht). Diese Themen erfordern immer einen Traumatherapeuten.
Die Biografiearbeit führt zu dauerhafter Destabilisierung des Kindes — Schlafstörungen, Regression, starke Verhaltensänderungen. Eine Pause und fachliche Begleitung sind dann wichtiger als Fortschritt.
Pflegeeltern fühlen sich mit den Themen überfordert oder merken, dass ihre eigenen Gefühle die Gespräche beeinflussen. Auch hier: Supervision und Fachberatung.

Anlaufstellen und Unterstützung

  • Pflegekinderdienst (PKD) des Jugendamts Erste Anlaufstelle für alle Fragen zur Biografiearbeit. Viele PKDs haben Materialien, Vorlagen und Beratungsangebote speziell für Pflegefamilien.
  • PFAD — Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien Fachverband mit Materialien, Seminaren und Beratungsangeboten zur Biografiearbeit und Identitätsarbeit mit Pflegekindern.
  • Erziehungsberatungsstellen Kostenlose, niedrigschwellige Beratung für Pflegefamilien. Viele Berater haben Erfahrung mit Themen der Pflegekinderhilfe.
  • Kinder- und Jugendpsychotherapeuten Bei schweren Traumata oder starken Reaktionen auf Biografiegespräche ist eine psychotherapeutische Begleitung des Kindes unerlässlich.
  • Traumapädagogische Fachkräfte Speziell ausgebildete Fachkräfte (z.B. aus der Traumapädagogik nach Kühn/Streek-Fischer) bieten gezielte Begleitung bei der Aufarbeitung von Traumabiografien.

Tipp

Biografiearbeit ist ein Marathon, kein Sprint. Es ist vollkommen in Ordnung, langsam vorzugehen, Pausen zu machen und das Tempo des Kindes zu respektieren. Kein Pflegekind muss seine gesamte Geschichte auf einmal verstehen oder verarbeiten. Wichtig ist, dass das Thema offen und zugänglich bleibt — dass das Kind weiß: „Ich kann fragen, wann immer ich möchte.“

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Häufige Fragen zur Biografiearbeit mit Pflegekindern

Ab welchem Alter sollte ich mit Biografiearbeit beginnen?

Von Anfang an. Für Babys und Kleinkinder bedeutet Biografiearbeit zunächst, Fotos zu sammeln, Erinnerungen der Pflegeeltern schriftlich festzuhalten und ein Babybuch anzulegen. Ab dem Kindergartenalter können erste einfache Erklärungen gegeben werden. Biografiearbeit ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der sich dem Entwicklungsstand des Kindes anpasst. Je früher damit begonnen wird, desto selbstverständlicher wird das Thema für das Kind.

Was tue ich, wenn ich die Vorgeschichte meines Pflegekindes nicht kenne?

Dokumentiere, was bekannt ist — auch wenn es wenig ist. Frage beim Pflegekinderdienst oder Jugendamt nach vorhandenen Unterlagen, Fotos aus Kliniken oder Informationen von früheren Bezugspersonen. Sei ehrlich gegenüber dem Kind: 'Das wissen wir leider nicht — aber wir können zusammen herausfinden, was möglich ist.' Lücken sollten als solche benannt werden, nicht mit Fantasien gefüllt. Das Kind wird diese Ehrlichkeit später mehr schätzen als eine erfundene, lückenlose Geschichte.

Soll ich meinem Pflegekind die Wahrheit über seine Herkunft sagen?

Ja — altersgerecht und einfühlsam. Kinder spüren Geheimnisse und füllen Wissenslücken mit eigenen, oft belastenderen Fantasien. Schweigen führt zu Misstrauen und erschwert die Identitätsentwicklung erheblich. Die Wahrheit muss nicht in vollem Umfang auf einmal erzählt werden — aber sie sollte nie aktiv verleugnet werden. Fachberatung durch den Pflegekinderdienst oder eine psychologische Fachkraft hilft bei der altersgerechten Formulierung schwieriger Wahrheiten.

Kann Biografiearbeit mein Pflegekind retraumatisieren?

Das Risiko einer Retraumatisierung ist gering, wenn Biografiearbeit behutsam, im sicheren Rahmen und im eigenen Tempo des Kindes stattfindet. Das Kind bestimmt, wie tief es geht und wann es pausieren möchte. Bei Kindern mit bekannten schweren Traumata sollte eine professionelle Begleitung durch einen Traumatherapeuten einbezogen werden. Schützend wirkt vor allem die stabile Bindung zu den Pflegeeltern — sie gibt dem Kind Sicherheit, um die Vergangenheit anzuschauen.

Wo finde ich Vorlagen für ein Lebensbuch?

Verschiedene Pflegeelternverbände wie PFAD, die Landesjugendämter und Beratungsstellen für Pflegefamilien bieten Vorlagen und Anleitungen an. Auch der zuständige Pflegekinderdienst hat oft eigenes Material. Fertige Lebensbücher gibt es im Fachbuchhandel, zum Beispiel von Vera Fahlberg oder Dagmar Härle. Selbst gestalten ist ebenfalls eine gute Option — wichtig ist nicht die Optik, sondern die individuelle Anpassung an das Kind.

Pflegealltag digital begleiten & dokumentieren

Mit Pflegeeltern.Space dokumentierst du Entwicklungsschritte, hältst wichtige Erinnerungen fest und erhältst KI-gestützte Beratung zu Themen wie Biografiearbeit und Identitätsentwicklung — rund um die Uhr.

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