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Fachthema

Bindungsstörung bei Pflegekindern
Anzeichen erkennen & Bindung fördern

Viele Pflegekinder haben in ihren ersten Lebensjahren keine verlässliche Bezugsperson erfahren. Was das für ihre Fähigkeit bedeutet, Bindung aufzubauen — und wie Pflegeeltern trotz aller Schwierigkeiten eine sichere Basis schaffen können.

11 Min. LesezeitAktualisiert: Februar 2026ICD-10 F94 | Bowlby-Theorie

Bindungstheorie nach Bowlby — das Fundament verstehen

Die Bindungstheorie wurde in den 1960er und 1970er Jahren vom britischen Psychiater John Bowlby entwickelt und später durch die Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth empirisch untermauert. Ihr Kern: Menschen sind von Geburt an darauf ausgelegt, enge, emotionale Bindungen zu wenigen Bezugspersonen einzugehen — sogenannten Bindungspersonen. Diese Bindung dient dem Überleben, der Regulation von Stress und der Erkundung der Welt.

Bowlby beschrieb das Bindungsverhaltenssystem: Wenn ein Kind Bedrohung, Schmerz oder Unsicherheit wahrnimmt, sucht es Nähe zur Bindungsperson. Eine feinfühlige Bezugsperson, die konsistent antwortet, vermittelt dem Kind: „Die Welt ist sicher. Ich bin liebenswert. Beziehungen tragen mich.“ Das Gehirn speichert diese Erfahrungen als inneres Arbeitsmodell, das alle späteren Beziehungen prägt.

Die vier Bindungsmuster im Überblick

Mary Ainsworth identifizierte durch ihre Fremde-Situation-Beobachtung drei Bindungsmuster; ein viertes wurde später von Mary Main und Judith Solomon beschrieben. Diese Muster sind keine Diagnosen, sondern Strategien, mit denen Kinder lernen, mit ihrer Bezugsperson umzugehen:

B

Sichere Bindung

Das Kind nutzt die Bezugsperson als sichere Basis, erkundet aktiv die Welt, zeigt Kummer bei Trennung und wird bei Rückkehr schnell getröstet. Die Bezugsperson ist feinfühlig und konsistent verfügbar.

Häufigkeit: ca. 55–65 % in der Allgemeinbevölkerung

A

Unsicher-vermeidend

Das Kind unterdrückt Bindungssignale, zeigt kaum Trennungsschmerz und meidet Nähe bei Wiedersehen. Es hat gelernt: Emotionale Bedürfnisse führen zu Zurückweisung — also besser gar nicht erst zeigen.

Häufigkeit: ca. 20–25 % in der Allgemeinbevölkerung

C

Unsicher-ambivalent

Das Kind zeigt übermäßige Trennungsangst, ist schwer zu trösten, wechselt zwischen Anklammern und Widerstand. Die Bezugsperson ist unvorhersagbar — das Kind weiß nie, wann Fürsorge kommt.

Häufigkeit: ca. 10–15 % in der Allgemeinbevölkerung

D

Desorganisiert

Das Kind zeigt widersprüchliches, desorientiertes Verhalten — gleichzeitig Annäherung und Rückzug. Häufig bei Kindern mit Misshandlungs- oder Vernachlässigungserfahrungen. Die Bindungsperson ist selbst Quelle von Angst.

Häufigkeit: ca. 15–25 % bei Risikogruppen, deutlich häufiger bei Pflegekindern

Gut zu wissen

Bindungsmuster sind keine starren Schubladen. Sie entstehen im Kontext einer spezifischen Bezugsperson und können sich durch neue, stabilisierende Beziehungserfahrungen verändern. Als Pflegeeltern habt ihr die Möglichkeit, neue innere Arbeitsmodelle zu ermöglichen — das braucht Zeit, ist aber wissenschaftlich belegt möglich.

Was ist eine Bindungsstörung?

Eine Bindungsstörung ist kein einfaches unsicheres Bindungsmuster, sondern eine klinisch relevante Störung, die im ICD-10 unter F94 („Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit“) eingeordnet wird. Sie entsteht, wenn ein Kind in den ersten Lebensjahren keine oder nur unzureichende Möglichkeit hatte, eine stabile Bindungsbeziehung aufzubauen.

ICD-10 Diagnosen im Überblick

F94.1

Reaktive Bindungsstörung des Kindesalters

Das Kind zeigt ein anhaltend abnormes Muster sozialer Beziehungen: übermäßige Ängstlichkeit, Hypervigilanz, soziale Gehemmtheit, Widersprüchlichkeit in sozialen Reaktionen (z.B. gleichzeitig Nähe suchen und zurückweisen). Das Kind ist schwer tröstbar. Diese Form ist häufig mit Vernachlässigung und inkonsistenter Fürsorge verbunden.

F94.2

Enthemmte Bindungsstörung des Kindesalters

Das Kind zeigt diffuses, undifferenziertes Bindungsverhalten: Es geht unterschiedslos auf alle Erwachsenen zu, sucht Körperkontakt bei Fremden, läuft ohne Trennungsangst mit Unbekannten mit. Es gibt keine selektive Bindung an spezifische Personen. Diese Form ist besonders häufig nach häufigen Betreuungswechseln oder Heimerziehung.

Abgrenzung: Unsichere Bindung vs. Bindungsstörung

Die Begriffe werden im Alltag oft verwechselt. Der Unterschied ist klinisch bedeutsam:

MerkmalUnsichere BindungBindungsstörung (ICD-10)
HäufigkeitSehr verbreitet (35–45 % aller Kinder)Selten in der Gesamtbevölkerung
BezugspersonBindung zu einer Bezugsperson vorhandenKeine selektive Bindung erkennbar
BeeinträchtigungSubtile BeziehungserschwernisseDeutliche Funktionsbeeinträchtigung
DiagnoseKein ICD-10-CodeICD-10 F94.1 oder F94.2
BehandlungFeinfühlige Pflegeumgebung ausreichendProfessionelle Therapie erforderlich

Wichtig

Die Diagnose einer Bindungsstörung darf nur von einem qualifizierten Kinder- und Jugendpsychiatrie-Fachmann oder einer Kinder- und Jugendpsychotherapie-Fachkraft gestellt werden. Eine Verdachtsdiagnose durch Pflegeeltern oder das Jugendamt reicht nicht aus. Wichtig ist jedoch, dass Pflegeeltern Anzeichen kennen und frühzeitig professionelle Unterstützung einleiten.

Ursachen bei Pflegekindern

Bindungsstörungen entstehen nicht zufällig. Sie sind die direkte Folge früher, anhaltender Beziehungsverletzungen — meistens in den ersten drei Lebensjahren, wenn das Bindungssystem des Kindes am empfindlichsten ist. Die Forschung zeigt: Nicht das Traumaereignis allein, sondern das Fehlen einer feinfühligen Schutzperson danach ist entscheidend.

Frühe und schwere Vernachlässigung

Wenn Grundbedürfnisse — Nahrung, Wärme, Körperkontakt, Ansprache — über Monate oder Jahre nicht verlässlich erfüllt werden, lernt das kindliche Nervensystem: Hilfe suchen bringt nichts. Das Bindungsverhaltenssystem wird desaktiviert oder hyperaktiviert.

Häufige Beziehungsabbrüche

Jeder Wechsel der Bezugsperson — Heimunterbringung, Pflegefamilienwechsel, häufige Krankenhausaufenthalte ohne Eltern — ist ein Beziehungsabbruch. Das Kind lernt: Bindung endet immer. Warum noch investieren?

Körperliche oder seelische Misshandlung

Wenn die Bezugsperson selbst Quelle von Angst und Schmerz ist, entsteht ein unlösbarer Konflikt: Das Kind braucht die Person gleichzeitig für Schutz und fürchtet sie. Dieser Widerspruch führt zu desorganisiertem Bindungsverhalten.

Psychisch erkrankte oder suchtbelastete Eltern

Eltern mit schwerer Depression, Psychose oder Suchterkrankung können nicht konsistent feinfühlig auf ihr Kind reagieren. Das Kind erlebt unberechenbare Verfügbarkeit — mal da, mal weg, mal erschreckend.

Institutionelle Unterbringung ohne stabile Bezugspersonen

Säuglinge und Kleinkinder in Einrichtungen mit häufig wechselndem Personal und fehlender Bezugspersonenkontinuität sind besonders gefährdet. Studien zu Kindern aus rumänischen Kinderheimen der 1990er Jahre haben die langfristigen Folgen eindrücklich dokumentiert.

Gut zu wissen

Studien zeigen, dass über 80 % der Pflegekinder mindestens ein unsicheres Bindungsmuster aufweisen. Eine klinische Bindungsstörung ist seltener, aber deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Wer als Pflegeelternteil die Vorgeschichte seines Kindes kennt, versteht Verhalten besser — und reagiert einfühlsamer.

Ausführlicher Ratgeber

Traumatisierte Pflegekinder: Verstehen, begleiten, helfen

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Anzeichen einer Bindungsstörung erkennen

Bindungsstörungen zeigen sich unterschiedlich — abhängig vom Alter des Kindes, der Art der früheren Erfahrungen und der spezifischen Diagnoseform. Viele Verhaltensweisen erscheinen auf den ersten Blick unverständlich oder provokativ, sind aber Überlebensstrategien des kindlichen Nervensystems.

Anzeichen, die auf eine reaktive Bindungsstörung (F94.1) hinweisen können

Vermeidung von Körperkontakt und Nähe

Das Kind weicht Umarmungen aus, versteift sich bei Berührung oder reagiert gar nicht auf Zärtlichkeit. Nicht Gleichgültigkeit ist der Grund, sondern erlernte Schutzreaktion: Nähe bedeutete früher Schmerz oder Unberechenbarkeit.

Gleichzeitiges Suchen und Ablehnen von Trost

Das Kind kommt weinend zur Pflegemutter, lässt sich aber nicht trösten — drückt sie weg, schlägt oder beißt. Dieser Widerspruch ist für Pflegeeltern oft erschöpfend und verwirrend.

Übermäßige Hypervigilanz und Anspannung

Das Kind beobachtet ständig die Umgebung, schreckt bei unerwarteten Geräuschen oder Bewegungen auf, schläft schlecht und zeigt eine dauerhaft erhöhte Stressreaktion.

Schwierigkeiten bei der emotionalen Regulation

Starke, lang anhaltende Gefühlsausbrüche (Wut, Angst, Verzweiflung) ohne erkennbaren Auslöser. Das Kind kann sich nicht selbst beruhigen und kann durch Trost von außen kaum erreicht werden.

Indifferentes oder emotionsloses Verhalten

Das Kind zeigt in emotional aufgeladenen Situationen kaum Reaktion — weder Freude noch Trauer. Dies kann als Desinteresse missverstanden werden, ist aber oft emotionale Abschottung als Schutzstrategie.

Anzeichen, die auf eine enthemmte Bindungsstörung (F94.2) hinweisen können

Übermäßige Distanzlosigkeit gegenüber Fremden

Das Kind geht sofort auf unbekannte Erwachsene zu, klettert auf den Schoß, fragt nach Umarmungen, läuft im Supermarkt mit Fremden mit. Es fehlt das normale Fremdeln und die selektive Bindung.

Kein Rückversichern bei der Bezugsperson

Das Kind schaut sich beim Erkunden neuer Umgebungen nicht nach der Pflegeperson um. Es wirkt scheinbar mutig und unabhängig — tatsächlich fehlt aber das Sicherheitsgefühl, das Erkunden erst möglich macht.

Fehlende Trennungsangst und undifferenziertes Verhalten

Das Kind zeigt keinen bevorzugten Umgang mit seinen Pflegeeltern gegenüber Fremden. Es ist bereit, mit jedem mitzugehen — was in der Praxis auch ein Sicherheitsrisiko darstellt.

Altersspezifische Besonderheiten

Säuglinge (0–12 Monate)

Wenig Augenkontakt, kaum Lächeln, schwaches Schreien, Regulationsprobleme (Schlafen, Essen), kein selektives Bindungsverhalten, mangelndes Ansprechen auf Trost.

Kleinkinder (1–3 Jahre)

Kein Fremdeln, fehlende Trennungsangst, desorganisiertes Verhalten bei Wiedersehen, Schwierigkeiten bei der Emotions-Regulation, schwache Explorationslust.

Vorschulalter (3–6 Jahre)

Kontrollierendes Verhalten gegenüber Bezugspersonen, Rollenumkehr (Kind fürsorglich zur Pflegeperson), starke Kontrollbedürfnisse, Schwierigkeiten mit Gleichaltrigen.

Schulkind (6–12 Jahre)

Schulprobleme durch eingeschränkte Lernfähigkeit unter Stress, soziale Isolation, entweder übermäßiges Klammern oder emotionale Distanz, Verhaltensauffälligkeiten.

Jugendliche (ab 12 Jahre)

Risikoverhaltensweisen, schwierige Beziehungsgestaltung mit Gleichaltrigen, selbstverletzende Verhaltensweisen, Misstrauen gegenüber Erwachsenen, emotionale Dysregulation.

Wichtig

Viele der beschriebenen Verhaltensweisen können auch andere Ursachen haben — ADHS, FASD (Fetales Alkoholsyndrom), Autismus-Spektrum-Störung oder posttraumatische Belastungsstörung. Eine sorgfältige Differentialdiagnose durch Fachkräfte ist unerlässlich, bevor von einer Bindungsstörung gesprochen wird.

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Bindung aktiv fördern — was Pflegeeltern täglich tun können

Bindungsaufbau mit Pflegekindern ist kein Projekt, das man abschließt — es ist ein täglicher, oft unspektakulärer Prozess. Die Forschung zeigt: Nicht ein einzelnes großes Erlebnis, sondern die Summe vieler kleiner, feinfühliger Momente verändert das innere Arbeitsmodell eines Kindes. Hier sind die Strategien, die wissenschaftlich am besten belegt sind:

1

Feinfühligkeit üben

Feinfühligkeit (englisch: sensitivity) ist die Kernkompetenz jeder förderlichen Bindungsbeziehung. Sie bedeutet: Die Signale des Kindes wahrnehmen, richtig interpretieren und prompt und angemessen darauf reagieren. Nicht perfekt — aber konsistent. Selbst wenn du 30 % der Zeit feinfühlig reagierst, hat das Wirkung.

2

Verfügbarkeit signalisieren

Kinder mit Bindungsstörungen testen oft unbewusst: 'Bist du wirklich da? Bleibst du, wenn es schwierig wird?' Sei körperlich präsent — auch ohne aktive Interaktion. Sage dem Kind explizit: 'Ich bin hier. Ich gehe nicht weg.' Worte und Handlungen müssen übereinstimmen.

3

Vorhersagbarkeit und Struktur schaffen

Ein verlässlicher Tagesablauf ist für bindungsgestörte Kinder keine Bürokratie — er ist lebensnotwendige Sicherheit. Feste Schlafenszeiten, Mahlzeiten und Rituale reduzieren die ständige Alarmbereitschaft des Nervensystems. Das Kind lernt: Die Welt ist berechenbar.

4

Kleine Schritte feiern

Ein kurzer Augenkontakt, ein Moment des Mitspielens, das erste Mal Trost annehmen — das sind Meilensteine. Benenne sie ruhig und ohne Druck: 'Du hast mich gerade angeschaut. Das war schön.' Das Kind lernt: Beziehung fühlt sich gut an.

5

Emotionen spiegeln und benennen

Viele Pflegekinder haben keine Sprache für ihre innere Welt entwickelt. Hilf ihnen: 'Du schaust gerade wütend aus. Ich glaube, du bist traurig, weil...' Diese emotionale Ko-Regulation (Schritt für Schritt gemeinsam regulieren) ist die Vorstufe zur Selbstregulation.

6

Gemeinsame Aktivitäten ohne Leistungsdruck

Vorlesen, gemeinsam kochen, im Garten sein, puzzeln — Aktivitäten, bei denen keine Leistung erwartet wird, schaffen Raum für Nähe ohne Druck. Das Kind kann die Bindungserfahrung machen, ohne sich exponiert zu fühlen.

Praktische Tipps für den Alltag

Körbchentechnik: Biete Körperkontakt immer von hinten an — viele Kinder mit Bindungsstörung tolerieren rückseitigen Körperkontakt besser als Frontal-Umarmungen. Beim Vorlesen auf dem Schoß sitzend, beim Weben oder Basteln nebeneinander.
Verabschiedungsrituale: Sage immer deutlich, wenn und wohin du gehst, und wann du zurückkommst. Kein plötzliches Verschwinden — das reaktiviert Verlustangst. Auch wenn das Kind scheinbar gleichgültig reagiert: Die Information hilft.
„Sicherheitsobjekte“ ermöglichen: Ein Kuscheltier, ein Foto von euch als Familie, ein T-Shirt mit deinem Duft — Übergangsobjekte helfen dem Kind, eure Bindung zu internalisieren, auch wenn ihr nicht da seid.
Reparation nach Konflikten: Nach einer schwierigen Situation klar zeigen: „Wir hatten gerade einen harten Moment. Aber ich bin noch da. Du bist mir wichtig.“ Das demonstriert, dass Beziehungen Konflikte überleben.

Tipp

„Therapeutisches Elternsein“ (Therapeutic Parenting) ist ein Konzept, das Pflegeeltern gezielt schult, therapeutische Prinzipien in den Alltag zu integrieren — ohne selbst Therapeuten zu sein. In Deutschland gibt es entsprechende Fortbildungen über PFAD, die Caritas oder freie Träger. Diese Fortbildungen sind oft kostenlos für Pflegeeltern.

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Was Pflegeeltern wissen sollten

Kein anderes Thema fordert Pflegeeltern so stark wie Bindungsaufbau mit einem traumatisierten Kind. Hier sind die wichtigsten Haltungen und Erkenntnisse, die Pflegeeltern — auch in schwierigen Phasen — tragen können:

Fortschritte brauchen Monate und Jahre

Für jedes Jahr der Vernachlässigung braucht das Kind in etwa zwei Jahre stabile Beziehungserfahrung. Das ist kein Versagen — das ist Neurobiologie. Das Gehirn verändert sich langsam, aber messbar.

Rückschritte sind Teil des Prozesses

Auf gute Phasen folgen oft Rückschritte — besonders nach Besuchen bei der Herkunftsfamilie, Übergängen, Schulwechseln. Das ist kein Zeichen, dass die Arbeit umsonst war. Es bedeutet: Das Kind verarbeitet.

Eigene Grenzen kennen und kommunizieren

Bindungsaufbau kostet enorme emotionale Ressourcen. Pflegeeltern, die sich nicht um sich selbst kümmern, können langfristig nicht für das Kind da sein. Eigene Bedürfnisse zu benennen ist keine Schwäche.

Professionelle Begleitung einfordern

Ihr habt ein Anrecht auf Beratung, Supervision und Unterstützung durch den Pflegekinderdienst. Wer zu stolz ist, Hilfe zu holen, riskiert Erschöpfung und damit das Scheitern der Pflegestelle.

Das Verhalten nicht persönlich nehmen

Wenn das Kind Nähe ablehnt, lügt, stiehlt oder zerstört, zielt das in den seltensten Fällen auf euch als Person. Es ist das Schutzverhalten eines verletzten Kindes, das Beziehungen für gefährlich hält.

Ihr müsst nicht perfekt sein

Die Forschung zeigt: Kinder brauchen keine perfekten Bezugspersonen. Sie brauchen Menschen, die nach Fehlern zurückkommen und reparieren. Diese Reparation ist oft wichtiger als das Vermeiden von Fehlern.

Wichtig

Eigene Belastung ist ein Warnsignal. Wenn ihr merkt, dass ihr das Kind ablehnt, ständig gereizt reagiert oder euch emotional leer fühlt — holt sofort Unterstützung. Sekundäre Traumatisierung (auch Mitgefühlsmüdigkeit genannt) ist bei Pflegeeltern von schwer traumatisierten Kindern häufig und behandelbar.

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Therapeutische Unterstützung bei Bindungsstörungen

Feinfühlige Pflege durch Pflegeeltern ist die Basis — aber bei einer klinischen Bindungsstörung ist zusätzliche professionelle Therapie notwendig. Die gute Nachricht: Es gibt bewährte, evidenzbasierte Ansätze, die Pflegeeltern aktiv einbeziehen.

Bindungsorientierte Therapie

Attachment-based therapy

Setzt direkt am Bindungsverhalten an. Ziel ist der Aufbau eines sicheren inneren Arbeitsmodells durch korrigierende Beziehungserfahrungen im therapeutischen Rahmen. Pflegeeltern werden oft aktiv in die Sitzungen einbezogen.

Indikation: Primäre Wahl bei F94.1 (reaktive Bindungsstörung)

Spieltherapie

Play therapy

Besonders geeignet für jüngere Kinder (3–10 Jahre), die ihre Erfahrungen nicht verbalisieren können. Im geschützten Spielraum können Kinder Kontrolle, Sicherheit und emotionale Ausdruck üben.

Indikation: Geeignet für alle Formen, besonders bei Kleinkindern und Vorschulalter

Marte Meo (Video-Interaktionsanalyse)

Marte Meo Method

Kurze Alltagsinteraktionen zwischen Pflegeeltern und Kind werden gefilmt und gemeinsam mit einem Berater analysiert. Pflegeeltern erkennen, was in ihren Interaktionen bereits gut funktioniert, und lernen gezielte Feinfühligkeitsstrategien.

Indikation: Ideal zur Stärkung der Pflegeeltern-Kind-Interaktion

Eltern-Kind-Therapie / Dyadic Developmental Therapy

DDT nach Hughes

Entwickelt vom Psychologen Dan Hughes. Bezugsperson und Kind werden gemeinsam therapiert. Die Bezugsperson spielt eine aktive Rolle. Kern ist die Arbeit mit PACE: Playfulness, Acceptance, Curiosity, Empathy.

Indikation: Sehr gut geeignet bei desorganisierter Bindung und komplexem Trauma

EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)

EMDR für Kinder

Traumaverarbeitende Therapiemethode, die bei älteren Kindern und Jugendlichen mit traumatischer Bindungsgeschichte wirksam ist. Arbeitet direkt mit traumatischen Erinnerungen und deren emotionaler Aktivierung.

Indikation: Geeignet ab ca. 6 Jahren, besonders bei PTBS-Komponenten

Tipp

Die Kosten für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie bei einer diagnostizierten Bindungsstörung werden von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen. Wartezeiten auf einen Kassensitzungsplatz können sechs Monate oder länger betragen — fangt frühzeitig an, einen Platz zu suchen. Überbrückend hilft oft eine Beratungsstelle (z.B. Erziehungsberatungsstelle, Caritas, SKF).

Anlaufstellen für Pflegeeltern und Pflegekinder

  • Pflegekinderdienst des Jugendamtes — erste Anlaufstelle, kostenlose Beratung, kann Therapieplätze vermitteln
  • Erziehungsberatungsstellen — kostenlos, kein Überweisungsschein, kürzere Wartezeiten als Praxen
  • Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) — für Krisenintervention und Diagnostik; ambulant und stationär möglich
  • PFAD Bundesverband — Interessenverband für Pflegefamilien mit regionalen Gruppen und Beratungsangeboten
  • Institut für Traumapädagogik (ITP) — Fortbildungen und Supervisionsangebote für Fachkräfte und Pflegeeltern

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Häufige Fragen zur Bindungsstörung bei Pflegekindern

Wie lange dauert es, bis ein Pflegekind Bindung aufbaut?

Das hängt stark vom Alter des Kindes, seiner Vorgeschichte und der Stabilität der Pflegefamilie ab. Als grobe Orientierung gilt: Für jedes Jahr der Vernachlässigung oder des Beziehungsabbruchs benötigt ein Kind in der Regel etwa zwei Jahre kontinuierliche Beziehungserfahrung, um echtes Vertrauen aufzubauen. Bei Kleinkindern kann sichtbare Bindungsentwicklung nach 6–12 Monaten einsetzen, bei älteren Kindern mit langer Traumageschichte kann es Jahre dauern. Geduld und Kontinuität sind entscheidend — nicht Tempo.

Kann eine Bindungsstörung geheilt werden?

Eine vollständige 'Heilung' im medizinischen Sinne ist nicht der richtige Begriff. Bindungsstörungen sind jedoch mit professioneller Unterstützung gut behandelbar. Viele Kinder entwickeln mit stabilen Bezugspersonen und geeigneter Therapie — zum Beispiel bindungsorientierter Therapie oder Spieltherapie — zunehmend sichere Bindungsmuster. Entscheidend ist die emotionale Stabilität und Feinfühligkeit der Pflegeeltern sowie frühzeitige therapeutische Begleitung. Rückschritte gehören zum Prozess und sind kein Zeichen des Scheiterns.

Mein Pflegekind lässt keine Nähe zu — was kann ich tun?

Vermeidung von Nähe ist häufig ein Schutzmechanismus: Das Kind hat gelernt, dass Beziehungen gefährlich oder unzuverlässig sind. Dränge das Kind nicht zu Körperkontakt. Schaffe stattdessen regelmäßige, vorhersagbare Situationen mit geringem Druck — gemeinsame Mahlzeiten, ruhige Spielzeiten, paralleles Tätigsein. Benenne deine Anwesenheit ruhig und deutlich: 'Ich bin da.' Lass das Kind die Annäherung im eigenen Tempo steuern. Hol dir Unterstützung durch bindungsorientierte Fachberatung oder Therapie.

Ist jedes Pflegekind bindungsgestört?

Nein. Nicht jedes Pflegekind hat eine klinische Bindungsstörung im Sinne von ICD-10 F94. Viele Pflegekinder entwickeln unsichere Bindungsmuster — vermeidend, ambivalent oder desorganisiert — die deutlich häufiger vorkommen als eine vollständige Bindungsstörungsdiagnose. Diese unsicheren Muster können mit feinfühliger Pflege positiv verändert werden. Eine klinische Bindungsstörung tritt vor allem bei Kindern auf, die in den ersten Lebensjahren kaum eine stabile Bezugsperson hatten.

Wie unterscheide ich zwischen unsicherer Bindung und Bindungsstörung?

Unsichere Bindungsmuster (vermeidend, ambivalent, desorganisiert) sind Varianten des Bindungsverhaltens, die sich im Kontext einer spezifischen Bezugsperson zeigen. Eine Bindungsstörung nach ICD-10 F94 liegt vor, wenn das Kind insgesamt — also nicht nur zu einzelnen Personen — keine angemessene soziale Bezogenheit zeigt und dies auf frühe schwere Vernachlässigung oder häufige Beziehungsabbrüche zurückzuführen ist. Die Diagnose wird von einem Kinder- und Jugendpsychiatrie-Fachmann gestellt und setzt eine gründliche Anamnese voraus.

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